Als Pauline Weinzierl ein Kind war, fing sie an, dieses Land zu lieben. Ganze Sommer verbrachte sie in Griechenland bei ihrem Großvater, einem Geschichtsprofessor, der nach seiner Emeritierung ausgewandert war. Später lernte sie Neugriechisch und begann davon zu träumen, selbst einmal dort zu arbeiten. Dann rutschte das Land in die Krise. Nun ist Pauline Weinzierl nach Athen gekommen, um das Land ihrer Träume zu retten.

Die junge Deutsche soll mithelfen, einen neuen Staat aufzubauen und die Trümmer des alten Systems beiseitezuschaffen. Sie selbst würde das niemals so dramatisch formulieren. "Wir sind hier, um Unterstützung zu organisieren", sagt sie. Die Zurückhaltung hat einen Grund. Weinzierl, 36, aufgewachsen in München, ist Beamtin der Europäischen Kommission mit Dienstsitz in Athen. Und dort, in der griechischen Hauptstadt, ist das Misstrauen gegenüber der EU und ihren Mitarbeitern nach wie vor groß. Selbst wenn sie, wie Weinzierl, in bester Absicht unterwegs sind.

Im Sommer 2011, als immer deutlicher wurde, dass es nicht ausreichen würde, mehr und mehr Geld nach Griechenland zu schicken, beschlossen die Regierungschefs der Europäischen Union noch eine andere Form der Hilfe. Die EU-Kommission sollte eine Art Einsatztruppe zusammenstellen, um der Regierung in Athen bei der notwendigen Generalüberholung des Staatswesens zur Hand zu gehen. Mit der Einsetzung dieser Taskforce begann ein einmaliges Experiment.

Niemals zuvor in ihrer Geschichte hat sich die EU so direkt in die Belange eines ihrer Mitgliedsstaaten eingemischt wie in Griechenland. Und niemals zuvor hat die EU so viele Kräfte mobilisiert, nur um einem einzigen Mitgliedsland zu helfen. Rund 60 Mitarbeiter zählt die Taskforce, etwa die Hälfte von ihnen arbeitet in Athen. Auch für die EU-Beamten ist das Neuland: Statt in Brüssel unbehelligt an Verordnungen oder Richtlinien zu feilen, helfen sie in Athen, eine effiziente Verwaltung aufzubauen, das Gesundheitswesen zu modernisieren und die Korruption zu bekämpfen.

Es hat eine Weile gedauert, bis wir die Erlaubnis bekamen, Pauline Weinzierl in Athen zu begleiten. Die griechischen Medien sind nach wie vor nicht zimperlich in der Berichterstattung. Auch deshalb treten die Mitarbeiter der Taskforce selten öffentlich in Erscheinung. Auf Fotos möchte Weinzierl lieber nicht erkannt werden. Nun aber sind wir gemeinsam auf dem Weg zu Panos Zafeiropoulos ihrem griechischen Kollegen.

Zafeiropoulos’ Büro liegt im Zentrum von Athen, ganz in der Nähe des Syntagmaplatzes. Eine schmale Treppe führt hinauf in den fünften Stock, auf den dünnen Holztüren pappen die Büronummern. Das Vorzimmer ist leer, über den Boden laufen Telefonkabel. Zafeiropoulos arbeitet für das griechische Finanzministerium. Keine fünf Minuten sind es von seinem Büro zum Parlament, auch der Amtssitz des Ministerpräsidenten ist zu Fuß zu erreichen. Wenn auf dem Syntagmaplatz wieder einmal gegen die Regierung, die Troika, die Sparpolitik oder eine Reform demonstriert wird, muss Zafeiropoulos die Fenster schließen, so laut ist es. Athen zählt mehr als vier Millionen Einwohner, die Stadt franst immer weiter aus, aber die Macht ist in ein paar Straßen konzentriert. Oder besser: das, was von der Macht übrig geblieben ist.

Panos Zafeiropoulos ist heute 53, seit 18 Jahren dient er dem griechischen Staat. Als junger Mann hat er für ein Versicherungsunternehmen gearbeitet. "Ich bin ein IT-Mann", sagt er und lacht. Damals haben sie ihm eine Stelle im Ministerium angeboten, aber er hat abgelehnt. Zweimal. Erst als es beim dritten Mal hieß, dies sei seine letzte Chance, hat er seinen Job bei der Versicherung aufgegeben. So wie er die Geschichte erzählt, klingt es nach Nötigung. Als sei es damals fast unausweichlich gewesen, Beamter zu werden. Das alte und das neue Griechenland fließen in Zafeiropoulos’ Biografie ineinander.