Weil so viele Frauen nach Südkorea gehen, finden inzwischen Männer in manchen Dörfern Vietnams keine Frau mehr. Sie beauftragen selbst Heiratsvermittlerinnen, die sie mit Frauen der Bergvölker zusammenbringen, die noch ärmer sind als die vietnamesische Mehrheitsbevölkerung.

Kurz vor ihrer Abreise nach Südkorea nimmt Mai in Hanoi an einem zweiwöchigen Kurs für vietnamesische Bräute teil. Er wird finanziert von dem koreanischen Elektronikkonzern Samsung, der in Vietnam gerade die größte Handyfabrik der Welt baut.

Das Unternehmen investiert viel, um nah an der koreanischen Volksseele zu sein. Es sponsert Kunstausstellungen, Fußballclubs, sogar ein Team von professionellen Videospielern. Jetzt hilft es auch noch bei der Suche nach dem Eheglück.

Der Kurs findet in einem Hotel namens "Lotusblüte" statt. Das Klassenzimmer ist ein Konferenzraum mit Backsteinimitat und Blumengemälde, neben der Tafel hängt eine große Karte Südostasiens. Die Vietnamesinnen sitzen an drei langen Tischreihen nebeneinander. Eine Frau mit heller Haut und Perlenkette begrüßt die Klasse. Sie ist Koreanerin, lebt aber seit zwanzig Jahren in Hanoi, wo sie früher in der koreanischen Botschaft arbeitete.

Sie sagt, noch vor wenigen Jahrzehnten sei Südkorea ähnlich arm gewesen wie Vietnam. Damals war es auch in Südkorea üblich, dass Frauen vier, fünf oder sechs Kinder bekamen. Die Regierung aber sah in den vielen Kindern, die das Land zu ernähren hatte, ein Hemmnis auf dem Weg zu einer modernen Industrienation. Sie startete Kampagnen, in denen sie für die Vorteile der Kleinfamilie warb. Sie richtete Beratungsstellen ein und klärte über Verhütungsmethoden auf.

Eine Folge war, dass viele schwangere Frauen, die ein Mädchen erwarteten, den Fötus abtreiben ließen. Koreanische Paare wollten jetzt zwar nicht mehr viele Kinder, aber noch immer unbedingt einen Sohn. Heute, Jahrzehnte später, gibt es in Südkorea einen Überschuss an Männern im heiratsfähigen Alter.

"Deshalb gehen koreanische Männer ins Ausland, um eine Frau zu finden", sagt die Lehrerin zu den jungen Vietnamesinnen im Hotel Lotusblüte.

Auch die niedrige Geburtenrate hat das Land verändert. "Wenn die koreanischen Frauen weiterhin so wenige Kinder bekommen, wird unsere Bevölkerung irgendwann nur noch halb so groß sein", sagt die Lehrerin. Dann fügt sie hinzu, dass Kinderkriegen etwas sehr Schönes sei und dass sich eine Mutter um ihr Kind und um ihren Mann zu kümmern habe und nicht nur an die Verwandten in Vietnam denken solle.

Eindringlich schaut sie die Frauen an, dann sagt sie: "Korea ist eure Zukunft."

Eine Assistentin verteilt Tragetaschen mit bunten Punkten. "Das ist in Korea jetzt Mode", sagt sie. Mai öffnet ihre Tasche wie ein Weihnachtsgeschenk. Sie zieht eine gelbe Schürze mit Samsung-Logo heraus, dazu drei dünne Lehrbücher: Das erste handelt von der koreanischen Kultur, das zweite ist ein Kochbuch, das dritte heißt "Wie man sich um seinen Körper kümmert, wenn man schwanger ist".

Mai blättert durch das Buch. Es enthält anatomische Zeichnungen von Geschlechtsorganen, Fotos von Verhütungsmitteln, Informationen über sexuelle Krankheiten. Mai schiebt das Buch wieder in die Tasche. In Vietnam gibt es keine sexuelle Aufklärung in der Schule, das Thema ist ein Tabu.

Am nächsten Morgen versammeln sich die Frauen im Hotelrestaurant. Sie binden sich ihre gelben Samsung-Schürzen um und setzen sich an einen Tisch, auf dem zwei Gaskocher und kleine Flaschen mit Ölen und Gewürzen stehen. Die Kochlehrerin, eine Frau mit Dauerwelle, Brille und Lippenstift, steht am Tischende vor einem Schneidebrett und zerteilt mit schnellen Schnitten ein paar Möhren. Sie spricht nur Koreanisch, eine Assistentin übersetzt: "Ich bringe euch die wichtigsten Gerichte mit ihren koreanischen Namen bei, damit ihr sie später zu Hause kochen könnt. Und wenn euer Mann ein Lieblingsgericht hat, sagt mir Bescheid."

Die Frauen machen sich Notizen, Mai filmt mit ihrem Handy. Die Lehrerin reicht einen Beutel mit kleinen getrockneten Fischen herum, Mai riecht daran.

Die Zutaten stammen alle aus einem teuren koreanischen Supermarkt. Vietnamesische Zutaten schmeckten nicht so gut, sagt die Lehrerin. Sie gießt Öl und Sesamsoße in eine Pfanne und schüttet die Fische hinein, es riecht süßlich.

Während die Lehrerin ihr Schneidebrett mit einem Küchentuch abwischt, erzählt sie, dass sie ihre vietnamesische Hausangestellte einmal dabei beobachtet habe, wie sie dasselbe Tuch für die Möbel und die Küche benutzte. "Macht das bloß nicht!", ruft sie. Mai greift sich ein Küchentuch und wischt ihr Brett sorgfältig ab.

Die fertigen Gerichte dürfen die Schülerinnen anschließend beim Mittagessen probieren. Mai kostet ein wenig. Sie sagt, es schmecke ihr gut.

Während des Kurses wohnen die Frauen im Hotel. Mai teilt sich ein Zweibettzimmer mit den drei Frauen, mit denen sie gemeinsam geheiratet hat, auch sie sind Anfang zwanzig. Da ist Hoa, die hübsch und schmal ist und mit der Mai in einem Bett schläft. Da ist Hong, die von ihrem Mann schon schwanger ist und so gern Karaoke singt. Und da ist Nghien, die von den vier am besten Koreanisch spricht, weil ihre ältere Schwester bereits in Südkorea lebt.

Während die jungen Frauen miteinander reden, schicken sie ihren Männern Chatnachrichten über ihre Handys. "Mein Mann fragt, ob ich genug Geld zum Einkaufen habe", quietscht Nghien auf einmal. "Ich habe so ein Glück!"

Einmal hat Mai gemeinsam mit ihrer Koreanischlehrerin bei ihrem Mann angerufen. Sie wollte sich mit ihm unterhalten, aber er mochte nicht reden, hat kaum geantwortet. Mai sagt, das deute darauf hin, dass er schwierig sei.

Die vier Frauen haben herausgefunden, dass sie in Südkorea alle in derselben Gegend wohnen werden, im Südwesten des Landes. Für den Fall, dass ihr Mann sie schlage, werde sie wegrennen, sagt Mai, und sich zu einer ihrer Freundinnen flüchten.