Reden ist immer gut. Aber worüber? Ohne ein bisschen Streit und Debatte fühlt sich der deutsche Literaturbetrieb bekanntlich wie der Junkie ohne Stoff. Wir fürchten Entzugserscheinungen und haben uns ein paar Fragen ausgedacht, über die sich vielleicht mal reden ließe.

Stimmt es, dass echte Bestsellerautoren (Kehlmann, Schätzing) in Deutschland automatisch einen Malus bei der Kritik haben?

Ist es korrupt, wenn sich Kritiker von Verlagen in schicke Restaurants zu kostenlosen Mahlzeiten einladen lassen, bei denen es sich letzten Endes um Werbeveranstaltungen für ein neues Buch handelt, aus dem der anwesende Autor zwischen Vorspeise und Hauptgang in tendenziell verdruckster Atmosphäre ein wenig vorliest?

Hockt die Literatur generell zu eng aufeinander? Zu viel Herumsitzen auf Podien, Herumstehen an der Literaturhaus-Bar? Wenn ja, macht Vereinsmeiertum von Kritikern und Autoren die literarische Auseinandersetzung zwangsläufig lieb und affirmativ?

Wäre es nicht schön, die überaus achtenswerte Jury des überaus achtenswerten Petrarca-Preises um ein achtenswertes Mitglied weiblichen Geschlechts zu erweitern?

Wann wird Katja Lange-Müller endlich mit ihrem dringlich erwarteten neuen Roman fertig? Und schreibt Herta Müller eigentlich an einem neuen?

Ist das Nobelpreiskomitee tatsächlich so närrisch, Peter Handke als Strafe für sein Serbien-Engagement bis an dessen Lebensende den Nobelpreis vorzuenthalten?

Sind Schriftsteller in besonderer Weise geeignet und beauftragt, zu allen möglichen politischen und gesellschaftlichen Themen öffentlich Stellung zu beziehen? Und wenn ja, warum eigentlich?

Erhält die DDR durch ihre grassierende literarische Bearbeitung eine Bedeutung, die sie in zukünftigen Geschichtsbüchern niemals haben wird?

Gibt es Tabus für die heutige Literatur, und wenn ja, welche?

Wann erscheint ein deutscher Gegenwartsroman über das stinknormale Zusammenleben eines homosexuellen Paares, über seine Alltagsnervereien, die missratenen Urlaube, die elterlichen Pflichtbesuche, die heimlichen Berufs- und Statuskonkurrenzen, die Kinderwünsche und Erziehungsfehler?

Welcher deutsche Schriftsteller hätte Lust und wäre in der Lage, einen radikal sozialkritischen, parteilichen Roman wie Upton Sinclairs Der Dschungel über die sklavenähnliche Ausbeutung in den Schlachthöfen und Fleischfabriken Chicagos zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu schreiben? Und könnte ein solcher Roman zu Beginn des 21. Jahrhunderts ästhetisch etwas taugen?