DIE ZEIT: Herr Matschie, in Suhl ließ sich eine Pädagogin in FDJ-Kluft vor Schülern ablichten. Hat Thüringen ein Problem mit seinen Geschichtslehrern?

Christoph Matschie: Nein, das haben wir nicht. Die Bilder der Lehrerin, die diesen Eindruck erwecken könnten, sind entstanden, als eine 12. Klasse ihren Abschied aus der Schule feierte. Ihr Motto war der Schulalltag in der DDR. Da wurden einige Szenen nachgestellt. Das war Satire, kein Unterricht. Der Geschichtsunterricht in Thüringen setzt sich kritisch mit der DDR auseinander, auch in Suhl.

ZEIT: Als der Fall aufkam, sagten Sie, DDR-Kitsch habe im Unterricht nichts verloren.

Matschie: Und genau so ist es auch. Vor allem aber wollte ich, dass wir uns den Fall genauer ansehen. Das Schulamt hat die Vorfälle inzwischen geprüft, die Lehrerin Heidemarie Schwalbe hat sich aktiv an der Aufklärung beteiligt, ihren Fehler eingesehen. Sie bedauert diese Fotos.

ZEIT: Wird es Konsequenzen für sie geben?

Matschie: Wir werden sie ins Schulamt laden, ihr dort eine Missbilligung aussprechen.

ZEIT: Ihr Unterricht aber ist in Ordnung?

Matschie: Frau Schwalbe bemüht sich um ein differenziertes Geschichtsbild, ein kritischer Blick auf die DDR gehört dazu. Und daran ist sie dem Lehrplan nach auch gebunden.

ZEIT:Christine Lieberknecht nannte den Fall "unsäglich".

Matschie: Bevor man solche Urteile fällt, sollte man genauer hinsehen. Wir kennen nun die Zusammenhänge, also müsste auch die Ministerpräsidentin zu einer anderen Einschätzung kommen. 25 Jahre nach 1989 tun wir uns keinen Gefallen, wenn wir so etwas skandalisieren. Wir dürfen nicht wegschauen, aber auch nicht mit Schaum vor dem Mund reagieren.

ZEIT: Verbieten Sie künftig DDR-Symbole?

Matschie: Ich denke, dass alle Schulen aus der DDR-Geschichte insgesamt, aber auch speziell aus dieser Geschichte viel gelernt haben. Es ist falsch, auf jeden Vorgang mit einer Richtlinie zu reagieren. Die Schulleitungen können mit diesem Thema angemessen umgehen.

ZEIT: Studien zufolge haben Thüringens Schüler ein zu positives DDR-Bild. Woran liegt das?

Matschie: Zum einen haben inzwischen nicht wenige Erwachsene ein unrealistisch positives, durch 25 Jahre Abstand verklärtes DDR-Bild. Das wirkt sich auf ihre Kinder aus. Zweitens: Sicher gibt es Lehrer, denen es immer noch schwerfällt, mit dem Thema gut umzugehen, weil sie ihre eigene Vergangenheit damit zu stark problematisiert und hinterfragt sehen.

ZEIT: Muss man das hinnehmen?

Matschie: Nein, das akzeptiere ich nicht. Wir halten hier dagegen, etwa mit Weiterbildungen und Gedenkstätten-Arbeit, die wir massiv unterstützt haben in den letzten Jahren. Mein Ziel ist, dass Kinder und Jugendliche erfahren, wie die Herrschaftsmechanismen der DDR funktioniert haben. Es ist wichtig, all das zu wissen, um Freiheit und Demokratie wirklich schätzen zu können.