Mareile Kirsch sitzt hoch oben über der Politik und kramt in ihrer Handtasche nach einem Kaugummi. Unten spricht ein Abgeordneter von Kompromissen, von Konsens, von Schulfrieden. Kirsch schüttelt den Kopf. "Die haben’s echt immer noch nicht kapiert", sagt sie und lehnt sich auf der Besuchertribüne mit verschränkten Armen zurück. "Hier entscheiden nicht mehr die Politiker, hier entscheiden die Eltern. So ist das jetzt."

So ist das jetzt: Mareile Kirsch, Hausfrau und Mutter, diktiert Hamburgs Politikern derzeit die Tagesordnung. Kirsch ist Gründerin und Kopf der Initiative G 9 – Jetzt. Sie fordert eine Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium – sofort, für Eltern, die das wollen.

Es ist ein Mittwoch Ende März. CDU und Grüne haben das Thema Abitur auf die Themenliste der Bürgerschaft gesetzt. Noch im Februar waren alle Parteien gegen Kirsch. Gegen G 9. Inzwischen aber sind CDU und Grüne bereit, ihr entgegenzukommen. Und selbst die SPD ist nicht sicher, wie es weitergehen soll.

Dabei müssten die Politiker Kirsch und ihren Mitstreitern eigentlich nur entgegenhalten: Was wollt ihr eigentlich? Ihr könnt in Hamburg doch längst zwischen G 8 und G 9 wählen. Das Erstaunliche ist, dass diese Argumente bei ihr nicht verfangen. Dass diese Frau, ohne Amt und Mandat, es trotzdem schafft, die Parteien vor sich herzuscheuchen. Wie ihr das gelingt? Was sie antreibt? Begegnungen mit einer Frau, die die Ängste der Hamburger Politiker versteht. Und die sie auszunutzen weiß.

Mareile Kirsch wartet in ihrem Lieblingscafé Tide in Ottensen, kritzelt wild in ein Notizbuch, unter dem Tisch liegt der ausgekippte Inhalt ihrer Tasche. Zehn Minuten braucht sie mit dem Auto von der Elbchaussee hierher. Eigentlich sei sie ja Journalistin, sagt sie zur Begrüßung, bis vor Kurzem habe sie ein Bildungspolitik-Blog geschrieben. Nun fehle die Zeit. "Schulpolitik hier ist eine Katastrophe. Damit sind wir schon bei der interessanten Frage: Sind Sie für G 8 oder für G 9?"

Dafür oder dagegen? Freund oder Feind? Das ist die wichtigste Frage für Mareile Kirsch.

Sie war von Anfang an dagegen, als die CDU, ausgerechnet ihre CDU, 2002 das Abitur nach zwölf Jahren einführte, um Hamburgs Schüler wettbewerbsfähiger zu machen. Ihre Tochter Liselotte gehörte zum ersten G-8-Jahrgang am Christianeum. Mehrmals die Woche ging Liselotte nun nachmittags zur Schule, jede Woche habe sie zwei Klassenarbeiten geschrieben, Hockey und Theater aufgeben müssen. "Sie hatte richtig Angst vor der Schule", sagt Kirsch.

Mit G 8, so sieht sie das, hat der Staat ihr ihre Kinder genommen. Und das tat denen nicht gut. "Ich wollte für meine Kinder da sein, deswegen habe ich aufgehört zu arbeiten." Ihre eigene Mutter habe sich damals scheiden lassen, sie sei bei ihrem Vater aufgewachsen, viel allein gewesen. "Mir fehlte Geborgenheit, die wollte ich meinen Kindern geben. Und ich wollte auf keinen Fall, dass sie den ganzen Tag in die Schule müssen." Das Rechtsanwaltsgehalt ihres Mannes reichte für den Familienalltag.