Mit einem harten Plopp zieht Dr. David Seaberg die Latexhandschuhe von seinen Fingern und lässt sie in einen Metallcontainer fallen. Er löst sich aus dem Schwarm von Ärzten und Sanitätern, die sich, vermummt in Blau und Grün, um ein Bett scharen, wohlorchestriertes Chaos mit einer Tonkulisse aus heiseren Rufen, garstigem Piepen und monotonem Surren. David Seaberg ist Unfallchirurg im Emergency Room, kurz: E. R., des Erlanger Hospitals in der Innenstadt von Chattanooga, US-Bundesstaat Tennessee. In dem Bett liegt eine Frau; unter Infusionsschläuchen und Sauerstoffmaske quillt schwarz schimmerndes Haar hervor. "Sie ist erst mal stabil", sagt Seaberg, "damit ist unser Job getan." Die Frau hatte einen Autounfall und wurde mit dem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus gebracht. Sie ist eine von mehr als 250 Patienten, die jeden Tag in die Notaufnahme kommen.

Die Emergency Rooms seien voller geworden in den letzten Jahren, sagt Seaberg. Nicht wegen der Unfallopfer und der internistischen Notfälle. Die gebe es immer. "An Montagen ist mehr los als an anderen Tagen; am Wochenende gibt es mehr Unfälle und in den frühen Morgenstunden mehr Herzinfarkte." Vielmehr strömten mehr Patienten in die Notaufnahmen, in Chattanooga und überall im Land, "weil es nicht genug Hausärzte gibt, weil die Menschen ärmer, älter und kränker werden – oder einfach, weil sie schon immer hierher gekommen sind." Im E. R. muss jeder behandelt werden – das ist Gesetz in Amerika –, ob reich oder arm, versichert oder unversichert, wegen eines Schlaganfalls oder eines Schnupfens. 130 Millionen Menschen suchen in den USA jedes Jahr einen Emergency Room auf, das ist mehr als ein Drittel der gesamten Bevölkerung.

Das sollte sich mit der Gesundheitsreform ändern, dem Prestigeprojekt von Präsident Barack Obama, von Freund und Feind "Obamacare" genannt. Deren Ziel ist es, die Zahl von gut 48 Millionen Nichtversicherten oder 15,4 Prozent der Bevölkerung zu verringern. Und in der Folge auch die notorisch verstopften Notaufnahmen zu entlasten.

Doch die Erwartung scheint sich, zunächst zumindest, nicht zu erfüllen. Bis Ende März haben zwar gut sechs Millionen Amerikaner eine der neuen, teilweise subventionierten Krankenversicherungen erworben. Das sind mehr, als Kritiker des Gesetzes erwartet hatten. Doch ist derzeit unklar, wie viele von den vermeintlich neu Versicherten vorher unversichert waren – und wie viele nur den Anbieter gewechselt haben. Außerdem bleibt es den einzelnen Bundesstaaten überlassen, ob sie ein wichtiges Element der Gesundheitsreform überhaupt umsetzen: die Erweiterung von Medicaid, der staatlichen Krankenversicherung für Arme. Knapp die Hälfte aller Staaten hat sich dagegen entschieden. Tennessee ist einer davon.

Eine Erweiterung von Medicaid soll diejenigen Bevölkerungsgruppen abdecken, die zwar unterhalb der Armutsgrenze leben, aber bislang vom Versicherungsschutz ausgeschlossen waren: jüngere Männer oder kinderlose Frauen.

"Als Notärzte wissen wir nicht, ob die Patienten versichert sind, wenn sie durch unsere Türen kommen", sagt Seaberg. Er lehnt am Tresen einer ovalen Insel in der Mitte des E. R., Kommandozentrale zur Überwachung der Lebensfunktionen mit flimmernden Monitoren. Seaberg ist ein großer Mann Anfang 50. Sein Gesicht wirkt fahl im Neonlicht, die Augen sind gerötet. "Wir behandeln jeden, die kritischen Fälle zuerst." Er redet routiniert und mit einer Spur von Ungeduld, während sein Blick kurz zu der Unfallpatientin wandert, die jetzt herausgerollt wird, Richtung Intensivstation oder OP, jedenfalls in ein anderes Stockwerk, eine andere Welt im Krankenhausuniversum.

Die Geräuschwellen aus dem Schockraum ebben ab. Auf dem hellen Linoleumboden haben sich Lachen von Blut, Erbrochenem und Infusionslösung gebildet, da liegen Papierfetzen, Spritzen, Wundauflagen, Verpackungsmüll.

Draußen vor dem Krankenhaus steht Dale, mit grauem Haar und grauer Haut. Er war in seinem früheren Leben Vertriebsleiter in einer Elektrofirma, hatte ein Haus und zwei Autos und eine Familie, aber in der Rezession 2008 hat er alles verloren, zuerst seinen Job und seine Krankenversicherung, dann den Rest. "Eine typische amerikanische Absteigerstory", sagt er und schürzt die Lippen, "vom Mittelklasse-Leben auf die Straße." Jetzt arbeitet er halbtags im Supermarkt, räumt Regale ein. Ob sein Geld für eine Krankenversicherung reicht, weiß er nicht. Er will sich erkundigen demnächst.