Vor ein paar Jahren fragte ich einen seiner engen Moskauer Freunde, den Theaterregisseur Kirill Serebrennikow, ob Lebedew ihm eher russisch oder englisch vorkomme. "Englisch", antwortete er, ohne zu zögern. Nach einer kurzen Pause verbesserte er sich: "Nein, russisch." Und schließlich bezeichnete er ihn als "europäisch. Oder besser noch als einen anglorussischen Europäer."

Diese sonderbare Kombination beschreibt Lebedew vielleicht am besten. Denn wenn es so etwas wie einen Anglorussen gibt, dann ist er das Stereotyp. In seinem exzellenten Englisch schwingt nur der Hauch eines Akzents mit. Seine ebenso exzellenten Anzüge sind eine Mischung aus bester englischer Schneiderkunst und eindeutig kontinentaler Avantgarde. Mal ist da der Kragen verkehrt rum, mal der Stoff auffällig ungewöhnlich. In seiner Wohnung am Regent’s Park kombiniert er einen klassischen englischen Kamin und ein englisches, mit Samt bezogenes Sofa mit einigen überraschend zeitgenössischen Lampen und einem Fußhocker im Zebra-Look. Egal, was es ist, der Stil eines russischen Oligarchen ist es nicht. Und Lebedew sieht sich selbst auch nicht so. "Ich habe unter ihnen noch keinen getroffen, mit dem ich in Kontakt sein wollte", sagt er vorsichtig und beschreibt die "Inselmentalität" seiner russischen Landsleute. Die lebten zwar alle mitten in London, machten sich aber nicht einmal die Mühe, Englisch zu lernen. "Sie versuchen gar nicht erst, sich anzupassen", sagt er. "Das Einzige, was zählt, ist, den Reichtum so angeberisch wie möglich zur Schau zu stellen." Sie kaufen große Häuser, die leer stehen, Jachten, die sie kaum benutzen, und wenn sie sich zum orthodoxen Weihnachtsfest in den französischen Alpen versammeln und der Skiort Courchevel sich in einen alpinen Stadtteil von Moskau verwandelt, dann lassen sie sich ihr Sushi aus London mit dem Privatjet liefern. Die Kunstauktionen bei Sotheby’s und Christie’s beschrieb Lebedew vor ein paar Jahren in einem Magazinartikel als "testosterongetriebene Wettkämpfe, bei denen es nur darum geht, wer den dicksten Geldbeutel hat".

London hat Erfahrung mit dieser Sorte von Zuwanderern. Was heute die reichen Russen sind, waren in den siebziger Jahren arabische Ölmillionäre. Die Stadt hat kein Problem damit, an ihnen Geld zu verdienen, hinter ihrem Rücken aber werden sie vom Establishment als vulgär verlacht.

Lebedew passt nicht in dieses Klischee. Er beschreibt sich so: "Die russische Identität ist ausgesprochen stark. Wer als Russe geboren wird, der bleibt sein Leben lang ein Russe. Aber ich liebe England, die freiheitlichen Werte, für die es steht, und die Offenheit." Wenn er das sagt, merkt man, dass er es auch meint. Jewgeni Lebedew liebt England, und allmählich fängt England an, ihn auch zu lieben.

Seine Lebensgeschichte begann in einer Welt, die von seiner Wohnung am Regent’s Park nicht weiter entfernt sein könnte. Sein Vater Alexander Lebedew war ganz und gar ein Produkt der Sowjet-Ära. In den achtziger Jahren wurde er vom KGB als "Wirtschaftsbeobachter" rekrutiert und arbeitete zunächst in Moskau und dann in London. Das bedeutete, dass er westliche Zeitungen las, vor allem die Finanzpresse. Zu einer Zeit, als in der Sowjetunion kein Mensch auch nur eine Ahnung von Aktien und Anleihen hatte, begann er mit Schuldpapieren von Drittweltländern zu handeln.

Vor ein paar Jahren, an einem bitterkalten Tag, traf ich Lebedew senior in einem halbfertig gebauten Haus in Moskau. Draußen wimmelte es vor Sicherheitsbeamten, und drinnen standen zahllose Bilder herum, die darauf warteten, aufgehängt zu werden. Der einzig fertige Raum war im Keller neben dem Schwimmbad. Wie sich herausstellte, war Alexander Lebedew nicht besonders interessiert daran, die Lücken in seinem persönlichen Werdegang zu füllen, zum Beispiel die Frage zu beantworten, woher er eigentlich das Geld für seine allerersten Investmentgeschäfte hatte. Er bescheinigt lediglich, dass er daraus ein Vermögen gemacht hat, mit dem er eine Bank kaufte, eine Fluggesellschaft und sogar eine Kartoffelfarm.