Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © C. Bertelsmann

Mein Wort des Jahres heißt "faschistisch", ersatzweise "faschistoid". In den siebziger Jahren war das Wort schon einmal modern, alle außer einem selbst waren irgendwie Faschisten. Seit Putin sagt, dass in der Ukraine der Faschismus regiert, ist das Wort wieder allgegenwärtig. Ich bin den Flur entlanggelaufen, Richtung Büro, ein Mensch kam mir entgegen. Der Mensch sagte: "In der ZEIT steht, dass du Faschist bist."

Ich sagte, das ist sicher nicht die ZEIT gewesen. Die Redakteure, nun, es sind junge Leute. Aber das würden sie nicht tun. Sie würden zumindest vorher anrufen und fragen, ob ich es okay finde, wenn sie mich einen Faschisten nennen. Vielleicht würde ich dann sogar sagen, na ja, meinetwegen, okay, wenn es euch Spaß macht. Was sich liebt, das neckt sich. Ich bin ein nachgiebiger Faschist.

Der andere Mensch sagte, doch, in einem Text von der Schriftstellerin Eva Menasse steht, du bist Faschist. Ich sagte, das würde sie niemals tun. Sie ist Österreicherin. Vielleicht hat sie geschrieben: "Martenstein isst Faschiertes." Das könnte sein. Es stimmt auch. Obwohl ich in ihrer Gegenwart nie Faschiertes gegessen habe. Der andere Mensch sagte, doch, wegen dieser Rede. Was für eine Rede? Wann habe ich eine Rede gehalten?

Ich bin in das Büro gelaufen und habe die ZEIT aufgeschlagen. Es war ein langer Artikel, ich habe gar nicht genau lesen können, weil ich nur fieberhaft nach meinem Namen gesucht habe. Fritz Raddatz liest auch auf diese Weise. Da stand: "Wenn einer, lieber Harald Martenstein, anfängt und ›abartig‹ sagt, dann kann es schon mal passieren, dass ein anderer ›faschistoid‹ antwortet."

Ich habe überlegt, ob ich mal "abartig" gesagt habe. Heute ist es abartig kalt – ja, so ein Satz könnte von mir stammen. Aber bestimmt habe ich es nicht böse gemeint. Faschistoid ist das doch auf gar keinen Fall, faschistoid wäre es, wenn ich die Schuld an der Kälte einer Minderheit zuschiebe, den Inuit vielleicht.

Dann habe ich den Text noch mal langsam gelesen. Es ging um die Skandalrede von Sibylle Lewitscharoff. Der Satz von Eva Menasse bezog sich darauf, dass ich geschrieben hatte, man solle Leute nicht leichtfertig "faschistoid" nennen. Wenn ich jemanden öffentlich "Arschloch" nenne, würde jeder sagen, das ist unter der Gürtellinie. Aber Arschlöcher, ich kenne etliche, sind meiner Ansicht nach harmloser als Faschisten. Menasse dagegen meint, wenn jemand andere "abartig" nennt, wie Lewitscharoff es gemacht hat, darf man im Eifer des Gefechts ruhig mit dem Wort "faschistoid" zurückballern. Da könnte sie eventuell recht haben. Obwohl dann derjenige, der "faschistoid" genannt wird, seinerseits mit einem noch viel schlimmeren Wort kontern dürfte, und der Streit hört nie auf. Ich gehöre bei den Faschisten zum pazifistischen Flügel.

Wenn man die Zusammenhänge nicht kennt, war der Satz allerdings tatsächlich missverständlich. In der Zwischenzeit war auch eine Mail gekommen. Ein Bekannter fragte, sehr freundlich, in welchem Zusammenhang ich Menschen als "abartig" bezeichnet hätte, welche Leute das seien und ob ich immer noch dazu stehe. Eine Freundin rief an und sagte, wegen des Skandals, nur dass du es weißt, ich halte dich nicht für faschistoid. Ich dachte, jetzt geht es mir womöglich wie meinem Kolumnistenkollegen Axel Hacke. Der hat mal in seinem Buch Der weiße Neger Wumbaba das Wort "Neger" verwendet, und dann wurde vor seinen Lesungen demonstriert, weil er angeblich ein Rassist ist. Dabei ist er gar keiner. Dies geht aus dem Buch klar hervor.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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