Scholz: Wie die moderne Arbeitswelt konkret aussieht, das sollten in erster Linie Gewerkschafter und Arbeitgeber aushandeln.

Lindner: Ja, es muss vor Ort von den Betroffenen entschieden und verhandelt werden. Das ist absolut keine Frage der Politik. Es ist auch nicht nur negativ, wenn die Grenzen zwischen der Arbeit im Betrieb und außerhalb des Betriebs verschwimmen. Darin steckt ja auch eine neue Flexibilität, die eigene Zeit einzuteilen. Ich glaube, dass wir gerade lernen, mit den neuen Möglichkeiten umzugehen.

ZEIT: Zum Kern der liberalen Idee gehört, dass sich der Staat in bestimmte Lebensbereiche seiner Bürger nicht einzumischen hat. Welche sind das?

Scholz: Was ein Bürger denkt. Seine Gespräche. Außer da, wo der Staat eine Schutzfunktion für Schwächere hat – also zum Beispiel bei Gewalt in persönlichen Beziehungen –, ist es Sache der Leute selbst, ihr Leben miteinander zu regeln. Wir haben da keine Vorschriften zu machen.

Lindner: Es ist nicht der Staat, der den Bürgern Freiheit gewährt. Es ist genau andersrum: Die Bürger gewähren dem Staat, dass er aus übergeordneten Gründen ihre Freiheit reduziert. Jeder Eingriff in die Vertragsfreiheit, die Persönlichkeits- und Privatsphäre, auch der Zugriff auf das Privateigentum und Einkommen, ist prinzipiell rechtfertigungsbedürftig. Das heißt, der Staat muss Steuern erheben, aber mit dem Geld vernünftig umgehen. Ich bin der größte Freund des Staates überhaupt, wenn er nämlich als Schiedsrichter agiert, wo er gebraucht wird. Ich will zum Beispiel gerne mehr Staat haben, etwa als Garant einer guten Marktordnung an den Kapitalmärkten.

Hofreiter: Es gibt ganz viele Bereiche, die den Staat nichts angehen. Es geht zum Beispiel den Staat nichts an, wenn ich mit meiner Freundin telefoniere, wenn ich eine E-Mail verschicke und was da drinsteht. Und finanziell darf der Staat seine Bürger nicht unterschiedlich behandeln, egal, ob jemand mit einer Frau oder einem Mann zusammenlebt. Das alles sind Privatentscheidungen.

Scholz: Dann können wir ja gemeinsam festhalten, dass es für gleichgeschlechtliche Partnerschaften eine endgültige Gleichstellung mit der Ehe geben soll – wogegen sich CDU und CSU sträuben.

ZEIT: Da wir nun bei den Gemeinsamkeiten gelandet sind: Was könnte Ihre drei Parteien denn 2017 in eine Koalition bringen?

Scholz: Wir sind jetzt erst am Anfang dieser Legislaturperiode. Weder wissen wir, wie das Wahlergebnis 2017 aussehen wird, noch, ob die FDP wieder im Parlament sein wird.

Lindner: Ich glaube, dass die FDP, etwa mit Blick auf bürgerliche Freiheitsrechte und das Verhältnis zwischen Staat und Bürger im Sicherheitsbereich, durchaus Gemeinsamkeiten mit den Grünen hat. Es gibt bedauerlicherweise umso größere Unterschiede mit Blick auf die Wirtschafts-, Energie- und Industriepolitik. Genau umgekehrt ist es mit der SPD. Da gibt’s eine große Gemeinsamkeit zwischen Liberalen und Sozialdemokraten: Wir haben beide das Ziel, industrielle Infrastruktur zu erhalten. Aber wir unterscheiden uns darin, die Privatsphäre gegen den staatlichen Zugriff zu verteidigen. Insofern bleibt das nur ein erstes Gespräch.

ZEIT: Wenn SPD, FDP und Grüne doch irgendwann eine Koalition bilden würden, wäre das die Ampel. Was ist bei einer Verkehrsampel eigentlich die wichtigste Farbe?

Lindner: Bei der Ampel im Straßenverkehr ist natürlich Grün die wichtigste Farbe, weil es dann vorwärtsgeht. In der Politik ist es genau andersrum. Wo Grün regiert, stellt man oft fest, geht’s gar nicht mehr weiter.

Scholz: Ich finde, bei der Verkehrsampel sind alle drei Farben wichtig. Aber das ist kein politisches Statement.

Hofreiter: Es gibt ja Ampeln, die nur Rot und Grün haben, zum Beispiel Fußgängerampeln. Die funktionieren auch, ganz ohne Gelb.