In diesen Ländern, dem reichen Teil der Welt, zu dem auch Südkorea gehört, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten etwas verändert. Viele Frauen dort leben jetzt ein Leben, wie es früher nur die Männer kannten: Sie studieren, sie werden Ärztinnen oder Anwältinnen, sie leiten Abteilungen großer Konzerne, sie verdienen viel Geld, sie machen Karriere. Und sie bekommen weniger Kinder.

In Deutschland liegt das Durchschnittsalter heute bei fast 46 Jahren, in Südkorea bei 40, in den USA bei 37 Jahren. Die reiche Welt wird immer älter.

Deutschland hat das Elterngeld eingeführt und neue Kindertagesstätten eingerichtet, um die Geburtenrate zu erhöhen.

Südkorea hat das gleiche Problem, doch das Land hat eine andere Methode gefunden: Die Koreaner importieren aus Vietnam nicht mehr nur Textilien und Handyteile, sondern auch junge Frauen. Die südkoreanische Regierung bietet den Vietnamesinnen kostenlose Sprachkurse und Berufsausbildungen an, zum Beispiel zur Friseurin oder Kosmetikerin. Sie verschenkt Flugtickets, damit die Frauen regelmäßig ihre Familien in Vietnam besuchen können.

Inzwischen leben bereits 50.000 vietnamesische Heiratsmigrantinnen in Südkorea. Jedes Jahr kommen Tausende hinzu. Für vietnamesische Frauen ist es eine Karriere, einen Koreaner zu heiraten.

Vietnam ist ein junges Land. Das Durchschnittsalter liegt bei 28,7 Jahren, auf den Straßen sind viele Kinder und Jugendliche zu sehen. Vietnamesische Frauen haben kein Problem damit, mehr als nur ein Kind zu bekommen.

Nach der Schule zog Mai in ein Wohnheim und machte eine Ausbildung zur Elektrotechnikerin. Danach arbeitete sie eine Weile in der Fabrik eines japanischen Unternehmens. Sie verdiente umgerechnet nur etwa 70 Euro im Monat, und sie wusste nicht, wie sie das ändern sollte.

Als ihr eine Bekannte von einer Heiratsvermittlerin erzählte, wurde sie neugierig. In Vietnam ist eine Frau ohne Familie nur ein halber Mensch. Es gehört sich nicht, allein zu bleiben oder sich scheiden zu lassen. Selbst dann nicht, wenn der Mann trinkt oder prügelt. Vor allem, wenn die Frau nicht zu den Reichen oder Hochgebildeten zählt. Für eine arme Frau vom Land ist die Liebe ein Luxus.

Heiraten musste Mai also sowieso. Warum sollte sie nicht versuchen, einen Koreaner zu finden?

Mai wusste nicht viel von Südkorea, aber in ihrem Wohnheim hatte sie hin und wieder eine der koreanischen Fernsehserien gesehen, die in Vietnam sehr beliebt sind und immer zwei Geschichten zugleich erzählen: Der gut aussehende Sohn eines reichen Fabrikbesitzers verliebt sich in eine fleißige, aber arme Angestellte, die er am Ende heiratet. So in etwa verläuft die erste Geschichte. Die zweite Geschichte erzählen Kulissen und Requisiten: die großen Häuser, teuren Autos, schönen Kleider.

Mai musste lange sparen, um die 170 Euro aufzubringen, die die Heiratsvermittlerin verlangte. Vier Mal ging sie zu einem Casting mit koreanischen Männern. Jedes Mal bewarben sich sechzig bis hundert Frauen um ein knappes Dutzend Männer. Da waren die schönen Frauen, die nur einen Mann aus den koreanischen Großstädten Seoul und Busan wollten. Da waren die schüchternen Männer, die ihre Mütter mitgebracht hatten. Und da war immer ein und dieselbe Spielregel. "Der Mann hat das Recht, auszuwählen", sagt Mai. "Aber die Frau hat das Recht, abzulehnen."

Bei einem Casting war ein Mann, der nicht richtig gehen konnte. Er stürzte. Mai half ihm auf. Seinen Heiratsantrag schlug sie aus, obwohl die Vermittlerin sie drängte, ihn anzunehmen.

Einen Tag nachdem Mai ihren künftigen Mann kennengelernt hatte, fand die Hochzeit statt. Mai und Sang-Hoon Lee heirateten gemeinsam mit drei anderen Paaren. Die Vermittlerin schminkte die Bräute, frisierte und fotografierte sie. Später bekamen alle von ihren Männern den gleichen schmalen Goldring überreicht. Mai erinnert sich, dass der Ring drückte.

Ihr Bräutigam schenkte ihr zur Hochzeit noch einen Rollkoffer in Rosa. Für das Gepäck, wenn sie zu ihm nach Südkorea ziehen würde.

Sie feierten im Kellerrestaurant eines Dorfhotels. Außer ihrer Familie hatte Mai nur eine Freundin eingeladen und den Motorradtaxifahrer, der ihren Vater hergebracht hatte. Mit ihrem Mann hat sie damals nicht viel gesprochen. Er konnte kein Vietnamesisch, sie sprach kein Koreanisch. Jedes Wort musste die Vermittlerin übersetzen.

Auf den Hochzeitsfotos sieht man ein weiß geschminktes Mädchengesicht unsicher lächeln.

Als die Gäste nach Hause gegangen waren, blieben die vier Brautpaare allein zurück. Die Männer tranken Bier und unterhielten sich auf Koreanisch, die Frauen kicherten nervös, um die Scheu vor der anstehenden Nacht zu vertreiben.

Sie sei nicht überrascht gewesen, wie sich ihr Mann später im Zimmer verhalten habe, erzählt Mai nur. Sie sei auch schon mit vietnamesischen Männern zusammen gewesen; mit Männern, in die sie ein wenig verliebt gewesen war, die sie aber nie geheiratet hätte, weil sie ihr nichts zu bieten hatten.

Zwei Wochen nach der Hochzeit musste Mai wegen starker Bauchschmerzen ins Krankenhaus, ihr Mann war da schon wieder in Südkorea. Sie war schwanger geworden, hatte aber ihr Kind verloren. Später schenkte er ihr 500 Dollar, um die Krankenhauskosten zu begleichen. Mai sagt, das sei ein gutes Zeichen gewesen.

Mai sitzt auf der Pritsche im Haus ihrer Eltern und tippt auf ihrem Handy herum. Sie schreibt: "Wie geht es Dir, bist Du müde?" Eine Nachricht an ihren Mann. Sie kann zwar kaum seinen vollen Namen aussprechen, aber für kurze getippte Sätze reicht ihr Koreanisch schon. Manchmal schreibt sie: "Mein Liebling, ich vermisse Dich." Er schickt ihr dann einen Smiley zurück, das findet sie romantisch.

Am Tag nach der Hochzeit fuhr Mai mit ihrem Mann in ihr Dorf. Er begrüßte ihre Eltern mit den einzigen vietnamesischen Wörtern, die er kannte: Xin chào. "Guten Tag." Der Mutter schenkte er einen Reiskocher. Dann beteten sie gemeinsam am Ahnenaltar. Beim Essen saßen sie sich stumm gegenüber.

Mai, hast du Träume für dein Leben in Korea? "Ich bin ein Mädchen vom Land, was soll ich schon für Träume haben? Ich bin zufrieden, wenn es mir besser geht als hier und er mich nicht schlägt."

Mai würde längst bei ihrem Mann in Südkorea wohnen, hätte die Provinzregierung nicht eine Verordnung erlassen, wonach die Ausreise erst neun Monate nach der Hochzeit erfolgen darf. Das soll den Anreiz zur Heiratsmigration verringern.

Nach Berechnung vietnamesischer Sozialwissenschaftler haben Heiratsmigrantinnen wie Mai allein im vergangenen Jahr umgerechnet 45 Millionen Euro in ihre Heimat überwiesen, als Unterstützung für ihre Eltern und Geschwister. Die Regierung aber empfindet diese Form der Migration als Demütigung. Von Frauenhandel schreiben die staatstreuen Zeitungen, von sexueller Ausbeutung, von einer länderübergreifenden Form der Prostitution.

Tatsächlich hat Heiratsvermittlung in Vietnam eine lange Tradition, doch die regierenden Kommunisten haben sie aus moralischen Gründen verboten. Trotzdem – oder gerade deshalb – boomt das Geschäft mit der Ehe.