Auch eine Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft soll belegen, dass die Tarifkonflikte durch die Spartengewerkschaften immer heftiger werden. An der Zahl der Streiktage lässt sich das nicht einfach ablesen. Wenn ein paar Fluglotsen ihre Arbeit niederlegen, fallen nur wenig Streiktage an, obwohl der wirtschaftliche Schaden riesig sein kann. Hagen Lesch, Tarifexperte des Instituts, hat stattdessen ermittelt, wie lange Tarifkonflikte in den vergangenen Jahren dauerten und wie oft sie bis zum Streik eskaliert sind. Ergebnis: Wo mehrere Gewerkschaften um die Gunst der Arbeitnehmer buhlen, wird öfter und heftiger gestritten und gestreikt als in anderen Branchen. Lesch empfiehlt daher, die Tarifeinheit gesetzlich zu regeln. Die durch Tarifverträge gesicherte Friedenspflicht sei ein Standortvorteil, den Deutschland nicht leichtfertig aus der Hand geben dürfe.

Nicht alle Experten sehen die Lage so bedrohlich. Claus Schnabel, ein Gewerkschaftsexperte an der Universität Erlangen-Nürnberg, sagt: "Es gibt bei der Lufthansa oder bei der Bahn heute mehr Probleme, aber ich sehe keine Notwendigkeit, deshalb grundgesetzliche Rechte einzuschränken. Von den britischen Verhältnissen der achtziger Jahre sind wir meilenweit entfernt."

Viele Juristen halten es verfassungsrechtlich ohnehin für kaum möglich, kleine Gewerkschaften durch ein solches Gesetz faktisch um ihre Existenzberechtigung zu bringen. Vor allem aus diesen Grund scheint sich die Bundesregierung schwerzutun mit einem konkreten Gesetzentwurf, ebenso wie die schwarz-gelbe Regierung zuvor. Angela Merkel hatte bereits vor Jahren ein Gesetz versprochen, aber die Kanzlerin lässt sich sehr viel Zeit.

Ein alternatives Reformkonzept stößt in der Politik auf noch weniger Widerhall. Drei Jura-Professoren schlagen für Streiks in der öffentlichen Daseinsvorsorge – also etwa im Flug- und Bahnverkehr oder in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen – besondere Auflagen vor. So müssten Art und Umfang eines Ausstands in diesen Bereichen mindestens vier Tage im Voraus angekündigt werden, und ein Streik wäre sogar ganz unzulässig, wenn er nur auf die Gehälter einer kleinen Berufsgruppe zielte. Auf diese Weise wollen die Juristen Arbeitskämpfe von Kleinstgewerkschaften erschweren und die Folgen für unbeteiligte Bürger in Grenzen halten. Doch dass die große Koalition so offen das Streikrecht einschränkt, ist praktisch unvorstellbar. Dafür müssten Piloten, Fluglotsen und Lokführer ihre Blockademacht wohl noch viel massiver nutzen als bisher und das Volk auf die Palme bringen.

Aus Kreisen der Lufthansa war am Dienstag zu hören, dass eine Klage erwogen werde, um die Verhältnismäßigkeit zu hinterfragen. Das klingt nicht nach einem Ende des Konflikts, und wohl auch deshalb versuchte die Personalchefin der Lufthansa, Bettina Volkens, am Dienstag, die Wogen zu glätten. Im Crew-Café am Frankfurter Flughafen wurde sie von einem Piloten gefragt: "Sind Sie nicht ein Fall für einen Paartherapeuten?" Volkens schmunzelte kurz, dann sagte sie ernst: "Ein Moderator würde beiden Seiten helfen, einander zuzuhören, die jeweiligen Interessen zu verstehen und tatsächlich zu verhandeln."