Wenn Wissenschaftler sich in die Nähe von viel Geld begeben, wissen sie oft weder vorher noch nachher, auf was genau sie sich dabei eingelassen haben. Das lehren die Zuschreibungs- und Fälschungsskandale der letzten Jahre, und das zeigt nun auch der Fall des Leonardo da Vinci zugeschriebenen Salvator Mundi. Ende Juni 2011 war das Bild der Öffentlichkeit vorgestellt worden, zweifellos ein Sensationsfund. Im Mai 2013, so berichtete unlängst die New York Times, erfolgte sein Verkauf durch das Auktionshaus Sotheby’s. Etwa 75 bis 80 Millionen Dollar soll ein ungenannter Sammler in einem private sale bezahlt haben. Das liegt weit unter den Erwartungen der Besitzer, ist aber immer noch eine ganz ordentliche Summe.

Die Geschichte des Gemäldes ist inzwischen so verworren, dass nichts, nicht einmal der jetzt angeblich erzielte Preis, verwundern kann. Nimmt man die dreistelligen Millionenbeträge, die inzwischen reihenweise für andere Spitzenstücke auf dem Kunstmarkt erzielt werden, dann war der Salvator Mundi ein Schnäppchen. Wahrscheinlicher aber ist die Vermutung, dass der vergleichsweise günstige Preis die latenten Zweifel an der Zuschreibung zuverlässig abbildet – wenn die Bezeichnung "zuverlässig" in diesem Zusammenhang überhaupt Verwendung finden darf und der Verkauf tatsächlich stattgefunden hat. Die eigentliche Nagelprobe für den Salvator Mundi wäre seine Versteigerung durch eines der international agierenden Auktionshäuser gewesen. Bei dieser Gelegenheit hätten alle Argumente für und gegen die Zuschreibung eine Öffentlichkeit gefunden und Gegenstand einer ergebnisoffenen Debatte sein können. Ebendiese Nagelprobe wollten die Besitzer offenbar vermeiden.

Mit dem private sale wird erneut deutlich, dass die ganze Sache Teil einer Manipulationskampagne war, an der neben den Eigentümern des Gemäldes auch öffentliche Institutionen und etliche Wissenschaftler nolens volens mitgewirkt haben. Allein schon ein Blick auf die seit 2011 in den Medien, im Kunsthandel und in den Museen kursierenden Preisvorstellungen nährt diesen Verdacht. Nachdem die Existenz des Gemäldes im Juni 2011 plötzlich publik wurde, kursierten erste Summen, die man für einen zweifelsfrei authentischen "Leonardo" erwarten konnte: Bereits im Juli kolportierten amerikanische Medien, dass den Besitzern des Salvator Mundi ein Angebot über 100 Millionen Dollar vorläge, verlangen würden sie aber weit mehr, 200 Millionen. Ähnliche Zahlen wurden noch eine Weile genannt. Im Oktober 2011 dann eine Überraschung: Die Besitzer verkündeten kategorisch, das Gemälde stehe überhaupt nicht zum Verkauf! Der Grund für diese überraschende Wende war die für Anfang November 2011 anstehende Leonardo-Ausstellung der National Gallery in London. Gemeinsam mit in dieser Menge nie zuvor versammelten Gemälden Leonardos wurde auch der Salvator Mundi gezeigt. Es war also angebracht, ihn zuvor als unverkäuflich zu etikettieren, weil sich andernfalls die National Gallery dem Vorwurf ausgesetzt hätte, sie diene mit der Ausstellung des Gemäldes allzu offensichtlich den Verwertungsinteressen seiner Besitzer.

Zu diesem Zeitpunkt wussten Insider bereits, dass die ganze Geschichte ein ziemliches Geschmäckle hat. Schon lange vor der Leugnung jeglicher Verkaufsabsicht war das Gemälde Privatsammlern für einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag angeboten worden. Auch ein großes europäisches Museum erhielt Besuch von einem der Besitzer des Salvator Mundi. Ein Betrag jenseits der magischen Grenze von 100 Millionen stand zur Debatte. In einem bemerkenswerten Akt professioneller Gelassenheit lehnte der Direktor des Museums das Angebot ab, vor allem mit Blick auf die beiliegende Dokumentation zur Restaurierung des Gemäldes. Sie nährte nämlich den Verdacht, dass der Salvator Mundi aufgrund von älteren Schäden und einer weitreichenden Restaurierung kaum noch zuverlässige Aussagen über seine Authentizität zuließ.

Nachdenklich macht auch die Aufnahme des Gemäldes in die Londoner Ausstellung. Deren Gegenstand war das Wirken Leonardos und das seiner Werkstatt in Mailand in den Jahren 1483 bis 1499. Um den Salvator Mundi dazu passend zu machen, wurde er kurzerhand auf "ungefähr 1499 und später" datiert. Diese Datierung lässt sich jedoch weder mit den bekannten Fakten zur Vita Leonardos noch mit den Positionen der seriösen Forschung in Einklang bringen. Ganz im Gegenteil: Die schon seit Langem bekannten eigenhändigen Entwürfe Leonardos für einen Salvator Mundi stammen aus den Jahren ab 1503, mögliche Auftraggeber eines solchen Gemäldes sind erst für die Zeit nach 1507 plausibel zu machen.