Tatsächlich berichten Menschenrechtsorganisationen von koreanischen Männern, die ihre vietnamesischen Frauen eingesperrt, geschlagen und vergewaltigt haben. Zwei Vietnamesinnen wurden in den vergangenen Jahren sogar umgebracht.

"Die Ehe", sagt Mai, "ist wie eine Lotterie: Du weißt vorher nicht, ob du Glück oder Pech hast."

Mai blättert in ihren Heiratspapieren. Sie findet die Adresse ihres Mannes, ihren künftigen Wohnort, wo Sang-Hoon Lee im Moment noch alleine in einem großen Haus lebt, so hat es ihr die Heiratsvermittlerin erzählt. Der Ort heißt Bongdong, er liegt etwa 200 Kilometer von Südkoreas Hauptstadt Seoul entfernt.

Der Weg von Seoul nach Bongdong führt über Autobahnen, vorbei an glänzenden gläsernen Bürotürmen, an Fast-Food-Restaurants und riesigen Plakaten, die für das aktuellste Smartphone, das neueste Auto, die beste hautaufhellende Creme werben. Er führt durch ein Land, das von Mais Dorf so weit entfernt zu sein scheint wie der Mond – bis dieses Land sich auf einmal verändert. Statt Hochhäusern und Einkaufszentren sind da plötzlich Felder und Obstplantagen. Kleine Kirchen zwischen weißgrauen Wohnhäusern. Die Häuser sind verwittert. Nichts glänzt.

Bongdong ist ein Dorf mit 15.000 Einwohnern. Das Haus von Sang-Hoon Lee, das Mai demnächst erstmals sehen wird, liegt etwas abseits. Ein eisernes Tor, ein bellender Hund, ein kleiner Innenhof, unverputzte Ziegelsteine. Bröckelnde Mauern.

Eine Schiebetür öffnet sich, zwei Frauen beugen sich misstrauisch ins Freie. Es sind Mutter und Großmutter des Bräutigams. Hieß es nicht, er lebe hier allein?

Sang-Hoon Lee ist Angestellter eines Bauunternehmens. Es ist Sonntag, sieben Uhr abends. Er sei noch bei der Arbeit, sagen die beiden Frauen, er mache oft Überstunden.

Zwei Stunden später rollt ein schwarzer Kleinwagen vor das Haus. Sang-Hoon Lee trägt ein silbernes Armband, die Haare sind leicht gelockt. Er sieht jünger aus als 43, nicht so stämmig wie auf den Hochzeitsfotos.

Mai hatte den Besuch der ZEIT angekündigt, aber ihr Mann sagt: "Sie können hier nicht einfach so auftauchen, so etwas macht man in Korea nicht."

Er könne leider keine Gäste empfangen, sagt er, sein Haus werde gerade renoviert. Auf mehrfache Bitten um ein Treffen wird er in den folgenden Tagen nicht mehr reagieren.

Es gibt viele Männer in Bongdong, die mit einer vietnamesischen Frau zusammenleben. Man erfährt das in den kargen, ungeheizten Restaurants des Dorfes. Wer eine Ausländerin zur Frau nehme, sagen die Leute dort, der sei nicht gut genug für eine Einheimische. Der kaufe sich eine Frau zum Kinderkriegen. Der importiere eine Gebärmaschine.

Tatsächlich ist die Ehe mit einer Vietnamesin eine Notlösung für Männer, die zu arm, zu alt oder zu ungebildet sind, um den Ansprüchen moderner koreanischer Frauen zu genügen. Es sind Männer, die meist lange sparen müssen, um die umgerechnet 10.000 bis 15.000 Euro aufzubringen, die die Heiratsvermittler von ihnen verlangen.

Wie für Mai ist auch für diese Männer die Liebe ein Luxus.

Ein alleinstehender Mann lebt mit seiner Mutter zusammen, so war das früher in Korea, so ist es noch heute üblich auf den Dörfern. Und auch wenn der Mann heiratet, zieht nicht er aus, sondern seine Frau ein. Zu ihren Aufgaben gehört es dann, sich um die Schwiegermutter zu kümmern.

Wie ergeht es den vietnamesischen Frauen, die bereits in Bongdong wohnen? Ihr Leben könnte einen Hinweis darauf liefern, was Mai erwartet.

Ein Taxifahrer gibt einen Tipp, eine Vietnamesin bietet Hilfe an, dann findet man sich eines Tages vor einem Haus inmitten von Feldern und Kakibäumen wieder. Eine Treppe führt nach oben, man lässt seine Schuhe draußen stehen und betritt ein Wohnzimmer.

An den Wänden hängen große Fotos von einem Hochzeitspaar in koreanischer Tracht: er, schlaksig und mit schielendem Blick, in einem glockenförmigen Mantel. Sie, anmutig wie ein Fotomodell, in einem weiten, bunten Rock. Darunter ein Bild von einem Baby mit einem grünen Teddybären. Aufnahmen einer Familie, die auf den ersten Blick glücklich wirkt.

Die Frau auf dem Foto heißt Minh**, sie ist 27 Jahre alt und stammt aus Südvietnam. Auch sie war arm, bevor sie nach Südkorea zog, auch sie stammt aus einem Dorf wie Mai, auch sie hat eines Tages die Nummer einer Heiratsvermittlerin gewählt und sich wenig später bei einem Casting in die Schlange gestellt. Das war vor fünf Jahren.

Der Mann, der Minh heiratete, war mit seiner Mutter nach Vietnam gekommen. Sie war es, die unter all den Bewerberinnen Minh für ihn aussuchte. Ihre Freundinnen sagen, das liege daran, dass er geistig behindert sei.

Minh hat an diesem Tag acht Freundinnen zum Mittagessen eingeladen – acht vietnamesische Frauen aus Bongdong. Sie alle sind mit einem koreanischen Mann verheiratet, manche haben ihre Kinder mitgebracht.

Minh trägt ein goldenes Fußkettchen, ihre Fingernägel hat sie rot lackiert. Den ganzen Morgen hat sie gekocht, um ihre Freundinnen bewirten zu können. Jetzt stellt sie Suppentöpfe und Teller mit Fisch, Salat und Reisnudeln auf einen niedrigen Holztisch – vietnamesische Gerichte. Die Frauen rufen ihren Kindern koreanische Sätze voller Fehler hinterher – ihre Männer wollen nicht, dass sie mit den Kleinen Vietnamesisch sprechen.

Alle von ihnen leben seit Jahren in Bongdong, jetzt sitzen sie zusammen und reden über ihre Männer. Die erste beklagt, dass ihr Mann zwei Schichten pro Tag arbeite und das Geld trotzdem nicht reiche. Die zweite hat gerade ihren Job in der Fabrik verloren, weil sie sich mit einem koreanischen Kollegen gestritten hat. Die dritte erzählt, ihr Mann sei Alkoholiker und könne die Familie nicht ernähren.

Schmatzend reden die Frauen durcheinander, machen sich lustig über ihre Männer, ihre Schwiegermütter und sagen, dass sie trotz allem nicht zurückwollten nach Vietnam. Denn eine Frau, die aus Südkorea in die Heimat zurückkehre, müsse Geld mitbringen, sonst gelte sie als Verliererin.

Während die Frauen essen, läuft auf dem großen Flachbildfernseher an der Wand eine Serie, die von vietnamesischen Einwanderinnen handelt. Sie heißt "Meine Mutter Phuong" und ist in Südkorea sehr beliebt: Die Hauptperson ist die Vietnamesin Phuong, die einen koreanischen Salzfarmer geheiratet hat und sich hingebungsvoll um ihn und die drei Kinder seiner Exfrau kümmert. Nie beschwert sie sich, stets lächelt sie. Man schaut ihr dabei zu, wie sie frühmorgens mit ihrem Mann zum Salzsee fährt, nachmittags die Kinder zum Friseur bringt und abends für die Familie kocht.