DIE ZEIT: Herr Fischer, was hat sich bei Ihnen gerade verändert?

Heiko Fischer: Gar nichts, zum Glück! Ich bin doch mit meinem Bus die Konstante in dieser Region. Seit 1993 fahre ich das Sparkassenmobil durch den westlichen Burgenlandkreis in Sachsen-Anhalt. Vieles ist von hier verschwunden, aber der Sparkassenbus kommt nach wie vor Woche für Woche in die Dörfer gefahren.

ZEIT: Wie müssen wir uns Ihren Bus vorstellen?

Fischer: Das ist ein großes Fahrzeug mit einem Tresor drin und mit gepanzerten Türen. Hinten gibt es einen Kundenwarteraum und einen Kassenschalterraum. Die sind aber voneinander abgegrenzt, damit keiner einem anderen über die Schulter und auf die Kontoauszüge gucken kann. Und bevor Sie mich jetzt gar nach Bankräubern fragen: Mein Bus ist genauso sicher wie jede normale Filiale auch.

ZEIT: Wie oft sind Sie mit dem Bus unterwegs?

Fischer: Ich bin an vier Tagen pro Woche auf der Piste, jeden Tag so 100 bis 120 Kilometer, und ich halte an etwa zwölf Stationen. Die meisten Kunden wissen immer ganz genau, wann der Fischer kommt. Manchmal warten sie schon an der Haltestelle.

ZEIT: Und für diese Menschen ersetzen Sie die Bankfiliale?

Fischer: Die einfachen Schaltergeschäfte kann man alle bei mir machen – also Überweisungen, Daueraufträge. Geld abheben und einzahlen geht natürlich auch. Zu meinen Kunden gehören vor allem ältere Leute, die nicht mehr besonders mobil sind, manche gehen am Rollator und sind nicht in der Lage, mal eben in die Sparkassen-Filiale zu fahren. Können Sie sich ja denken. Für diese Menschen ist der Bus wichtig – nicht nur wegen der Bankgeschäfte. Viele erzählen mir auch private Geschichten.

ZEIT: Was erzählen die Leute Ihnen denn so?

Fischer: Das verrate ich natürlich nicht, schließlich bin ich eine Vertrauensperson. Nur so viel – was die Themen anbelangt, ist von der Scheidung bis zum Todesfall alles dabei. Ich höre da gerne zu. Eigentlich genieße ich es auch, so gebraucht zu werden.

ZEIT: Haben Sie manchmal das Gefühl, derjenige zu sein, der das Leben ins Dorf bringt?

Fischer: Ich bringe nicht das Leben, das müssen die Leute schon selbst führen. Der Bus ist allerdings ein Grund dafür, dass die Bewohner zusammenkommen. Da treffen sich Hilde und Hans und reden über alles, was so ansteht. Ist doch wunderbar.

ZEIT: Heute, da alle über Konzepte gegen die demografischen Probleme sprechen, könnte man meinen, Ihr Bus sei eine Neuerfindung – aber Sie sind ja schon seit zwei Jahrzehnten unterwegs. Wie lange werden Sie noch gebraucht?

Fischer: Ach, das weiß ich nicht. Die jüngeren Leute machen ihre Bankgeschäfte größtenteils über den Laptop. In 20 Jahren wird wahrscheinlich keiner mehr verstehen, dass man sein Leben einmal nach Öffnungs- oder Buszeiten ausgerichtet hat. Aber heute ist der Sparkassenbus einfach noch ganz wichtig.

ZEIT: Gab es denn schon einmal Überlegungen, das Mobil abzuschaffen?

Fischer: Nein, davon weiß ich nichts. Der Trend ist momentan eher, dass sich andere Sparkassen auch solche Busse anschaffen, eben der Demografie wegen.

ZEIT: Warum wurde Ihrer angeschafft – für die alten Leute?

Fischer: Eigentlich nicht. Früher, zu DDR-Zeiten, gab es in unserer Region auf den einzelnen Dörfern noch sogenannte Bankvertreter. Die haben den Leuten zu Hause Geld ausgezahlt, die Kontoauszüge verteilt. Nach der Wende hat sich dieses System natürlich nicht mehr rentiert. Daraufhin hat man das Sparkassenmobil erfunden.

ZEIT: Lohnt sich der Betrieb eigentlich, finanziell?

Fischer: Das weiß ich nicht. Und darauf kommt es auch nicht an. Auf dem Bus steht draußen der Schriftzug "Gut für die Region". So ist das auch. Wir haben einen öffentlichen Auftrag, wir müssen uns um die ältere Bevölkerung kümmern.

ZEIT: Andererseits arbeiten Sie für eine Bank und nicht für die Wohlfahrt.

Fischer: Natürlich, keine Frage. Wahrscheinlich hat die Sparkasse auch wegen des Busses viele Kunden in dieser Gegend halten können. Trotzdem haben wir nicht nur ein wirtschaftliches Interesse. Uns ist diese Region wichtig. Dass die Dörfer kleiner werden, haben hier inzwischen alle verstanden. Nun müssen wir damit umgehen.

ZEIT: Wie stellen Sie sich das vor?

Fischer: Wenn sich ein Dorf kein eigenes Rathaus mehr leisten darf – okay. Aber dann braucht es zumindest ehrenamtliche Ortsvorsteher, die regelmäßig ihre Sprechstunden abhalten. Dass die nächste Polizeistation sehr weit weg ist – in Ordnung. Dann braucht es aber Polizisten, die regelmäßig vorbeifahren. Es kann auch nicht sein, dass man in die Großstadt fahren muss, um einen Ausweis zu beantragen. Dorfleben bedeutet, sich gut zu organisieren, damit alles klappt. Da sollten alle mit anpacken. Für mich gilt das auch, für meinen Bus muss ich einstehen, da muss ich mich kümmern. Im Winter gucke ich sonntagabends, ob er vielleicht eingeweht ist. Kleine Reparaturen erledige ich manchmal selbst.

ZEIT: Was machen Sie eigentlich, wenn Ihr Bus mal kaputt geht?

Fischer: Dann informiere ich meine Chefin. Die wiederum schickt einen anderen Mitarbeiter los, der meine Route abfährt und die Leute darüber informiert, dass der Sparkassenbus etwas später kommt. So viel Engagement muss sein. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich will mich hier nicht hervortun, jeder gibt sein Bestes. Wenn wir hier bleiben wollen, auf unseren kleinen Dörfern, dann müssen wir uns alle ordentlich anstrengen.