Am 18. März feierte Wladimir Putin einen persönlichen Sieg über die jüngere Geschichte seines Landes: Im prachtvollen Georgs-Saal des Kremls proklamierte er den Anschluss der Krim. Mit seiner Rede hat Russlands Präsident nicht nur seine Landsleute erreicht, sondern auch die Debatte in Deutschland über die Annexion der Krim – die erste Annexion in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg – verwirrt. Seither wird diskutiert, ob Putin mit seinen Ausführungen nicht doch recht habe und sein Vorgehen daher verständlich sei.

Um den Anschluss der Krim zu erklären, langte Russlands Präsident tief in die Vergangenheit und deutete die Geschichte für seine Zwecke. Diese Art von Geschichtspolitik ist so altbekannt wie simpel: Man verkürzt und verdreht die Vergangenheit so lange, bis der Gegner der Gegenwart diskreditiert ist. Putin hat eine Falle aufgestellt. Er tut so, als ginge es ihm ums Gestern, um historische Gefühle, um alte Ungerechtigkeiten. Russland und die Russen stellt er als Opfer des Westens, einer sich ausdehnenden Nato und finsterer Faschisten in Kiew dar. Russische Staatsjournalisten und Diplomaten wiederholen das wortgetreu. Man sollte ihnen genau zuhören, denn die russische Argumentation bedeutet in ihrem Kern nichts anderes als einen Angriff auf das friedliche Zusammenleben in Europa. Putin hat im Wesentlichen drei Thesen aufgestellt, die ungeheure Sprengkraft enthalten.

Erste These: Die Ukrainer und Russen sind eins. Im Georgs-Saal rief Putin: "Wir sind ein Volk. Kiew ist die Mutter aller russischen Städte. Die Rus (ostslawisches Reich des Mittelalters, Anm. d. Red.) ist unsere gemeinsame Wurzel." Putin nickte zum brausenden Beifall der Abgeordneten. Seine Worte waren keineswegs nett und freundschaftlich gemeint. Sie waren eine gefährliche Umarmung. Denn wenn Putin sagt, Ukrainer und Russen seien ein Volk, dann bedeutet das, dass einer überflüssig ist, mehr noch: dass es eines von beiden Völkern gar nicht gibt. Und natürlich sind das die Ukrainer, die wörtlich auf Russisch "am Rande" heißen, deren Sprache als ulkiger "Dialekt" verhöhnt wird, deren Traditionen als urrussisch vereinnahmt werden. Damit wird der Ukraine per Umarmung das Existenzrecht abgesprochen. Putin hat das nicht erfunden, er greift nur in die Kiste großrussischer Stereotype. Und diese Propaganda funktioniert offensichtlich weit über Russland hinaus: Auch im Westen behaupten viele, es gäbe gar keine ukrainische Nation. Eine Absurdität angesichts der ukrainischen Nationalbewegung, die weit über hundert Jahre zurückreicht und ihre Zentren von Charkiw bis Kiew und Lwiw hatte.

"Euch gibt’s gar nicht!" ist eine uralte Lüge des Nationenkampfes in Europa. Wenn der Nachbar einem nicht passt, spricht man ihm kurzerhand die Existenz ab. So machten es die Türken über siebzig Jahre lang mit den Kurden und die Griechen es ab 1992 mit dem jungen makedonischen Nationalstaat. So teilten Preußen und Russland vom 18. bis 20. Jahrhundert viermal Polen. So versagten die Serben im Jugoslawienkrieg ab 1992 den Bosniern das Existenzrecht. Diese Behauptung führt häufig geradewegs in bittere Kämpfe, die meist damit enden, dass beide Seiten nach großen Opfern merken, dass es den anderen doch gibt.

Nun stehen russische Truppen an den nördlichen und östlichen Grenzen der Ukraine, dem Land, das es nach Putins Verständnis so nicht geben sollte. Zu Wochenbeginn ist eine Brigade abgezogen worden. Doch ist jederzeit möglich, was auf der Krim schon vorgeführt wurde: die Intervention und Annexion, wenn das Leben von Russen aus Moskauer Sicht bedroht ist.

Zweite These: "Selbst wenn es euch gibt, euer Land gehört uns." Wladimir Putin wies genüsslich darauf hin, was mittlerweile auch in jeder deutschen Talkshow zum Besten gegeben wird: dass der ehemalige KPdSU-Generalsekretär Nikita Chruschtschow die Krim 1954 in einer Wodkalaune an die Ukraine angegliedert hat. Als die Sowjetunion zerfiel, sagt Putin, sei Russland um die Krim "beraubt" worden. Und deshalb sei es nur natürlich, dass sie zu Russland zurückkehre. Diese "Wiedervereinigung" würden doch gerade die Deutschen verstehen. Und eine erstaunlich große Zahl an Deutschen tut das auch.

Putin und seine Verteidiger verschweigen jedoch die Tatsache, dass es in Europa sehr viele Krim-Halbinseln gibt. Sewastopol und Jalta sind seit dem Ende der Sowjetunion Teil der unabhängigen Ukraine, so wie Südtirol italienisch ist. Ganz Europa ist ein Flickenteppich, wo die Muttersprache der Bevölkerung, ihr ethnischer Hintergrund und die Staatsgrenzen selten übereinstimmen. In Schleswig-Holstein leben Dänen, und in Dänemark leben Deutsche. Als Ungarns Grenzen nach dem Ersten Weltkrieg neu gezogen wurden, blieb ein Teil der Ungarn in den Nachbarstaaten Rumänien, Slowakei und Serbien. Das mag ungerecht sein, ist aber bis heute so geblieben. Es leben Albaner in Serbien, Serben im Kosovo und türkischsprachige Muslime in Griechenland. Na und?

Putin bricht mit Prinzipien, die Europa Frieden beschert haben

Nach den jugoslawischen Nachfolgekriegen hat Europa – hoffentlich – aufgehört, diese Fragen zu klären, bis auch die letzte Familie im Volkstumskampf aufgerieben wurde. Stattdessen hat der Kontinent sich Regeln gegeben, wie mit der ethnischen Gemengelage umzugehen ist. Viele Regionen genießen ein hohes Maß an Autonomie. Das hatte übrigens auch die Krim bis zum März. Hochgezogene Schlagbäume an offenen Grenzen machen die Frage überflüssig, ob man hüben oder drüben wohnt. Europa hat Institutionen gegründet, die überwachen, ob Minderheiten Recht geschieht: Europarat, Europäischer Gerichtshof, auch die OSZE. Die OSZE-Beobachter aber hat Russland wochenlang nicht auf die Krim gelassen, weil es eben gar nicht um die Bedrohung der Russen auf der Krim ging, sondern von vornherein um die geplante Vereinigung.

Das Prinzip Krim – Gewalt siegt – ist das Gegenmodell zum europäischen Versuch, ethnische Gegensätze friedlich auszugleichen. Der russische Präsident setzt das Recht außer Kraft und macht die schiere Macht seiner Armee zum Maßstab, wo die neuen Grenzen Russlands liegen. Das wird auch durch ein schnell hingebogenes Referendum nicht rechtens.

Dritte These: "Die Ukraine hat Russland Schlimmes angetan." Putin vergaß in seiner Rede nicht, die ukrainische Nationalbewegung als "faschistisch" zu diffamieren. Schon im Zweiten Weltkrieg hätten sich antisowjetische Ukrainer mit Hitlerdeutschland gemeingemacht – heute seien wieder "Faschisten" an der Macht, die sich mit der Nato verbündeten. Das Argument zieht gerade im vergangenheitsbewussten Deutschland. Es ist halb Wahrheit, halb Lüge. Genauso wie Ukrainer aufseiten der Deutschen gegen die Sowjets kämpften, gab es viel mehr Ukrainer, die mit den Sowjets gegen die Deutschen kämpften. Ukrainer haben unter Stalin und Hitler gelitten. In der von Moskau mutwillig herbeigeführten Hungersnot in der Ukraine Anfang der dreißiger Jahre starben 3,3 Millionen Menschen.Trotzdem standen die meisten Ukrainer zur Sowjetunion. Heute wird die Kiewer Regierung von einem konservativ-liberalen Technokraten geführt, der unter seinen Ministern drei Rechtsextreme hat. Nur von Faschisten zu sprechen ist daher falsch.

Geschichtspolitik ist auch der Versuch, das eigene Unrecht durch das Unrecht anderer zu adeln. Dafür müssen die Archive mit kompromittierendem Material über Nachbarn und Gegner gefüllt sein. Putin ist da stets gut munitioniert. Die Bedeutung von Geschichte für die Politik hatte übrigens schon Chruschtschow erkannt: "Historiker sind gefährliche Leute. Sie sind imstande, alles durcheinanderzubringen. Sie müssen unter Weisung stehen."

In Russland werden laufend Archive für die Öffentlichkeit geschlossen, Schulbücher umfrisiert und Historiker entlassen, die nicht auf Linie sind. Die Interpretation der Geschichte ist staatliches Hoheitsgebiet. Deshalb hat sie in Putins Russland auch einer andere Funktion als in der Europäischen Union. Die europäische Geschichte ist voll von Unrecht, das einander angetan wurde. In Europa, in Deutschland zumal, geht man damit um, indem man sich gemeinsam erinnert, um sich zu versöhnen. Putin aber erinnert die Russen an die Geschichte, um die Ukraine anzugreifen. Sein Prinzip würde, fände es Nachahmer, ganz Europa in Flammen setzen.

Der renommierte Historiker Eric Hobsbawm hat einmal gesagt, dass "Geschichte in Politikerhand nichts zu suchen" habe. Wladimir Putin benutzt sie, um seine Ziele zu verschleiern: Russland zu vergrößern, die Ukraine als Ganzes nicht der EU zu überlassen und die westliche Anziehungskraft in Osteuropa zu neutralisieren. Seine Truppen stehen hoch mobilisiert an den Grenzen. Putin bricht mit Prinzipien, die Europa jahrzehntelang Frieden beschert haben. Dafür verdient er weder Verständnis noch Verteidigung.