Aber dann machte seine Karriere eine Wendung, die ihn von den übrigen neureichen Russen unterscheidet. Gemeinsam mit Michail Gorbatschow kaufte Lebedew die Nowaja Gaseta, die Zeitung in Russland, die mehr als alle anderen bereit zur Kritik an den Mächtigen ist. Die unverblümte Kremlkritikerin Anna Politkowskaja war eine der Angestellten, bis sie 2006 unter mysteriösen Umständen am helllichten Tag niedergeschossen wurde. Wie sein Sohn hat auch Lebedew senior sich voll und ganz dem Journalismus verschrieben und setzt sich für eine freie Presse und die Meinungsfreiheit ein.

In Russland gehört der Familie die kremlkritische Zeitung "Nowaja Gaseta"

Für seine Journalisten ist er nicht weniger als ein Held. Dmitri Muratow, Chefredakteur der Nowaja Gaseta, sagt, anders als die meisten russischen Verleger mische sich Lebedew nie in redaktionelle Entscheidungen ein. Dagegen tue er jedoch alles, um die ständigen Rechtskonflikte der Zeitung zu lösen.

Diese, so meint Muratow, "produzieren wir im Akkord, 24 Stunden am Tag". Für ihre Berichte über die korrupte Elite werden seine Journalisten regelmäßig verhaftet, verprügelt oder sogar ermordet. Aber selbst wenn es darum gehe, bedrohte Journalisten und ihre Quellen außer Landes zu schaffen, sei Lebedew zur Stelle, erklärt Moratow.

Alexander Lebedew sieht seine Verlegerrolle so: "Ich träume davon, dass die Menschen mich einfach als investigativen Reporter sehen." Mit anderen Worten, er will nicht als Oligarch erinnert werden, als Playboy oder als einer der vielen Ex-KGB-Männer, die aus ihren Verbindungen ein Vermögen aufbauen konnten. Wenn man sich mit ihm unterhält, verliert er sich regelmäßig in verwirrenden Darstellungen von Skandalen, denen er auf der Spur ist. Und oft geht es dabei um die finanziellen Verbindungen zwischen bestimmten russischen Milliardären in London und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin.

Mit dieser leidenschaftlichen Neugier hat er sich bei den russischen Behörden nicht gerade beliebt gemacht. Sein Büro in der Bank wurde schon von maskierten Polizisten durchsucht, und die Flugzeuge seiner Fluggesellschaft wurden wegen angeblicher Sicherheitsmängel am Boden festgehalten.

Für ihren Streifzug durch die britische Medienlandschaft ernteten die Lebedews zunächst Hohn in London. Journalisten spekulierten, dass der Evening Standard zu einem Propagandablatt des Kremls würde. "Willkommen, Verleger Kamerad", ätzte ein Kommentator. Dabei sind die Lebedews bei Weitem nicht die ersten britischen Zeitungsverleger mit einer komplizierten Lebensgeschichte und undurchsichtigen Geschäftsinteressen. Der Daily Telegraph gehört den verschwiegenen Zwillingen David und Frederick Barclay, die auf einer der Kanalinseln in einer nachgebauten gotischen Burg wohnen. Der Eigentümer des Daily Mirror war Robert Maxwell, ein Tycoon, der sich angeblich von seiner Jacht in den Tod stürzte, bevor seine finanziellen Machenschaften an die Öffentlichkeit gerieten. Die Times und die Sunday Times gehören Rupert Murdoch, dessen Medien-Empire vor zwei Jahren durch den Abhörskandal schwer beschädigt wurde. Selbst bei den dunklen Wurzeln ihres Vermögens erscheinen die Lebedews in dieser Truppe überraschend zahm. Jewgeni Lebedew hat sowohl den britischen Premierminister David Cameron getroffen als auch seinen Stellvertreter und Koalitionspartner Nick Clegg von den Liberaldemokraten. Beides seien nette und "normale Kerle", urteilt er, ganz anders als all die undurchsichtigen Figuren in der russischen Politik.

Und das Gekeife unter den Journalisten gegen die Lebedews ist auch verstummt. Die meisten Mitarbeiter mögen ihren Boss. Dabei ist es ihm letztendlich egal, ob ihm das Klischee eines typischen Londoner Russen anhängt oder nicht. "Wahrscheinlich verdienen wir es auch", sagt er selbstbewusst. Er weiß, dass er nicht dazugehört.

Sich mit Promis zu umgeben ist in London nicht schwer. Dafür braucht man nur Geld, und die niederen Ränge der Königsfamilie kann man wahrscheinlich stundenweise mieten. Aber Titelgeschichten für angesehene Zeitungen zu schreiben, mit den besten Schriftstellern und Dramaturgen Londons bekannt zu sein und Medienkampagnen für Unicef zu organisieren, die vom Establishment unterstützt werden, all das schafft nur jemand, der dazugehört. Jewgeni Lebedew hat es sich zur Aufgabe gemacht, dem Vermögen seiner Familie den Ruf des Ehrenwerten zu verleihen. Bisher scheint ihm das zu gelingen.

Der Artikel ist zuerst auf Englisch im "T Magazine" der "New York Times" erschienen

Übersetzung: John F. Jungclaussen