Die gekaufte Braut – Seite 1

Nie hat Mai Pham* einen Mann gesucht, mit dem sie viel gemeinsam hat. Ihr Traummann ist nicht einfühlsam oder attraktiv. Er ist Ausländer. Er hat Geld. Und er wird sie aus ihrem Leben herausholen. Das ist Mais Wunsch an die Ehe, an diesem Frühjahrsmorgen im Jahr 2013, an dem sie mit hundert anderen Frauen in einem Vorort der vietnamesischen Stadt Haiphong in einer langen Schlange steht.

Mai trägt eine Bluse, Jeans und Turnschuhe, wie immer ist sie ungeschminkt. Eine junge Frau mit dunkler Haut und Pferdeschwanz. Die Nase eher breit, die Augen schmal. Der Pony fällt ihr ins Gesicht. Seit einer halben Stunde wartet sie vor einem Hotel, um drinnen zu einem Casting vorgelassen zu werden: Vietnamesische Frauen präsentieren sich koreanischen Männern als Bräute.

Gemeinsam mit einer zweiten Bewerberin betritt Mai einen Konferenzraum. Hinter einem langen Tisch sitzen sechs Männer, für vier Tage aus Südkorea eingeflogen. Eine Frau, die Heiratsvermittlerin, übersetzt.

Sie zeigt auf Mai und sagt: "Sie ist 23 Jahre alt und hat zwei Brüder. Ihre Eltern sind Bauern."

Dann stellt sie die Männer vor. Einer von ihnen ist etwas stämmig und hat ein freundliches Gesicht.

"Er heißt Sang-Hoon Lee**, ist 43 Jahre alt und arbeitet in einer Fabrik. Er lebt alleine und verdient 3.000 Dollar im Monat."

Die Vermittlerin zeigt wieder auf Mai und fragt den Mann: "Gefällt sie Ihnen?"

Er nickt, Mai darf sich setzen, die andere Bewerberin muss gehen. Die Vermittlerin fragt Mai, ob sie mit Sang-Hoon Lee als Bräutigam einverstanden sei.

"Ja, aber ich habe eine Frage."

"Was denn?"

"Wird er mir in Korea erlauben, zu arbeiten?"

"Red nicht so dummes Zeug!"

Die Vermittlerin übersetzt für Sang-Hoon Lee, dass Mai bereit sei, seine Frau zu werden. Dann erklärt sie den beiden, welche Papiere sie nun beantragen müssen. Heiratsurkunde, Sprachzertifikat, Gesundheitszeugnis, Auslandsvisum.

Es geht so schnell, dass Mai keine Zeit bleibt, darüber nachzudenken, dass sie gerade einem Fremden ihr Leben versprochen hat.

Mai tritt aus dem Hotel, nimmt ihr Handy und ruft ihre Mutter an. "Ich werde heiraten", sagt sie. "Er ist Koreaner."

Die Mutter wusste nichts von dem Casting. Sie schimpft, aber sie kann ihre Tochter nicht umstimmen. Mai ist unter Dutzenden Bewerberinnen ausgewählt worden, bald wird sie Vietnam verlassen. Niemand wird ihr diesen Sieg noch nehmen.

Vietnam - Verkauft und verheiratet nach Südkorea Viele Vietnamesinnen versuchen, der Armut ihres Landes zu entkommen, und lassen sich als Bräute ins reichere Südkorea vermitteln. ZEIT-Redakteurin Khuê Pham über die Heiratsmigrantinnen.

Das also war der Tag, an dem Mai ihren Ehemann kennenlernte. So erzählt sie es Monate später, Ende des Jahres 2013. Mai sitzt in einem abgelegenen vietnamesischen Dorf, in einem Haus, das kaum mehr ist als ein Zimmer mit Mauern drum herum. An den Wänden stehen zwei Pritschen, an einer Wäscheleine hängen ein paar dünne Hemden und Hosen. Neben dem Haus ist ein Loch im Boden. Das ist die Toilette.

In diesem Dorf ist Mai aufgewachsen. Hier hat sie Monate und Jahre auf dem Feld gearbeitet, hat Wasserbüffel gehütet und Reis geerntet. Hier lebt sie noch heute mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder. Aber nicht mehr lange.

Auf einer Holzkiste liegt ein Stapel Koreanischbücher. In wenigen Wochen wird Mai zu ihrem Mann nach Südkorea ziehen.

Ihre Eltern tragen Gummistiefel, weite Hosen und lange Baumwollhemden. An Mais Handgelenk glitzert eine silberne Damenuhr. Sie trägt enge Jeans und ein T-Shirt mit dem Aufdruck American Eagle 5. Atlanta. New York. Es sind ihre besten Kleider. Geschenke ihres Mannes.

Mais Dorf liegt etwa hundert Kilometer von der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi entfernt. Der Weg von Hanoi in ihre Heimat führt über kaputte und verstopfte Straßen, vorbei an lauten Märkten und kleinen Restaurants, in denen die Köche das Fleisch von Hunden und Mäusen braten. Er führt vorbei an Fabriken, in denen Tausende Arbeiter T-Shirts und Sportschuhe, Handys und Computermonitore für die Einkaufsstraßen der Industrieländer herstellen.

"Ich bin ein Mädchen vom Land, was soll ich schon für Träume haben?"

In diesen Ländern, dem reichen Teil der Welt, zu dem auch Südkorea gehört, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten etwas verändert. Viele Frauen dort leben jetzt ein Leben, wie es früher nur die Männer kannten: Sie studieren, sie werden Ärztinnen oder Anwältinnen, sie leiten Abteilungen großer Konzerne, sie verdienen viel Geld, sie machen Karriere. Und sie bekommen weniger Kinder.

In Deutschland liegt das Durchschnittsalter heute bei fast 46 Jahren, in Südkorea bei 40, in den USA bei 37 Jahren. Die reiche Welt wird immer älter.

Deutschland hat das Elterngeld eingeführt und neue Kindertagesstätten eingerichtet, um die Geburtenrate zu erhöhen.

Südkorea hat das gleiche Problem, doch das Land hat eine andere Methode gefunden: Die Koreaner importieren aus Vietnam nicht mehr nur Textilien und Handyteile, sondern auch junge Frauen. Die südkoreanische Regierung bietet den Vietnamesinnen kostenlose Sprachkurse und Berufsausbildungen an, zum Beispiel zur Friseurin oder Kosmetikerin. Sie verschenkt Flugtickets, damit die Frauen regelmäßig ihre Familien in Vietnam besuchen können.

Inzwischen leben bereits 50.000 vietnamesische Heiratsmigrantinnen in Südkorea. Jedes Jahr kommen Tausende hinzu. Für vietnamesische Frauen ist es eine Karriere, einen Koreaner zu heiraten.

Vietnam ist ein junges Land. Das Durchschnittsalter liegt bei 28,7 Jahren, auf den Straßen sind viele Kinder und Jugendliche zu sehen. Vietnamesische Frauen haben kein Problem damit, mehr als nur ein Kind zu bekommen.

Nach der Schule zog Mai in ein Wohnheim und machte eine Ausbildung zur Elektrotechnikerin. Danach arbeitete sie eine Weile in der Fabrik eines japanischen Unternehmens. Sie verdiente umgerechnet nur etwa 70 Euro im Monat, und sie wusste nicht, wie sie das ändern sollte.

Als ihr eine Bekannte von einer Heiratsvermittlerin erzählte, wurde sie neugierig. In Vietnam ist eine Frau ohne Familie nur ein halber Mensch. Es gehört sich nicht, allein zu bleiben oder sich scheiden zu lassen. Selbst dann nicht, wenn der Mann trinkt oder prügelt. Vor allem, wenn die Frau nicht zu den Reichen oder Hochgebildeten zählt. Für eine arme Frau vom Land ist die Liebe ein Luxus.

Heiraten musste Mai also sowieso. Warum sollte sie nicht versuchen, einen Koreaner zu finden?

Mai wusste nicht viel von Südkorea, aber in ihrem Wohnheim hatte sie hin und wieder eine der koreanischen Fernsehserien gesehen, die in Vietnam sehr beliebt sind und immer zwei Geschichten zugleich erzählen: Der gut aussehende Sohn eines reichen Fabrikbesitzers verliebt sich in eine fleißige, aber arme Angestellte, die er am Ende heiratet. So in etwa verläuft die erste Geschichte. Die zweite Geschichte erzählen Kulissen und Requisiten: die großen Häuser, teuren Autos, schönen Kleider.

Mai musste lange sparen, um die 170 Euro aufzubringen, die die Heiratsvermittlerin verlangte. Vier Mal ging sie zu einem Casting mit koreanischen Männern. Jedes Mal bewarben sich sechzig bis hundert Frauen um ein knappes Dutzend Männer. Da waren die schönen Frauen, die nur einen Mann aus den koreanischen Großstädten Seoul und Busan wollten. Da waren die schüchternen Männer, die ihre Mütter mitgebracht hatten. Und da war immer ein und dieselbe Spielregel. "Der Mann hat das Recht, auszuwählen", sagt Mai. "Aber die Frau hat das Recht, abzulehnen."

Bei einem Casting war ein Mann, der nicht richtig gehen konnte. Er stürzte. Mai half ihm auf. Seinen Heiratsantrag schlug sie aus, obwohl die Vermittlerin sie drängte, ihn anzunehmen.

Einen Tag nachdem Mai ihren künftigen Mann kennengelernt hatte, fand die Hochzeit statt. Mai und Sang-Hoon Lee heirateten gemeinsam mit drei anderen Paaren. Die Vermittlerin schminkte die Bräute, frisierte und fotografierte sie. Später bekamen alle von ihren Männern den gleichen schmalen Goldring überreicht. Mai erinnert sich, dass der Ring drückte.

Ihr Bräutigam schenkte ihr zur Hochzeit noch einen Rollkoffer in Rosa. Für das Gepäck, wenn sie zu ihm nach Südkorea ziehen würde.

Sie feierten im Kellerrestaurant eines Dorfhotels. Außer ihrer Familie hatte Mai nur eine Freundin eingeladen und den Motorradtaxifahrer, der ihren Vater hergebracht hatte. Mit ihrem Mann hat sie damals nicht viel gesprochen. Er konnte kein Vietnamesisch, sie sprach kein Koreanisch. Jedes Wort musste die Vermittlerin übersetzen.

Auf den Hochzeitsfotos sieht man ein weiß geschminktes Mädchengesicht unsicher lächeln.

Als die Gäste nach Hause gegangen waren, blieben die vier Brautpaare allein zurück. Die Männer tranken Bier und unterhielten sich auf Koreanisch, die Frauen kicherten nervös, um die Scheu vor der anstehenden Nacht zu vertreiben.

Sie sei nicht überrascht gewesen, wie sich ihr Mann später im Zimmer verhalten habe, erzählt Mai nur. Sie sei auch schon mit vietnamesischen Männern zusammen gewesen; mit Männern, in die sie ein wenig verliebt gewesen war, die sie aber nie geheiratet hätte, weil sie ihr nichts zu bieten hatten.

Zwei Wochen nach der Hochzeit musste Mai wegen starker Bauchschmerzen ins Krankenhaus, ihr Mann war da schon wieder in Südkorea. Sie war schwanger geworden, hatte aber ihr Kind verloren. Später schenkte er ihr 500 Dollar, um die Krankenhauskosten zu begleichen. Mai sagt, das sei ein gutes Zeichen gewesen.

Mai sitzt auf der Pritsche im Haus ihrer Eltern und tippt auf ihrem Handy herum. Sie schreibt: "Wie geht es Dir, bist Du müde?" Eine Nachricht an ihren Mann. Sie kann zwar kaum seinen vollen Namen aussprechen, aber für kurze getippte Sätze reicht ihr Koreanisch schon. Manchmal schreibt sie: "Mein Liebling, ich vermisse Dich." Er schickt ihr dann einen Smiley zurück, das findet sie romantisch.

Am Tag nach der Hochzeit fuhr Mai mit ihrem Mann in ihr Dorf. Er begrüßte ihre Eltern mit den einzigen vietnamesischen Wörtern, die er kannte: Xin chào. "Guten Tag." Der Mutter schenkte er einen Reiskocher. Dann beteten sie gemeinsam am Ahnenaltar. Beim Essen saßen sie sich stumm gegenüber.

Mai, hast du Träume für dein Leben in Korea? "Ich bin ein Mädchen vom Land, was soll ich schon für Träume haben? Ich bin zufrieden, wenn es mir besser geht als hier und er mich nicht schlägt."

Mai würde längst bei ihrem Mann in Südkorea wohnen, hätte die Provinzregierung nicht eine Verordnung erlassen, wonach die Ausreise erst neun Monate nach der Hochzeit erfolgen darf. Das soll den Anreiz zur Heiratsmigration verringern.

Nach Berechnung vietnamesischer Sozialwissenschaftler haben Heiratsmigrantinnen wie Mai allein im vergangenen Jahr umgerechnet 45 Millionen Euro in ihre Heimat überwiesen, als Unterstützung für ihre Eltern und Geschwister. Die Regierung aber empfindet diese Form der Migration als Demütigung. Von Frauenhandel schreiben die staatstreuen Zeitungen, von sexueller Ausbeutung, von einer länderübergreifenden Form der Prostitution.

Tatsächlich hat Heiratsvermittlung in Vietnam eine lange Tradition, doch die regierenden Kommunisten haben sie aus moralischen Gründen verboten. Trotzdem – oder gerade deshalb – boomt das Geschäft mit der Ehe.

Die Frauen lernen, koreanisch zu kochen

Weil so viele Frauen nach Südkorea gehen, finden inzwischen Männer in manchen Dörfern Vietnams keine Frau mehr. Sie beauftragen selbst Heiratsvermittlerinnen, die sie mit Frauen der Bergvölker zusammenbringen, die noch ärmer sind als die vietnamesische Mehrheitsbevölkerung.

Kurz vor ihrer Abreise nach Südkorea nimmt Mai in Hanoi an einem zweiwöchigen Kurs für vietnamesische Bräute teil. Er wird finanziert von dem koreanischen Elektronikkonzern Samsung, der in Vietnam gerade die größte Handyfabrik der Welt baut.

Das Unternehmen investiert viel, um nah an der koreanischen Volksseele zu sein. Es sponsert Kunstausstellungen, Fußballclubs, sogar ein Team von professionellen Videospielern. Jetzt hilft es auch noch bei der Suche nach dem Eheglück.

Der Kurs findet in einem Hotel namens "Lotusblüte" statt. Das Klassenzimmer ist ein Konferenzraum mit Backsteinimitat und Blumengemälde, neben der Tafel hängt eine große Karte Südostasiens. Die Vietnamesinnen sitzen an drei langen Tischreihen nebeneinander. Eine Frau mit heller Haut und Perlenkette begrüßt die Klasse. Sie ist Koreanerin, lebt aber seit zwanzig Jahren in Hanoi, wo sie früher in der koreanischen Botschaft arbeitete.

Sie sagt, noch vor wenigen Jahrzehnten sei Südkorea ähnlich arm gewesen wie Vietnam. Damals war es auch in Südkorea üblich, dass Frauen vier, fünf oder sechs Kinder bekamen. Die Regierung aber sah in den vielen Kindern, die das Land zu ernähren hatte, ein Hemmnis auf dem Weg zu einer modernen Industrienation. Sie startete Kampagnen, in denen sie für die Vorteile der Kleinfamilie warb. Sie richtete Beratungsstellen ein und klärte über Verhütungsmethoden auf.

Eine Folge war, dass viele schwangere Frauen, die ein Mädchen erwarteten, den Fötus abtreiben ließen. Koreanische Paare wollten jetzt zwar nicht mehr viele Kinder, aber noch immer unbedingt einen Sohn. Heute, Jahrzehnte später, gibt es in Südkorea einen Überschuss an Männern im heiratsfähigen Alter.

"Deshalb gehen koreanische Männer ins Ausland, um eine Frau zu finden", sagt die Lehrerin zu den jungen Vietnamesinnen im Hotel Lotusblüte.

Auch die niedrige Geburtenrate hat das Land verändert. "Wenn die koreanischen Frauen weiterhin so wenige Kinder bekommen, wird unsere Bevölkerung irgendwann nur noch halb so groß sein", sagt die Lehrerin. Dann fügt sie hinzu, dass Kinderkriegen etwas sehr Schönes sei und dass sich eine Mutter um ihr Kind und um ihren Mann zu kümmern habe und nicht nur an die Verwandten in Vietnam denken solle.

Eindringlich schaut sie die Frauen an, dann sagt sie: "Korea ist eure Zukunft."

Eine Assistentin verteilt Tragetaschen mit bunten Punkten. "Das ist in Korea jetzt Mode", sagt sie. Mai öffnet ihre Tasche wie ein Weihnachtsgeschenk. Sie zieht eine gelbe Schürze mit Samsung-Logo heraus, dazu drei dünne Lehrbücher: Das erste handelt von der koreanischen Kultur, das zweite ist ein Kochbuch, das dritte heißt "Wie man sich um seinen Körper kümmert, wenn man schwanger ist".

Mai blättert durch das Buch. Es enthält anatomische Zeichnungen von Geschlechtsorganen, Fotos von Verhütungsmitteln, Informationen über sexuelle Krankheiten. Mai schiebt das Buch wieder in die Tasche. In Vietnam gibt es keine sexuelle Aufklärung in der Schule, das Thema ist ein Tabu.

Am nächsten Morgen versammeln sich die Frauen im Hotelrestaurant. Sie binden sich ihre gelben Samsung-Schürzen um und setzen sich an einen Tisch, auf dem zwei Gaskocher und kleine Flaschen mit Ölen und Gewürzen stehen. Die Kochlehrerin, eine Frau mit Dauerwelle, Brille und Lippenstift, steht am Tischende vor einem Schneidebrett und zerteilt mit schnellen Schnitten ein paar Möhren. Sie spricht nur Koreanisch, eine Assistentin übersetzt: "Ich bringe euch die wichtigsten Gerichte mit ihren koreanischen Namen bei, damit ihr sie später zu Hause kochen könnt. Und wenn euer Mann ein Lieblingsgericht hat, sagt mir Bescheid."

Die Frauen machen sich Notizen, Mai filmt mit ihrem Handy. Die Lehrerin reicht einen Beutel mit kleinen getrockneten Fischen herum, Mai riecht daran.

Die Zutaten stammen alle aus einem teuren koreanischen Supermarkt. Vietnamesische Zutaten schmeckten nicht so gut, sagt die Lehrerin. Sie gießt Öl und Sesamsoße in eine Pfanne und schüttet die Fische hinein, es riecht süßlich.

Während die Lehrerin ihr Schneidebrett mit einem Küchentuch abwischt, erzählt sie, dass sie ihre vietnamesische Hausangestellte einmal dabei beobachtet habe, wie sie dasselbe Tuch für die Möbel und die Küche benutzte. "Macht das bloß nicht!", ruft sie. Mai greift sich ein Küchentuch und wischt ihr Brett sorgfältig ab.

Die fertigen Gerichte dürfen die Schülerinnen anschließend beim Mittagessen probieren. Mai kostet ein wenig. Sie sagt, es schmecke ihr gut.

Während des Kurses wohnen die Frauen im Hotel. Mai teilt sich ein Zweibettzimmer mit den drei Frauen, mit denen sie gemeinsam geheiratet hat, auch sie sind Anfang zwanzig. Da ist Hoa, die hübsch und schmal ist und mit der Mai in einem Bett schläft. Da ist Hong, die von ihrem Mann schon schwanger ist und so gern Karaoke singt. Und da ist Nghien, die von den vier am besten Koreanisch spricht, weil ihre ältere Schwester bereits in Südkorea lebt.

Während die jungen Frauen miteinander reden, schicken sie ihren Männern Chatnachrichten über ihre Handys. "Mein Mann fragt, ob ich genug Geld zum Einkaufen habe", quietscht Nghien auf einmal. "Ich habe so ein Glück!"

Einmal hat Mai gemeinsam mit ihrer Koreanischlehrerin bei ihrem Mann angerufen. Sie wollte sich mit ihm unterhalten, aber er mochte nicht reden, hat kaum geantwortet. Mai sagt, das deute darauf hin, dass er schwierig sei.

Die vier Frauen haben herausgefunden, dass sie in Südkorea alle in derselben Gegend wohnen werden, im Südwesten des Landes. Für den Fall, dass ihr Mann sie schlage, werde sie wegrennen, sagt Mai, und sich zu einer ihrer Freundinnen flüchten.

Zu ihren Aufgaben gehört es, sich um die Schwiegermutter zu kümmern

Tatsächlich berichten Menschenrechtsorganisationen von koreanischen Männern, die ihre vietnamesischen Frauen eingesperrt, geschlagen und vergewaltigt haben. Zwei Vietnamesinnen wurden in den vergangenen Jahren sogar umgebracht.

"Die Ehe", sagt Mai, "ist wie eine Lotterie: Du weißt vorher nicht, ob du Glück oder Pech hast."

Mai blättert in ihren Heiratspapieren. Sie findet die Adresse ihres Mannes, ihren künftigen Wohnort, wo Sang-Hoon Lee im Moment noch alleine in einem großen Haus lebt, so hat es ihr die Heiratsvermittlerin erzählt. Der Ort heißt Bongdong, er liegt etwa 200 Kilometer von Südkoreas Hauptstadt Seoul entfernt.

Der Weg von Seoul nach Bongdong führt über Autobahnen, vorbei an glänzenden gläsernen Bürotürmen, an Fast-Food-Restaurants und riesigen Plakaten, die für das aktuellste Smartphone, das neueste Auto, die beste hautaufhellende Creme werben. Er führt durch ein Land, das von Mais Dorf so weit entfernt zu sein scheint wie der Mond – bis dieses Land sich auf einmal verändert. Statt Hochhäusern und Einkaufszentren sind da plötzlich Felder und Obstplantagen. Kleine Kirchen zwischen weißgrauen Wohnhäusern. Die Häuser sind verwittert. Nichts glänzt.

Bongdong ist ein Dorf mit 15.000 Einwohnern. Das Haus von Sang-Hoon Lee, das Mai demnächst erstmals sehen wird, liegt etwas abseits. Ein eisernes Tor, ein bellender Hund, ein kleiner Innenhof, unverputzte Ziegelsteine. Bröckelnde Mauern.

Eine Schiebetür öffnet sich, zwei Frauen beugen sich misstrauisch ins Freie. Es sind Mutter und Großmutter des Bräutigams. Hieß es nicht, er lebe hier allein?

Sang-Hoon Lee ist Angestellter eines Bauunternehmens. Es ist Sonntag, sieben Uhr abends. Er sei noch bei der Arbeit, sagen die beiden Frauen, er mache oft Überstunden.

Zwei Stunden später rollt ein schwarzer Kleinwagen vor das Haus. Sang-Hoon Lee trägt ein silbernes Armband, die Haare sind leicht gelockt. Er sieht jünger aus als 43, nicht so stämmig wie auf den Hochzeitsfotos.

Mai hatte den Besuch der ZEIT angekündigt, aber ihr Mann sagt: "Sie können hier nicht einfach so auftauchen, so etwas macht man in Korea nicht."

Er könne leider keine Gäste empfangen, sagt er, sein Haus werde gerade renoviert. Auf mehrfache Bitten um ein Treffen wird er in den folgenden Tagen nicht mehr reagieren.

Es gibt viele Männer in Bongdong, die mit einer vietnamesischen Frau zusammenleben. Man erfährt das in den kargen, ungeheizten Restaurants des Dorfes. Wer eine Ausländerin zur Frau nehme, sagen die Leute dort, der sei nicht gut genug für eine Einheimische. Der kaufe sich eine Frau zum Kinderkriegen. Der importiere eine Gebärmaschine.

Tatsächlich ist die Ehe mit einer Vietnamesin eine Notlösung für Männer, die zu arm, zu alt oder zu ungebildet sind, um den Ansprüchen moderner koreanischer Frauen zu genügen. Es sind Männer, die meist lange sparen müssen, um die umgerechnet 10.000 bis 15.000 Euro aufzubringen, die die Heiratsvermittler von ihnen verlangen.

Wie für Mai ist auch für diese Männer die Liebe ein Luxus.

Ein alleinstehender Mann lebt mit seiner Mutter zusammen, so war das früher in Korea, so ist es noch heute üblich auf den Dörfern. Und auch wenn der Mann heiratet, zieht nicht er aus, sondern seine Frau ein. Zu ihren Aufgaben gehört es dann, sich um die Schwiegermutter zu kümmern.

Wie ergeht es den vietnamesischen Frauen, die bereits in Bongdong wohnen? Ihr Leben könnte einen Hinweis darauf liefern, was Mai erwartet.

Ein Taxifahrer gibt einen Tipp, eine Vietnamesin bietet Hilfe an, dann findet man sich eines Tages vor einem Haus inmitten von Feldern und Kakibäumen wieder. Eine Treppe führt nach oben, man lässt seine Schuhe draußen stehen und betritt ein Wohnzimmer.

An den Wänden hängen große Fotos von einem Hochzeitspaar in koreanischer Tracht: er, schlaksig und mit schielendem Blick, in einem glockenförmigen Mantel. Sie, anmutig wie ein Fotomodell, in einem weiten, bunten Rock. Darunter ein Bild von einem Baby mit einem grünen Teddybären. Aufnahmen einer Familie, die auf den ersten Blick glücklich wirkt.

Die Frau auf dem Foto heißt Minh**, sie ist 27 Jahre alt und stammt aus Südvietnam. Auch sie war arm, bevor sie nach Südkorea zog, auch sie stammt aus einem Dorf wie Mai, auch sie hat eines Tages die Nummer einer Heiratsvermittlerin gewählt und sich wenig später bei einem Casting in die Schlange gestellt. Das war vor fünf Jahren.

Der Mann, der Minh heiratete, war mit seiner Mutter nach Vietnam gekommen. Sie war es, die unter all den Bewerberinnen Minh für ihn aussuchte. Ihre Freundinnen sagen, das liege daran, dass er geistig behindert sei.

Minh hat an diesem Tag acht Freundinnen zum Mittagessen eingeladen – acht vietnamesische Frauen aus Bongdong. Sie alle sind mit einem koreanischen Mann verheiratet, manche haben ihre Kinder mitgebracht.

Minh trägt ein goldenes Fußkettchen, ihre Fingernägel hat sie rot lackiert. Den ganzen Morgen hat sie gekocht, um ihre Freundinnen bewirten zu können. Jetzt stellt sie Suppentöpfe und Teller mit Fisch, Salat und Reisnudeln auf einen niedrigen Holztisch – vietnamesische Gerichte. Die Frauen rufen ihren Kindern koreanische Sätze voller Fehler hinterher – ihre Männer wollen nicht, dass sie mit den Kleinen Vietnamesisch sprechen.

Alle von ihnen leben seit Jahren in Bongdong, jetzt sitzen sie zusammen und reden über ihre Männer. Die erste beklagt, dass ihr Mann zwei Schichten pro Tag arbeite und das Geld trotzdem nicht reiche. Die zweite hat gerade ihren Job in der Fabrik verloren, weil sie sich mit einem koreanischen Kollegen gestritten hat. Die dritte erzählt, ihr Mann sei Alkoholiker und könne die Familie nicht ernähren.

Schmatzend reden die Frauen durcheinander, machen sich lustig über ihre Männer, ihre Schwiegermütter und sagen, dass sie trotz allem nicht zurückwollten nach Vietnam. Denn eine Frau, die aus Südkorea in die Heimat zurückkehre, müsse Geld mitbringen, sonst gelte sie als Verliererin.

Während die Frauen essen, läuft auf dem großen Flachbildfernseher an der Wand eine Serie, die von vietnamesischen Einwanderinnen handelt. Sie heißt "Meine Mutter Phuong" und ist in Südkorea sehr beliebt: Die Hauptperson ist die Vietnamesin Phuong, die einen koreanischen Salzfarmer geheiratet hat und sich hingebungsvoll um ihn und die drei Kinder seiner Exfrau kümmert. Nie beschwert sie sich, stets lächelt sie. Man schaut ihr dabei zu, wie sie frühmorgens mit ihrem Mann zum Salzsee fährt, nachmittags die Kinder zum Friseur bringt und abends für die Familie kocht.

"Hoffentlich wird mir in Korea nichts passieren"

Die Serie ist eine Art staatlich finanzierter Werbefilm für den Import vietnamesischer Frauen. Die Botschaft lautet: Die Vietnamesinnen können unsere Familien zusammenhalten. Sie helfen bei der Arbeit, kümmern sich um die Kinder, opfern sich auf und sind dabei auch noch glücklich.

Plötzlich ruft eine der Frauen: "Minh, deine Schwiegermutter kommt nach Hause!"

Durch das Fenster ist eine Frau zu sehen, die auf einem Motorroller die Straße zum Haus entlangfährt. Schnell räumen die Frauen den Tisch ab und schieben ihn zur Seite. Minh huscht durch das Wohnzimmer und fegt den Boden. Dann ruft sie: "Los, stellt euch alle in eine Reihe und verbeugt euch!"

Eine ältere Frau mit Dauerwelle tritt ein, die Vietnamesinnen murmeln ein paar Worte zur Begrüßung. Es ist in diesem Moment, als habe sich der Raum geteilt: hier die vietnamesischen Frauen, die bei einer verbotenen Party ertappt wurden – dort die koreanische Schwiegermutter, die ihren Ärger kaum unterdrücken kann. Stumm schreitet sie durch das Zimmer, dreht den Vietnamesinnen den Rücken zu.

"Sie ist wütend!", flüstert eine der Frauen auf Vietnamesisch.

"Gleich gibt’s Ärger!", raunt eine andere.

Minh solle mit ihr aufs Feld kommen, zischt die Schwiegermutter schließlich, es gebe viel zu tun.

Sie fordert zwei der vietnamesischen Frauen auf, auf Minhs Kinder aufzupassen, dann verlässt sie schweigend das Haus. Minh hastet ihr hinterher. "Bleibt ruhig noch!", ruft sie ihren Freundinnen beim Hinausgehen zu. "Ich bin gleich wieder zurück."

Ihre Freundinnen lächeln ihr aufmunternd zu. Aber dann verlässt eine nach der anderen das Haus.

Am Tag vor ihrem Abflug aus Hanoi steigt Mai einen sechs Kilometer langen Pfad auf einen Berg hinauf. Auf dem Gipfel steht eine kleine Pagode. Mai nimmt ein Räucherstäbchen, zündet es an. Wie ein grauer Faden schwebt der Rauch in der Luft. Mai faltet die Hände. Leise sagt sie: "Ich bete, dass meine Familie gesund bleibt, während ich weg bin. Hoffentlich wird mir in Korea nichts passieren. Und hoffentlich verstehe ich mich mit der Familie meines Mannes. Ich wünsche mir, dass ich genug Geld haben werde, um meine Familie hier in Vietnam in drei, vier Jahren zu besuchen." Dann verbeugt sie sich dreimal.

Als Mai am Abend des nächsten Tages den Terminal des Flughafens von Hanoi betritt, trägt sie einen roten Wollmantel. Die Luft ist viel zu warm dafür, aber in Südkorea ist jetzt Winter.

Mai hat sich ihre Haare blondiert. Sie will schick und modern aussehen wie die Koreanerinnen aus den Fernsehserien. Sie zieht den rosa Rollkoffer hinter sich her, den ihr Mann ihr zur Hochzeit geschenkt hat. Sie hat ihre Koreanischbücher und warme Kleider eingepackt, außerdem vietnamesischen Kuchen, Gewürze und Pflanzensamen, die sie im Garten ihres Mannes in Bongdong aussäen will. Lachend lässt sich Mai mit ihren Freundinnen Hoa und Nghien fotografieren. Sie werden denselben Flug nehmen.

Mais Mutter streicht ihr immer wieder über den Kopf, ihr Vater greift nach ihrer Hand.

Ihrer Mutter sagt Mai, sie solle sich keine Sorgen machen, sie sei mit neuen Situationen doch immer gut zurechtgekommen. Ihrem Vater sagt sie, sie werde ihm bald Geld schicken, dann könne er seinen kranken Magen untersuchen lassen. Ihrem kleinen Bruder sagt sie, er solle in der Schule fleißig lernen, dann werde sie ihm später einen Job in Südkorea verschaffen.

Bevor sie durch die Sicherheitsschleuse geht, dreht sich Mai noch einmal um. "Ich werde euch alle sehr vermissen!", ruft sie. "Wer weiß, wann ich wiederkommen kann."

Sechs Wochen später meldet sich Mai über Facebook. Es gebe Neuigkeiten, schreibt sie. "Ich bin schwanger." Es wird ein Mädchen.

* Die Porträtierte ist mit der Autorin nicht verwandt. Von nun an nennen wir sie mit Vornamen, wie im Vietnamesischen üblich

** Name von der Redaktion geändert