Der letzte Despot, der bei seinem Beutezug die Wahrheit sagte, war der Alte Fritz, als er sich 1740 Schlesien griff: "Meine Truppen waren bereit, meine Kassen gefüllt, und man sollte über mich reden" – die Ruhmsucht also. Selbst Hitler verklärte den Raub des Sudetenlandes. Die Deutschen dort seien einer "verhassten Macht ausgeliefert". Der "Unterdrückung" werde er nicht "endlos zusehen". Die Tschechoslowakei sei ein "abnormes Gebilde". Das war am 12. September 1938; ein halbes Jahr später war das "Gebilde" deutsch.

Heute bemüht Putin die heilige russische Pflicht, die Landsleute auf der Krim zu schützen. Man darf nichts und niemand mit Hitler vergleichen? Wie wär’s dann mit Zar Nikolaus I., der am Vorabend des Krimkrieges (1853) den Briten erklärte, die Türkei sei ein "kranker Mann", sie müsse aufgeteilt werden? "Sie wird und sie muss sterben." Sein Chefideologe Michail Pogodin dozierte: "Als Slawen müssen wir Millionen unserer älteren Angehörigen befreien. Als Christen müssen wir die Ostkirche beschützen und der heiligen Sophia ihr ökumenisches Kreuz zurückgeben."

Heute wird im Westen so nicht geredet, aber manche meinen doch, die Ukraine sei keine richtige Nation und die Krim "eigentlich" ur-russisches Gebiet. Kleine Korrektur: "Ur-russisch" seit 1783, als sich Katharina die Halbinsel griff; Kiew hat die Krim nicht geklaut, sondern von Moskau geschenkt bekommen.

Denken wir die Sache mit der Schutzpflicht und den alten Besitzansprüchen weiter – quem ad finem?, wie der Lateiner sagt, wo soll das hinführen? "Nationalstaaten" im wörtlichen Sinn gibt es unter den 200 Ländern dieser Erde kaum – also solche, wo sich Ethnie, Sprache, Kultur, Religion und gemeinsame Geschichte mit den Staatsgrenzen decken. Es sind "Gebilde".

Die offenkundigen Beispiele sind Afrika und Mittelost mit ihren künstlichen Grenzen und zusammengewürfelten Stämmen und Völkern. Auch in Europa geht es nicht "homogen" zu – siehe Spanien mit Basken und Katalanen, Frankreich mit Bretonen und Korsen, Britannien mit den Schotten – vor allem Russland mit seinen hundert Nationalitäten. Wollen wir hier auch Eingriffsrechte konstruieren – oder Sezessionen nach dem Prinzip "Jedem Völkchen sein Staatchen" befördern? Putin wäre nicht begeistert, obwohl er gern das Kosovo bemüht. Der Unterschied zur Krim ist eklatant: Im Kosovo ging es tatsächlich um Schutz gegen Mord und "Säuberung", und die Nato hat sich das Gebiet nicht angeeignet.

Alte Ansprüche? Wien, bitte melden, wegen Krakau, Lemberg etc. Schweden wegen des Baltikums und Norwegens. Vielleicht auch Deutschland mit Blick auf West- und Ostpreußen. Oder Mexiko wegen des amerikanischen Südwestens, wo Millionen von Hispanics leben. Solche historischen Spielereien sollten Russlandverteidiger zumindest nachdenklich machen.

Umso mehr, als Putin seine Schocktruppen an der ostukrainischen Grenze massiert. Wahre Russlandfreunde sollten anders parlieren: dass der neue Nikolaus nicht nur die Normen des 21. Jahrhunderts verletze, sondern auch die eigenen besten Interessen, die sich an Vertrauen, Öffnung und Gemeinschaft messen. Vor dem Krimkrieg wurde Nikolaus gefragt: "Wer sind unsere besten Verbündeten in Europa?" Er schrieb: "Niemand, und wir brauchen keine." Damals falsch, und heute erst recht.