Man muss kein ›Russlandversteher‹ sein, ... um sich über die deutsche Empörung zu wundern", schreibt Jens Jessen in seinem Artikel Teufelspakt für die Ukraine, und Eugen Ruge ist "verwundert über die Hysterie, die einen Teil der Medien in der Ukraine-Frage ergriffen hat" (ZEIT Nr. 14/2014). Ich wundere mich, mit Verlaub, darüber, dass diese beiden und andere Autoren in der ZEIT und anderen deutschen Medien die widerrechtliche Annexion der Krim durch Russland nicht nur verstehen, sondern mindestens implizit auch rechtfertigen. Dabei übernehmen sie die neoimperiale Sicht Wladimir Putins, der weite Teile Osteuropas zu seiner Interessensphäre erklärt, als wäre die Sowjetunion nie untergegangen und als wären aus ihrem Bestand nicht 15 neue souveräne Staaten hervorgegangen, unter ihnen Russland und die Ukraine.

Besonders unangenehm berührt mich die Herablassung gegenüber den Ukrainern, einer der großen Nationen Europas. Mit dem Vokabular des Imperialismus werden sie als "künstliche Nation", als "unhistorische Völker" im Sinne Hegels und Marx’ denunziert: "Vielleicht denken sie [die deutschen Journalisten] allen Ernstes, das Land sei mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion entstanden und die seither vergangenen zwanzig Jahre seien genug, um eine Nation auf einem quasi leeren, von jeder Historie gesäuberten Papier neu zu bilden", so Jessen. Eine solche Haltung, die typisch war für die Großmächte des 19. Jahrhunderts, ist nicht nur zynisch, sondern verzerrt die Geschichte in einem unerträglichen Maß.

Mit der abenteuerlichen Behauptung, "Kiew war immer russisch" und "schon die Preisgabe des russischen Kerngebietes um Kiew" sei "eine Zumutung" für Russland, übertrifft die imperiale Rhetorik sogar die sowjetische und die heutige russische, denn seit 1917 hat niemand ernsthaft das Gebiet um Kiew als russisches Kerngebiet bezeichnet. Ganz im Gegenteil war dies die Region, in der sich die entscheidenden Ereignisse der ukrainischen Geschichte abgespielt haben und in der sich die ukrainische Nation formiert hat. Der Bezug auf die Geschichte, das kollektive Gedächtnis, ist vielleicht das wichtigste Element des ukrainischen Nationalbewusstseins. Deshalb ist es so wichtig, Verdrehungen der Geschichte entgegenzutreten. Es gibt genügend Bücher, die über die ukrainische Geschichte kompetent informieren, allerdings haben sie es bisher nicht geschafft, die Deutungshoheit eines von Russland unkritisch übernommenen russozentrischen Bildes der Geschichte Osteuropas zu durchbrechen.

Kiew ist nicht russisches Kerngebiet, und das Ukrainische ist kein Dialekt

Das gesamte damals von Ukrainern bewohnte Territorium mit dem Zentrum Kiew war seit dem Mittelalter mit dem übrigen Europa verbunden, es gehörte während drei beziehungsweise vier Jahrhunderten zum Königreich Polen-Litauen und nur zwei beziehungsweise drei Jahrhunderte lang zu Russland beziehungsweise der Sowjetunion. Über Polen gelangten Stadtrecht, Humanismus, Renaissance, Reformation, Gegenreformation und andere westliche Einflüsse in die Ukraine. In Kiew wurde 1632 die erste Hochschule im ostslawischen Raum gegründet, deren Absolventen die erste Welle der Verwestlichung Russlands auslösten, an die Peter der Große anknüpfen konnte. In Kiew begründeten in der Mitte des 17. Jahrhunderts die ukrainischen Kosaken einen Herrschaftsverband, der kurzfristig unabhängig war und in der Folge im Zarenreich weitgehende Autonomie genoss.

Zwar wurden die ukrainischen Eliten im Zarenreich weitgehend russifiziert, und die ukrainische Sprache (die nicht nur "ein Dialekt" war) wurde deklassiert, doch gingen Anfänge einer Nationalbewegung, für die etwa der Nationaldichter Taras Schewtschenko steht, erneut vom Gebiet um Kiew aus. Als im Februar 1917 der Zar gestürzt und die antiukrainische Repression aufgegeben wurde, waren binnen Kurzem breite Massen der Ukrainer national mobilisiert. Gemäßigt sozialistische Ukrainer erhoben in Kiew die Forderung nach Autonomie, die ihnen die provisorische Regierung auch gewährte. Nachdem die Bolschewiki die Macht ergriffen hatten und in die Ukraine einmarschiert waren, erklärte die Ukraine wie die meisten anderen Randgebiete des Zarenreiches ihre Unabhängigkeit.

Damit sind wir bei Simon Petljura, dem zweiten Gegenstand, den Jens Jessen verzerrt darstellt. Seine Erzählung beginnt mit einem Irrtum, der die seinem Artikel zugrunde liegende Legende von der deutschen Erfindung der ukrainischen Nation zum Einsturz bringt. Petljura war kein "Held von deutschen Gnaden", er war nie Minister in Skoropadskyjs Hetmanat, das 1918 als Vasall des Deutschen Reiches eingerichtet wurde. Ganz im Gegenteil wurde er vorübergehend inhaftiert und wurde erst nach dem Ende des Ersten Weltkriegs Regierungschef der unabhängigen Ukrainischen Volksrepublik. Dieser kurzlebige ukrainische Nationalstaat wurde bald von der Roten Armee erobert.