Der größte Holzturm der Welt ist einem Frauentorso nachempfunden. Hoch über dem Wörthersee ragt er 80 Meter in den Kärntner Himmel empor: eine Aussichtswarte auf gebogenen Leimholzpfählen, die sich an ein Skelett aus massiven Stahlringen schmiegen. Als der Architekt die Pläne für den Turm auf dem Pyramidenkogel zeichnete, hatte er Botticellis berühmtes Bild Die Geburt der Venus vor Augen. Wo die Schultern der griechischen Göttin wären, auf der höchsten von sechs Aussichtsplattformen, steht der Auftraggeber des Bauwerks: Keutschachs FPÖ-Bürgermeister Gerhard Oleschko. Mit der Hand zeigt er auf die umliegenden Berge. Auf die Saualpe und die Gurktaler Alpen. "Von hier aus hat man den schönsten Blick über Kärnten", sagt er. Ein Windhauch fährt durch sein weißes Haar. Der Mann wirkt, als ob er die Landschaft liebevoll umarmen möchte. Vor allem aber seinen Turm.

Oleschko gehörte zum innersten Kreis um Landeshauptmann Jörg Haider. Gemeinsam hatten die beiden die Idee, den alten, schmucklosen Betonturm zu sprengen und eine neue Aussichtswarte zu bauen. Haider kam ums Leben, doch Oleschko ließ nicht locker. Im Juni 2013 wurde der Koloss von Keutschach eröffnet. Mehr als acht Millionen Euro hat er gekostet. Er ist das letzte Monument einer Ära, in der man in Kärnten Rekorde brechen wollte – und das um jeden Preis. Die Rechnung dafür bezahlen jetzt andere.

Seit einem Jahr würgt eine Dreierkoalition unter der Führung des Sozialdemokraten Peter Kaiser am Erbe von Jörg Haider und seinem Nachfolger Gerhard Dörfler. Deren wahnwitzige Brot-und-Spiele-Politik hat das Land an den Rand der Zahlungsunfähigkeit manövriert. Schon jetzt klafft in den Büchern ein Schuldenloch von mehr als vier Milliarden Euro. Kaiser will das Ansehen Kärntens wiederherstellen – doch sein Gestaltungsspielraum tendiert gegen null. In den nächsten zwei Jahren werden 240 Millionen Euro bei Spitälern und Krankenkassen gespart. Auch in der Verwaltung und bei Bauaufträgen werden die Etats um 40 Millionen gedrückt. Beamte, die in Ruhestand gehen, werden in zwei von drei Fällen nicht nachbesetzt. Bereits bewilligte Baumaßnahmen werden verschoben, für die Sanierung löchriger Straßen fehlt das Geld.

Die neue Regierung dreht jeden Cent um. Denn für Haiders giftigstes Vermächtnis, die Hypo Alpe Adria, wird Kärnten wohl einen dreistelligen Millionenbetrag aufwenden müssen. Immerhin liegt hier die Wurzel des Übels. Weil die Kärntner Jörg Haider zum Landeshauptmann gekürt haben. Einen Politiker, dessen kriminelle Energie vor Gericht thematisiert wurde. Der Klagenfurter Richter Manfred Herrnhofer hat nicht nur den ehemaligen Kärntner ÖVP-Obmann Josef Martinz zu einer Haftstrafe wegen illegaler Parteienfinanzierung beim Hypo-Verkauf verdonnert. Er hat Haider als Drahtzieher des Coups benannt und posthum mitverurteilt. Wäre der Politiker noch am Leben, würde man ihn demnächst wohl einsperren müssen.

"Ich werde Haider nicht verleugnen", sagt Oleschko. "Es ist mir zuwider, wie ihm jetzt Dreck nachgeworfen wird." Auch seine Anhänger weichen aus, wenn die Rede auf die Hypo kommt. Zwei Autominuten vom Pyramidenkogel entfernt, im Gasthaus Karawankenblick, sitzt Mike, ein Mittvierziger mit Lederhut, vor sich eine Flasche Villacher Bier. Über seinen Bürgermeister und die FPÖ lässt er nichts kommen. "Besser geht es gar nicht", sagt er. Und die Hypo? Er denkt nach. "Ich kann nichts dafür." Neuerliche Pause, Schluck Bier. "Aber da haben sie wohl a bissale an Schas gebaut."

Eine typische Reaktion, meint Oliver Vitouch. Der Klagenfurter Universitätsrektor lehrt Psychologie, das Innenleben der Kärntner ist sein Steckenpferd. "Haiders Wähler merken langsam, dass sie hintergangen wurden. In stillen Momenten gestehen sie sich ihren Irrtum ein." Dennoch bleibe Bewunderung für den gewieften Trickser: "In ländlichen Kulturen gilt Bauernschläue als hoher Wert." Es sei bloß eine Frage der Zeit, "bis der nächste Menschenfänger kommt".

Noch allerdings erscheint keiner am Horizont. Die Kärntner Blauen dümpeln in Umfragen bei 18 Prozent. Regelmäßig apern Beispiele für den Machtmissbrauch des Ancien Régime an die Öffentlichkeit. Auch Haiders Tochter Ulrike, die für das BZÖ bei den EU-Wahlen antreten und den Ruf ihres Vater wiederherstellen will, ruft keine Begeisterung hervor. Die 37-Jährige kämpft selbst mit der Hinterlassenschaft ihres Vaters. Die Landesholding will von der Familie Haider bis zu 2,7 Millionen Euro Schadensersatz. Womöglich droht der Verlust des Familienanwesens im Bärental.