Zona-Tortona ... Zona ... Tor-to-na? Der Trambahnschaffner fragt einen Passanten, noch einen, dann ziehen die Herren eine Dame zu Rate, und zu viert beschließen sie: Hier, vom Bahnhof Porta Genova links über die Brücke, da müsste es sein. Die Brücke ist aus grün gestrichenem Eisen, mit Tausenden Tags, Comments und Comics besprüht, mit Plakaten beklebt, bunt und wild. Am anderen Ende ist es verstörend still. Kein Trambahnsurren, kein Autohupen, kein Vespa-Knattern mehr. An einer Hauswand sticht ein Hinweisschildchen ins Auge: "Area Videosorvegliata". Videoüberwachung? Hier?

Aus einer Motorradwerkstatt kriechen die Aromen von Öl und Schmiere, zwei alte Damen gehen, Einkaufstüten tragend, nebeneinanderher, gemächlich und schweigend. Plötzlich stapft storchenbeinig eine sehr junge, sehr dünne Frau mit Sonnenbrille, blondem Langhaar und einer Mappe unterm Arm die Brückentreppe hinab und hat danach erhebliche Schwierigkeiten, mit ihren High Heels die mit großen Steinplatten gepflasterte Via Tortona zu bewältigen.

Seit Jahren genießt die Zona Tortona den Ruf, der Kreativ-Reaktor Mailands zu sein. Auf dem halben Quadratkilometer zwischen Via Tortona und Via Solari soll Mailand zu dem geworden sein, was es heute ist: einer Stadt, die wie höchstens noch Paris für den Export von Schönheit steht. Alle paar Monate pilgern Fashion und Design hierher, um die neuesten Trends zu erspüren. Doch der Ort, wo das alles entsteht, wirkt auf den ersten Metern alles andere als hip oder hot. Links ein Restaurant aus recht alten Zeiten, rechts eine geschlossene Taschenboutique. Es folgen Cafés, Osterien, Mietskasernen, Fabrikfronten und verfallene Stadtvillen. Dazwischen eine sehr schicke Sushi-Bar, ein Schild, das den Showroom von Pierre Bonnet ankündigt. Ist das alles?

Nach zehn Gehminuten dann erhebt sich linker Hand ein Kubus mit verdunkelter Glasfensterfront, Via Tortona 27. Das Superstudiopiú. Im zweiten Stock sitzt die Frau, die die Zona besser kennt als jeder andere. Der Pförtner bittet hinauf, im offenen Raum bearbeiten drei Mitarbeiterinnen ihre Tastaturen, und Gisella Borioli kommt in einem schlichten dunkelblauen Kleid, auf die Minute pünktlich, fester Händedruck, kein Tamtam. Signora setzt sich, und zack! geht es los. Die Geschichte einer wundersamen Transformation in Kürze: Vor dreißig Jahren produzierte jenseits der Porta Genova die italienische Schwerindustrie für den Weltmarkt – Stahlwerke, Turbinenwerke, Chemiewerke. Anfang der achtziger Jahre wurde die Produktion ins kostengünstigere Ausland verlagert, die Unternehmen gingen pleite, wurden zerstückelt oder aufgekauft.

Borioli war zu jener Zeit Chefin der italienischen Vogue, und als sie eines Tages ihre in der Nähe wohnende Mutter besuchte, entdeckte sie das Gelände einer ehemaligen Fahrradfabrik. Sie eroberte sich einen Kredit und kaufte die leeren Hallen für umgerechnet 300 Euro pro Quadratmeter. Zusammen mit ihrem Ehemann, dem Künstler Flavio Lucchini, und dem Fotografen Fabrizio Ferri baute sie 18 in Größe und Form variable Studios ein, gab dem Ganzen den Namen Superstudio 13 und brachte hier Art-Direktoren, Models, Stylisten, Make-up-Leute mit Fotografen wie Helmut Newton, Richard Avedon, Irving Penn und Peter Lindbergh zusammen. Die an einem Ort vereinte Arbeit an der Hochglanzästhetik war revolutionär, und so begannen Mitte der Achtziger die goldenen Jahre Mailands als "city of fashion".

Der junge Armani war einer der ersten Designer, die dem Sog des Superstudio folgten, bald kamen auch die anderen großen Namen: Ermenegildo Zegna, Allegri, Tod’s, Fay, Moncler, Stone Island und die Gucci-Group. Als Ende der 1990er das amerikanische Unternehmen General Electric seine Segel in der Zona strich, wurden an der Via Tortona weitere 20 000 Quadratmeter Fläche frei, und zum Superstudio 13 dazu kam 200 Meter entfernt das Superstudiopiù, wo an diesem Tag die Begegnung stattfindet. Die Models der ersten Show von Vivienne Westwood liefen noch um die Maschinen zur Kühlschrankproduktion herum. "Wir hatten nie viel Geld", sagt Borioli, "aber immer viele Ideen."

Understatement scheint ein ehernes Prinzip in der Zona zu sein. Souverän verzichten die großen Modeunternehmen auf Pomp, Pracht und Eitelkeit. Der Passant will erst gar nicht glauben, dass hinter der Halle des ehemaligen Stahlwerks Riva Calzoni der Kosmos von Diesel liegen soll. Er passiert einen Backsteinkubus und staunt, wenn er erfährt, dass hier Fendi sitzt. Es dauert eine Zeit, bis man die versteckten Hinweise zu lesen weiß, bis man begreift, dass Mode und Design hier harte Arbeit sind, die ihren Glamour anderswo entfaltet. Hier, wo einst Tausende Arbeiter in Fabriken schufteten, wird weltweites Trendsetting so nüchtern betrieben wie einst die Schreibmaschinen- und Autoproduktion. Hier gehen Theorie und Praxis, Kreativität und Geschäftssinn ganz dezent Hand in Hand.