Jetzt legen diese verdammten Kojoten wieder los, und an Schlaf ist endgültig nicht mehr zu denken. Kojoten sind neugierige Tiere, wahrscheinlich wollen sie wissen, was da für ein Ding in ihrem Revier steht, und sind deshalb nähergekommen. Mein Zelt ist grün wie das Gras um es herum, im hellen Mondlicht aber nicht zu verfehlen. Vor allem weil es hier keine anderen Zelte gibt. Und ich, soweit ich das beurteilen kann, der einzige Mensch weit und breit bin.  

Da liege ich also, mitten in einer menschenleeren Prärie, bestimmt hundert Kilometer entfernt vom nächsten Ort – und es ist so laut, dass ich nicht schlafen kann. Irgendein verwirrter Falter flattert außen an der Zeltwand entlang. Das Gras auf den Hügeln raunt bei jedem Windzug. Nebenan haben die Grashüpfer einen Hochsprungwettbewerb gestartet. Irgendwo da draußen heulen die Kojoten den Mond an. Und ich liege da und muss grinsen.

Das Ganze ist nämlich gerade reichlich paradox: Ich bin in die Prärie gegangen, weil ich die Stille erleben wollte. Zu Hause hat bei mir gegenüber eine Szenekneipe eröffnet, seitdem sind meine Nächte erfüllt von den Geräuschen zuschlagender Autotüren, überdrehtem Teenager-Gegiggel und Handys, die "Mudda, gehma ran!" plärren. Auch tagsüber ist es in einer deutschen Stadt ja nicht unbedingt leise.  

Ich hatte also ein Bedürfnis nach Stille, ein großes; und für einen solchen Wunsch gibt es kaum ein besseres Reiseziel als den Grasslands-Nationalpark: Das 900 Quadratkilometer große, zweigeteilte Schutzgebiet im Süden der kanadischen Provinz Saskatchewan gehört zu den "quietest places on earth".

Gordon Hempton hat das herausgefunden. Der ist Soundforscher, ein akustischer Ökologe. Die entlegensten Winkel untersucht er mit hochempfindlichen Mikrofonen auf ihre Geräusche. Nun könnte man natürlich denken, das mit der Stille sei ziemlich einfach: Still ist es dann, wenn man nichts hört. Hempton aber hat seine eigene Definition: Wirkliche Stille könne man sehr wohl hören, sagt er. Und zwar wenn all die anderen Geräusche fehlen, die sonst immer da sind: die der Autos, der Flugzeuge, der Maschinen, jenes Rauschen, das sich aus all den Tönen zusammensetzt, die eine vom Menschen bewohnte Welt produziert. 

Hier, in der Prärie an der Grenze zum US-Bundesstaat Montana, hat er mit seinen Mikrofonen lange Phasen aufgenommen, in denen kein einziges Zivilisationsgeräusch die Stille stört, kein Autorauschen in der Ferne, kein Sirren in Stromleitungen, kein Jetbrummen hoch am Himmel, überhaupt nichts. Solche Orte sind selten geworden; selbst über dem Amazonas und der Gobi dröhnen Flugzeuge. Lediglich in der Antarktis ist es stiller als in den Grasslands von Saskatchewan. Es ist so still hier, dass man das Gras wachsen hören kann. Und die Grashüpfer springen.

Der Rucksack wie ein Nilpferdjunges

Am ersten Morgen im Park stehe ich auf einer Anhöhe und schaue hinaus in eine Welt, die nur aus Gras zu bestehen scheint. Das Land stiehlt sich in alle Himmelrichtungen davon, in sanften Schwüngen, in flachen Wellen, als hätte ein Ozean sich in Billionen grüner Halme verwandelt. Hier und da sind die Wellen höher und zu Hügeln geworden – ansonsten aber liegt das Land ausgebreitet bis zum Horizont.

Ich schaue mir das eine Weile an und hole anschließend meine Ausrüstung aus dem Kofferraum. Ich habe ein Zelt dabei, Schlafsack und Isomatte, eine Regenjacke, einen Kocher, Fertigmahlzeiten und zwölf Liter Wasser. Der Rucksack wiegt ungefähr so viel wie ein Nilpferdjunges. Dabei ist noch nicht einmal alles drin: Das GPS-Gerät nämlich habe ich dummerweise vergessen. Ein Smartphone kann so etwas natürlich auch, eigentlich. Meines zeigt einen blinkenden blauen Punkt mitten in einer leeren hellgrauen Fläche. Macht ja nix! In einer Gegend, in der man endlos weit sehen kann, verläuft man sich nicht. Denke ich. Glaube ich. Hoffe ich.

Bis ich mich nach zehn Minuten zum ersten Mal umdrehe und schon nicht mehr wirklich sicher bin, hinter welchem Hügel mein Mietwagen steht. Also gehe ich zurück, finde das Auto, marschiere wieder los. An jedem halbwegs markanten Punkt drehe ich mich um, hole das Handy aus der Tasche und mache Fotos. In die tippe ich dann Hinweise: "Hier immer geradeaus!", "An diesem Hügel links", "Rechts durch die Senke!". Schon nach ein paar Minuten sieht hier jeder Hügel und jedes Stück Ebene zum Verwechseln ähnlich aus, und ich ahne, wie das in drei Tagen sein wird. Ich möchte mich zwar verlieren in der Weite – verloren gehen will ich nicht.

Um mich herum ist nichts anderes als Gras

Es gibt keinen Wanderweg in den Grasslands, keinen Pfad, keine Markierungen: Man kann einfach loslaufen. Das hat Cheyenne gesagt, die eine Lakota ist – und Rangerin im Infozentrum des Parks, wo ich mich für meine dreitägige Expedition abgemeldet habe. Cheyenne ist diejenige, die mich suchen wird, falls ich abhandenkommen sollte. Was natürlich nicht passieren wird, schließlich mache ich ja jetzt Fotos. Alle vier, fünf Minuten eins.

Außerdem habe ich mir vorgenommen, einfach immer geradeaus zu wandern, sozusagen mitten hinein in die Stille. Leider funktioniert das schon bald nicht mehr, weil geradeaus tiefe Matschzonen lauern oder Hügel im Weg sind, um die man besser herumwandert als auf der einen Seite hoch und auf der anderen wieder hinunter. Also weiche ich mal nach links aus, schlage dann einen Bogen nach rechts und muss anschließend wegen einer morastigen Stelle noch einmal hundert Meter nach links. "Immer geradeaus" sieht anders aus.

Fürs optische Erlebnis macht mein Zickzackkurs keinen Unterschied. Um mich herum ist eh nichts anderes als: Gras. Angeblich wachsen 64 Gräserarten im Nationalpark (und angeblich ist das eine ungewöhnliche Vielfalt), für mich aber sieht die eine Sorte wie die andere aus. Rechts ist Gras, links ist Gras, vorne auch, hinten ebenfalls, Welle an Welle, unterbrochen von kleinen Knubbelbergen, überall Gras, bis zum Horizont ganz weit hinten. Sonst ist da nichts, nichts außer Weite und Leere. 

Winziger Punkt auf riesiger Fläche

Mir macht das ein bisschen Angst. Das Gefühl ist nicht konkret, eher unbewusst und vage, als ob es all die Zeit irgendwo tief drinnen auf seinen Moment gewartet hätte und sich nun überlegte, ob es mal vorbeischauen soll. Es ist, als würden die Endlosigkeit und der weite Himmel auf mir lasten, obwohl doch überall Platz ist. Vielleicht hat das damit zu tun, dass die Distanzen verschwimmen. Dass ich das Gefühl habe, nicht wirklich voranzukommen. Ich stelle mir vor, wie ich jetzt wohl von oben betrachtet aussehe, ein winziger Punkt, der sich langsam auf einer riesigen grünen Fläche bewegt. Dann laufe ich weiter.

Irgendwann passiert etwas Merkwürdiges: Das bedrückende Gefühl verschwindet. Einfach so, wie Kopfschmerzen nach einer Aspirin. Es verschwindet, und stattdessen ist da plötzlich eine Leichtigkeit, die allmählich stärker wird. Je länger ich über diese Ebenen unter dem blau geschrubbten Himmel marschiere, desto besser fühle ich mich. Ich knipse auch nicht mehr permanent neue Orientierungsfotos. Ich gehe einfach, beschwingt und locker und hoffentlich einigermaßen geradeaus. Und ich beginne die Stille zu hören.

Den Wind zum Beispiel. Er kommt von links über die Hügel, in sanften Schüben und begleitet von den Wolken, deren Schatten mit ihm über das Land ziehen. Man kann sehen, wie er das Gras bewegt. Vor allem aber kann man ihn hören. Ein Zischeln, ein Flüstern, ganz sanft, ganz leise. Ich bleibe stehen und höre ihm zu, dem Wind. Und höre plötzlich viel mehr: das Summen eines Käfers, ein Rascheln im Gras rechts von mir. Das dumpfe Plocken, das die Hufe der Rehe erzeugen, die über die Flanke eines Hügels springen. Die Bienen. Die Vögel. Mein Herz, wie es gleichmäßig pocht.

Ich gehe ein paar Schritte weiter und höre meinen Schritten zu und wie das Gras dabei knirscht. Dann bleibe ich stehen und lausche. Stille, denke ich, ist tatsächlich nicht still – sie lenkt unsere Aufmerksamkeit bloß auf all das, was unsere Ohren normalerweise nicht wahrnehmen. Es ist ein bisschen so, als würde ich eine neue Welt entdecken.

Radau der Klapperschlangen

Mit der Stille im Park haben offenbar viele Besucher Probleme. Die meisten, hat die Rangerin Cheyenne erzählt, kehrten nach ein paar Stunden aus den Grasslands zurück, weil sie es nicht länger aushielten. Das ist die andere Seite der Stille: Wenn die Geräusche der Welt abgestellt werden, hören wir den Lärm in unseren Köpfen umso lauter. Das mag stimmen, aber, ehrlich gesagt: Für so etwas habe ich gerade kein Ohr. Rechts von mir rasselt es nämlich. Das Geräusch ist weit weg, es kommt auch nicht näher, es stoppt, es rasselt weiter.

Klapperschlangen veranstalten einen ziemlichen Radau, wenn man ihnen zu nahe kommt – deswegen kann man sie ganz gut umgehen. Aber ist das jetzt eine? Eine ganz kleine? Oder ist das auch für eine ganz kleine zu leise? Immer einen großen Bogen schlagen, hat Cheyenne geraten. Auch um Präriehunde, die einander mit schrillen Pfiffen warnen, wenn sie einen Wanderer hören. Präriehunde selbst sind natürlich völlig ungefährlich, in ihrer Nähe wimmelt es aber von Zecken, und in ihren alten Baulöchern sitzen Taranteln.

Anders gesagt: Auch eine Präriehund-Kolonie ist nicht gut für meinen Plan, immer geradeaus zu laufen. Für heute ist es jetzt sowieso genug. Ich baue mein Zelt auf. Oben auf einem Hügel, wo es keine Präriehunde gibt. Und hoffentlich auch keine Klapperschlangen.

Am nächsten Morgen: Tagesausflug. Ohne Zelt, ohne Schlafsack, mit einem Rucksack, der sich plötzlich federleicht anfühlt. In einem großen Bogen laufe ich um mein Zelt herum, 20, 25 Kilometer sind das bestimmt. Vor mir hüpfen Grashüpfer knacksend in die Luft, über mir fliegen Schwalben zackige Achterbahnmuster und machen Geräusche wie Messer, die geschliffen werden. Ich sehe einen Bison und beobachte ihn, wie er mit großen, traurigen Augen in die Prärie schaut, als ob er sich an die Zeit erinnerte, als noch Hunderttausende seiner Art durch die Grasslands zogen.

Es ist still, und ich bin still. Den ganzen Tag über sage ich kein Wort. Allerdings bemerke ich irgendwann, wie ich leise vor mich hinsumme, The Sound of Silence und so was. Natürlich hat das mit meiner guten Laune zu tun. Vielleicht ja aber auch damit, dass der Mensch eine alles umfassende Stille ungewöhnlich findet – und sie gerne ausfüllen möchte. Ich summe jedenfalls immer noch, als ich nach dem Abendessen in den Schlafsack krieche. Als ich aufhöre, übernehmen die Kojoten.

Mithilfe der beschrifteten Fotos ist der Weg zurück zum Auto am nächsten Tag kein Problem. Offenbar verläuft die Route aber doch anders als auf dem Hinweg, jedenfalls sind oben auf den Hügeln jetzt überall Spuren anderer Menschen erkennbar: Tipi-Ringe, also Kreise aus Steinen, mit denen einst die Lakota die Zeltplanen am Boden fixierten. Früher konnten sie von diesen Punkten aus sehen, wer am nächsten Tag zu Besuch kommen würde. Heute ist da nur ein winziger blitzender Punkt am Horizont. Weit weg noch, aber unverkennbar mein Mietwagen.

Das Geräusch des anspringenden Motors ist so laut, dass ich erschrocken zusammenzucke.

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