Die Serie ist eine Art staatlich finanzierter Werbefilm für den Import vietnamesischer Frauen. Die Botschaft lautet: Die Vietnamesinnen können unsere Familien zusammenhalten. Sie helfen bei der Arbeit, kümmern sich um die Kinder, opfern sich auf und sind dabei auch noch glücklich.

Plötzlich ruft eine der Frauen: "Minh, deine Schwiegermutter kommt nach Hause!"

Durch das Fenster ist eine Frau zu sehen, die auf einem Motorroller die Straße zum Haus entlangfährt. Schnell räumen die Frauen den Tisch ab und schieben ihn zur Seite. Minh huscht durch das Wohnzimmer und fegt den Boden. Dann ruft sie: "Los, stellt euch alle in eine Reihe und verbeugt euch!"

Eine ältere Frau mit Dauerwelle tritt ein, die Vietnamesinnen murmeln ein paar Worte zur Begrüßung. Es ist in diesem Moment, als habe sich der Raum geteilt: hier die vietnamesischen Frauen, die bei einer verbotenen Party ertappt wurden – dort die koreanische Schwiegermutter, die ihren Ärger kaum unterdrücken kann. Stumm schreitet sie durch das Zimmer, dreht den Vietnamesinnen den Rücken zu.

"Sie ist wütend!", flüstert eine der Frauen auf Vietnamesisch.

"Gleich gibt’s Ärger!", raunt eine andere.

Minh solle mit ihr aufs Feld kommen, zischt die Schwiegermutter schließlich, es gebe viel zu tun.

Sie fordert zwei der vietnamesischen Frauen auf, auf Minhs Kinder aufzupassen, dann verlässt sie schweigend das Haus. Minh hastet ihr hinterher. "Bleibt ruhig noch!", ruft sie ihren Freundinnen beim Hinausgehen zu. "Ich bin gleich wieder zurück."

Ihre Freundinnen lächeln ihr aufmunternd zu. Aber dann verlässt eine nach der anderen das Haus.

Am Tag vor ihrem Abflug aus Hanoi steigt Mai einen sechs Kilometer langen Pfad auf einen Berg hinauf. Auf dem Gipfel steht eine kleine Pagode. Mai nimmt ein Räucherstäbchen, zündet es an. Wie ein grauer Faden schwebt der Rauch in der Luft. Mai faltet die Hände. Leise sagt sie: "Ich bete, dass meine Familie gesund bleibt, während ich weg bin. Hoffentlich wird mir in Korea nichts passieren. Und hoffentlich verstehe ich mich mit der Familie meines Mannes. Ich wünsche mir, dass ich genug Geld haben werde, um meine Familie hier in Vietnam in drei, vier Jahren zu besuchen." Dann verbeugt sie sich dreimal.

Als Mai am Abend des nächsten Tages den Terminal des Flughafens von Hanoi betritt, trägt sie einen roten Wollmantel. Die Luft ist viel zu warm dafür, aber in Südkorea ist jetzt Winter.

Mai hat sich ihre Haare blondiert. Sie will schick und modern aussehen wie die Koreanerinnen aus den Fernsehserien. Sie zieht den rosa Rollkoffer hinter sich her, den ihr Mann ihr zur Hochzeit geschenkt hat. Sie hat ihre Koreanischbücher und warme Kleider eingepackt, außerdem vietnamesischen Kuchen, Gewürze und Pflanzensamen, die sie im Garten ihres Mannes in Bongdong aussäen will. Lachend lässt sich Mai mit ihren Freundinnen Hoa und Nghien fotografieren. Sie werden denselben Flug nehmen.

Mais Mutter streicht ihr immer wieder über den Kopf, ihr Vater greift nach ihrer Hand.

Ihrer Mutter sagt Mai, sie solle sich keine Sorgen machen, sie sei mit neuen Situationen doch immer gut zurechtgekommen. Ihrem Vater sagt sie, sie werde ihm bald Geld schicken, dann könne er seinen kranken Magen untersuchen lassen. Ihrem kleinen Bruder sagt sie, er solle in der Schule fleißig lernen, dann werde sie ihm später einen Job in Südkorea verschaffen.

Bevor sie durch die Sicherheitsschleuse geht, dreht sich Mai noch einmal um. "Ich werde euch alle sehr vermissen!", ruft sie. "Wer weiß, wann ich wiederkommen kann."

Sechs Wochen später meldet sich Mai über Facebook. Es gebe Neuigkeiten, schreibt sie. "Ich bin schwanger." Es wird ein Mädchen.

* Die Porträtierte ist mit der Autorin nicht verwandt. Von nun an nennen wir sie mit Vornamen, wie im Vietnamesischen üblich

** Name von der Redaktion geändert