Am Donnerstagmorgen vergangener Woche, als der Fall Gurlitt in die entscheidende Phase geht, setzt sich Stephan Holzinger im oberbayerischen Städtchen Lenggries auf seinen schwarzen Honda-Chopper und donnert in den heraufziehenden Frühling. Der Himmel über Bayern ist blau, sogar das Wetter scheint mit einem Mal auf Holzingers Seite zu sein.

Stephan Holzinger, ein schwerer Mann von 46 Jahren, hat seine Harley-Davidson-Lederjacke angezogen. Er liebt Motorräder, wegen ihrer Kraft. Er besitzt auch einen der besten Zuchtstiere Bayerns, das Tier heißt Hannibal. Und er genießt das Gefühl zu gewinnen. Den Staatsanwälten in Augsburg, die seit mehr als zwei Jahren gegen seinen Klienten Cornelius Gurlitt ermitteln, hat Holzinger gesagt: "Ihr habt verloren." Er ist am Tag zuvor eigens nach Augsburg gefahren, um in der Anklagebehörde diesen vernichtenden Satz zu deponieren. Dass es bald eine Vereinbarung geben wird, die Gurlitt noch einmal zurück in die Schlagzeilen holt, weiß er da schon.

Sieg oder Niederlage, das sind die Kategorien in Holzingers Leben. Weil der 81 Jahre alte Cornelius Gurlitt inzwischen ein schwer kranker Mann ist, der nur noch mit seinen engsten Beratern spricht, dazu aber nicht mehr jeden Tag die Kraft aufbringt, hat Holzinger das Reden für ihn übernommen. Er hat sich zur Stimme eines Unhörbaren gemacht.

Holzinger bezeichnet sich als Fachmann für Reputationsmanagement. Er ist ein Profi der Krisenkommunikation, einer dieser Leute, die zur Stelle sind, wenn sich über einem reichen Menschen ein Unheil zusammenbraut. Holzinger kann dann viel Geld verdienen.

Geschasste Landesbankvorstände hat er vertreten, dubiose Manager, gestürzte Parvenus der deutschen Wirtschaftsrepublik. Aber das hier ist sein aufregendster Fall: Cornelius Gurlitt, ein zerbrechliches Männlein, das jahrzehntelang in Wohnungen in München und Salzburg mehr als 1500 Kunstwerke versteckte, von denen einige – noch ist unklar, wie viele – während der NS-Zeit jüdischen Eigentümern geraubt worden waren. Munch, Matisse, Picasso, Chagall, Liebermann, Dürer, Kirchner, Nolde, Kokoschka, Renoir.

In der Biografie eines verhuschten Mannes, dessen Namen kaum jemand kannte, spiegeln sich plötzlich Verbrechen der Menschheitsgeschichte: der Kunstraub der Nazis, die kulturelle Verwüstung Europas, die schamlosen Plünderungen jüdischer Sammlungen in Deutschland und in ausländischen Museen. Mit Gurlitt ist all das wieder präsent.

Die Jewish Claims Conference hat sich eingeschaltet. Die Erben früherer Eigentümer einzelner Bilder kontaktieren deutsche Anwälte, verlangen die Rückgabe oder einen Anteil am Verkaufserlös. Aus Russland, der Ukraine und Polen melden sich Menschen, die ebenfalls Gurlitt heißen und hoffen, etwas vom Schatz abzubekommen. Ein altersschwacher Mann mit einem Herzleiden ist zu einem globalen Ereignis geworden.

Ist Cornelius Gurlitt eine tragische Figur der Geschichte, ein Ahnungsloser, der aus Versehen in ein verworrenes Drama getappt ist? So sieht man ihn bislang. Oder hat er sich die Hände schmutzig gemacht?

Die Kunstwerke stammen aus dem Besitz seines Vaters, des 1956 verstorbenen Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt. Der Sohn hat sich über Jahrzehnte an das Erbe geklammert, es beschützt und bewahrt. Oder war es anders? War der Sohn mehr als nur der Wächter? Dafür spricht einiges. Hat Cornelius Gurlitt mit den Kunstwerken geschäftsmäßig gehandelt – ahnend oder sogar wissend, woher einige der Bilder stammten?

Mit jedem nachweisbaren Fall würde das moralische Unrecht, das ihn überschattet, größer.

Gegen Gurlitt ermittelt die Staatsanwaltschaft in Augsburg, die ihn der Steuerhinterziehung und anderer Delikte wie Geldwäsche und Unterschlagung verdächtigt. Die Staatsanwälte haben die 1280 Werke, die in Gurlitts Münchner Wohnung standen, beschlagnahmt. Der Staat hat ihn von seinen Bildern getrennt, dem Sinn seines Lebens. Nichts hat ihm mehr bedeutet als die Bilder, kein Verlust konnte ihn schwerer treffen.

Stephan Holzinger sammelt keine Kunstwerke, sondern teure Motorräder. Er reinigt sie sorgfältig und bedeckt sie anschließend mit weichen Tüchern. Er ist ein Experte bei der Beseitigung von Schmutz, und an diesem Donnerstagmorgen glaubt er, einen Weg gefunden zu haben, die Sache mit Gurlitt dezent zu Ende zu bringen. Danach kann er seinem Auftraggeber eine Rechnung schreiben.

Die beschlagnahmten Kunstwerke müssen freigegeben werden, die bohrenden Fragen müssen aufhören, der Ruf des ehemals unbescholtenen Bürgers Cornelius Gurlitt muss wiederhergestellt werden, das ist Holzingers Ziel. Eine versöhnlich klingende Pressemitteilung der Bundesregierung, ein letzter öffentlicher Akt, dann endlich Ruhe, so hat es sich Gurlitts Sprecher gedacht, und so wird es bald kommen.