Seine Besprechungen hält Lebedew am liebsten in der informellen Atmosphäre seiner Wohnung ab. Dann spricht er nicht über Geld oder das, was man damit kaufen kann, sondern er lässt sich lang und ernsthaft über investigativen Journalismus aus, über die Zukunft der Medien und über das Recht zur freien Meinungsäußerung. Eine seiner Lieblingsgeschichten ist, wie er 2009 den Londoner Evening Standard und seine Journalisten vor dem Untergang rettete, indem er das Blatt gemeinsam mit seinem Vater kaufte. Für ihn war es ein Akt zur Erhaltung der Pressefreiheit. Nichts macht ihn stolzer und zufriedener als die Tatsache, dass er hier beweisen konnte, "dass man mit Printmedien nach wie vor Geld verdienen kann".

Der Sänger Elton John hat ihn zum Paten eines seiner Söhne gemacht

Um den Evening Standard zu retten, entschieden Lebedew und das Management sich zu drastischen Maßnahmen. Sie machten das Londoner Abendblatt zur ersten großen Gratiszeitung. Die Auflage stieg, die Anzeigenkunden kehrten zurück. Heute macht die Zeitung wieder Gewinn, und Anfang des Jahres erhielt sie die Lizenz für einen Londoner Fernsehsender – ein weiterer Auftrieb und Grund, die kommerziellen Aussichten des Unternehmens zuversichtlich zu sehen.

Aber Lebedew gewinnt nicht jede Schlacht. Im selben Jahr, als Vater und Sohn Lebedew den Evening Standard kauften, übernahmen sie auch den Independent und den Independent on Sunday, die beide hohe Verluste machten. Das hat sich nicht geändert, und seine Stiftung zur Förderung des investigativen Journalismus machte dicht, weil sie keine weiteren Geldgeber fand. Dennoch spricht Lebedew weiter mit viel Enthusiasmus von der Kreativität, die notwendig sei, um der landläufigen Meinung entgegenzuwirken, das Internet bedeute das Ende des Journalismus. Er wolle neue Wege finden, gut geschriebene Geschichten zu drucken, sagt er.

Gleichzeitig treibt Lebedew sich selbst ständig voran und sucht nach immer mehr Beschäftigung. Er will mehr sein als der Sohn eines ehemaligen Geheimdienstlers und nunmehrigen Oligarchen. Neuerdings schreibt er selbst. Für den Evening Standard berichtete er aus Somalia und der Zentralafrikanischen Republik und interviewte den weißrussischen Diktator Alexander Lukaschenko. Dass aber der angesehene Guardian, eine Zeitung, die ihm nicht gehört, seine Kurzmemoiren über eine Jugend in Russland abdruckte, macht ihn besonders stolz, gibt er zu.

Warum aber zieht es einen Mann, der eindeutig kein Geld verdienen muss, ausgerechnet in die Kriegs- und Krisengebiete der Welt? "Zum Teil aus Eigennutz", sagt Lebedew. "Ich schreibe gerne." Außerdem verspüre er den Drang, nützlich zu sein. "Wenn meine Arbeit die Probleme von Somalia oder das Thema Kindersoldaten in Afrika an die Öffentlichkeit bringt, dann lohnt sie sich." Einmal reiste er in die mexikanische Stadt Juárez, die von der Gewalt der Drogenbanden zerrüttet ist. "Ich konnte nicht glauben, wie gottverlassen es dort zugeht." Das sind die Geschichten, die er aufschreiben will. "Geschichten aus Gegenden, in die niemand reisen will und über die niemand schreibt."

Freilich könnte es noch eine andere Motivation für ihn geben. Wenn die Sehnsucht danach, über gottverlassene Orte und deren Probleme zu schreiben, Lebedew von all den anderen reichen Londoner Russen unterscheidet, dann ist das genau das, was er will: um jeden Preis anders sein.

Dabei würde er seine russische Identität keineswegs verneinen. Er reist oft nach Russland, meistens geschäftlich, und einige seiner engen Freunde sind Landsleute. Lebedew und sein Vater unterstützen das Tschechow-Kunsttheater in Moskau und ein Tschechow-Festival auf der Krim.

Aber sein Zuhause ist Großbritannien. Hier verbringt er die meiste Zeit, und hier ist er so gut verknüpft wie kaum ein anderer. Elton John hat ihn zum Patenonkel eines seiner Söhne gemacht, der Dramaturg Sir Tom Stoppard zählt zu seinem Freundeskreis, ebenso wie der Direktor der Tate Gallery, Sir Nicholas Serota, und der Londoner Bürgermeister Boris Johnson. Wenn man ihn im Theater sieht, geht er nach der Vorstellung im Zweifelsfall mit der Hauptdarstellerin zum Dinner.