Wo früher das 103 war, ist nur noch eine kleine hellbraune Treppe, die zu einer verschlossenen Tür führt. Die Stufen der Treppe sind kaputt, bestimmt schon seit zwei oder drei Jahren, die silberfarbenen Rollläden sind seit dem letzten Herbst zugezogen, und vor dem Café, in dem ich zehn Jahre lang jeden Tag saß, mit Leuten redete, las oder aus dem Fenster schaute, hat jemand die Tische und Stühle zusammengeschoben und mit einer riesigen grünen Plane zugedeckt. Jedes Mal, wenn ich hier vorbeigehe, erschrecke ich und denke, unter der Plane liegt ein schlafender Elefant.

Und was ist mit dem vietnamesischen Lebensmittelladen passiert, der zwei Häuser weiter am Zionskirchplatz lag? Er ist jetzt in Tempelhof, vielleicht auch in Wilmersdorf, das weiß ich nicht genau. Ich hatte den harten, freundlichen Herrn Khuam, dem das Geschäft gehörte, gefragt, wohin er umzieht, als ihm vor ein paar Jahren die Miete erhöht wurde. Aber leider hatte ich nicht verstanden, was er sagte, er sprach immer sehr undeutlich Deutsch, und so werde ich ihn, seine Frau und seine Kinder nie mehr wiedersehen. Heute werden hier lange Klavierlehrerinnenkleider verkauft, solche, wie es sie sonst in Secondhandläden gibt, aber diese Kleider sind neu und teuer, und ab und zu kommt ein Vox-Team vorbei und dreht für Shopping Queen, und darum sehe ich den alten Laden von Herrn Khuam wenigstens manchmal im Fernsehen.

Wo einmal der Schlecker war – Ecke Kastanienallee und Zionskirchstraße –, gibt es zerschnittene T-Shirts und Damenschuhe mit übertrieben hohen Plateausohlen, das Geschäft ist immer leer, aber es macht trotzdem nicht zu. Das namenlose Café direkt an der Straßenbahnhaltestelle, wo man auf alten orangefarbenen Flughafenbänken saß und wegen der schönen, traurigen jungen Frauen, die dort bedienten, eine Tram nach der anderen verpasste, ist auch weg. Stattdessen hat ein neues Café aufgemacht, es heißt Röststätte, die neuen Stühle wirken wie billige Konstantin-Grcic-Kopien aus dem Baumarkt, und die Leute, die auf ihnen sitzen und Espresso trinken, aus äthiopischen Kaffeebohnen gebrüht, sind meistens blond und haben gesteppte Daunenjacken an. Ich kenne keinen Einzigen von ihnen, sie sind mir so fremd wie die wuchtigen und ungelenken Neubauten ein paar Meter weiter in Richtung Eberswalder Straße, deren glatte, kalte Fassaden und große schwarze Fenster wahrscheinlich gar nicht von Architekten entworfen wurden, sondern von den Computern der Architekten. Ich habe schon ein- oder zweimal bei ihrem Anblick laut geschimpft und mich danach dafür geschämt.

Meine Freunde und Nachbarn haben viel früher als ich gemerkt, dass am Zionskirchplatz etwas nicht stimmt. Gottfried, der in meinem Haus wohnte, noch bevor es als eines der ersten in der Gegend renoviert wurde, wohnt jetzt am Mariannenplatz. Helge, für den ich gleich nach meinem Umzug von München nach Berlin in der hässlichen Mietskaserne gegenüber ein kleines Zwei-Zimmer-Appartement gefunden hatte, in dem er so glücklich war wie früher in Köln am Brüsseler Platz, ist auch nach Kreuzberg umgezogen, zum Engelbecken, er hat dort hundert Quadratmeter mehr, und seine Wohnung ist eigentlich gar keine Wohnung, sondern ein Loft. Und Till, der früher das 103 gemacht hat und praktisch immer da war, von morgens bis nachts, von Montag bis Sonntag, wird nächstes Jahr in der Oranienstraße etwas Neues aufmachen. Ich darf noch nicht verraten, was, aber ich glaube, dass ich dann viel häufiger in Kreuzberg sein werde als bisher, obwohl ich Kreuzberg immer noch ziemlich traurig und auf eine völlig sinnlose Art chaotisch finde.

Nein, ich werde den zurzeit so stillen und verlassenen Zionskirchplatz trotzdem nie ganz verlassen, ich werde nicht nach Kreuzberg, Wilmersdorf oder Tempelhof ziehen. Ich warte lieber ab, was hier, wo es mir schon so lange gut geht, als Nächstes passiert. Das habe ich von meinen Eltern gelernt, die den langen Weg von Russland über Prag nach Deutschland hinter sich haben. In Prag wohnten wir alle zusammen in Vinohrady, in dem schönen, großzügigen Jugendstilviertel über dem Wenzelsplatz, und jetzt haben meine Eltern wieder eine Wohnung dort, in der sie immer wieder Ferien machen, oft wochen- und monatelang, und wenn ich sie dort anrufe, klingen ihre Stimmen jünger als meine. In Hamburg, in den Siebzigern, zogen meine Eltern mit meiner Schwester und mir nach Rotherbaum, in eine große, ein bisschen zu dunkle Wohnung, die damals kein Hamburger haben wollte, weil damals alle aufs Land flohen. Inzwischen sind fast vierzig Jahre vergangen, und sie wohnen immer noch dort, sie kennen jeden Pflasterstein, jeden Baum und jeden Menschen rund um den Hallerplatz, und genau das ist es, was ihnen das Gefühl gibt, am richtigen Platz zu sein, obwohl sie wissen, dass Emigranten dieses Gefühl eigentlich gar nicht haben können. Was kann Leuten, die für immer von zu Hause weggegangen sind, Besseres passieren?

Vielleicht wird mein Warten auf eine bessere Zeit früher belohnt, als ich denke. Vor ein paar Monaten sind plötzlich Bagger und Bauarbeiter aufgetaucht und haben die hässlichen Büsche, hinter denen sich seit Jahrzehnten die schöne, große dunkelrote Zionskirche versteckte, rausgerissen. Jetzt werden überall Wege angelegt, es wird rund um die Kirche freie Wiesen und Blumenbeete geben, und die löchrigen Bürgersteige am Zionskirchplatz werden nicht neu gemacht, sondern restauriert und bekommen ihr altes Mosaikpflaster zurück. Die ersten paar Hundert Meter sind bereits fertig, und sie sehen so elegant und großzügig aus wie das Trottoir am Kurfürstendamm. Bald wird es hier so aussehen wie in Berlins besten Gründerzeittagen – und ich werde immer noch da sein und auf einer Bank im Schatten der Zionskirche sitzen und rauchen und darauf warten, dass einer von meinen alten Nachbarn und Freunden vorbeikommt, sich neben mich setzt und traurig sagt: "Ach, hast du es schön hier. Warum bin ich damals bloß abgehauen?"