Michael Lewis kann mitreißend schreiben. Seine Bücher aus der Welt der Hochfinanz stürmen regelmäßig die Bestsellerlisten, andere Werke sind mit Stars wie Brad Pitt oder Sandra Bullock verfilmt worden. Doch als Lewis vergangene Woche sein neuestes Buch Flash Boys vorstellte, erzeugte er an der Wall Street einen Wirbel, der ihn selbst überraschte. In Flash Boys schildert Lewis die Machenschaften von Hochfrequenzhändlern: Händlern, die über enorme Rechnerkapazitäten und clevere Softwareformeln – Algorithmen* – verfügen, damit fast in Lichtgeschwindigkeit durch die Finanzmärkte surfen und hohe Gewinne einsacken. Zulasten klassischer Anleger, wie Lewis glaubt. "Der Aktienmarkt ist manipuliert", mit diesem harten Verdikt zog er durch einige der populärsten Fernsehsendungen Amerikas.

Seither ist die Finanzwelt in Aufruhr. Kritiker und Befürworter beharkten sich auf Twitter, in Blogs, im Wall Street Journal oder auch in der populären Zeitung USA Today. Branchenverbände versicherten der Öffentlichkeit, die Märkte seien keineswegs manipuliert. Eine derartige Auseinandersetzung mit ethischen Fragen gab es an der Wall Street nicht einmal nach der Finanzkrise 2008. Vorläufiger medialer Höhepunkt war ein Schlagabtausch, den sich der Betreiber einer elektronischen Börse und ein Kritiker der Schnellhändler im Fernsehen lieferten. Schmähungen flogen hin und her, Händler auf dem Parkett der New Yorker Börse verfolgten den Disput anstelle der Aktienkurse, der Sender CNBC sprach vom "Streit, der die Finanzmärkte stoppte". Eine Blitzhändlerfirma, die an die Börse wollte, vertagte ihr Debüt.

Mit Flash Boys, das am Donnerstag dieser Woche auch auf Deutsch erscheint, hat Michael Lewis voll ins Schwarze getroffen. Zwar half ihm die Tatsache, dass sich parallel das US-Justizministerium sowie das FBI einschalteten und erklärten, dass sie prüfen, ob die übermenschliche Geschwindigkeit der Hochfrequenzhändler den Tatbestand unzulässigen Insidertradings erfüllten. Vor allem aber kommt der Frontalangriff von Lewis zu einer Zeit, in der die Wall Street höchst verunsichert ist. Kaum eine Branche wird derzeit so fundamental von der Informationstechnologie verändert wie die Finanzwelt. Beim Streit geht es denn auch weniger um benachteiligte Kleinanleger, sondern um die Angst der etablierten Akteure, ihren Einfluss, ihre Jobs und ihre Pfründen zu verlieren.

Der Streit um den Hochgeschwindigkeitshandel, die Macht der Computer und ihre clevere Software geht schon einige Jahre. Der Hauptvorwurf: Die Schnellhändler – meist kleine, selbst an der Wall Street kaum bekannte Firmen, die mit eigenem Geld spekulieren – nutzten ihre technologische Überlegenheit, um herkömmliche Investoren zu überholen. Sie sendeten Gebote aus, um deren Interesse auszuloten, nur um die Order gleich wieder zu stornieren. Dies erlaube ihnen, den Preis hochzutreiben, noch während eine Transaktion laufe – ganz wie Schwarzmarkthändler, die sich dank guter Verbindungen die guten Eintrittskarten vorab sichern und dann mit Aufschlag an die Fans weiterverkaufen.

Die Verteidiger kontern mit wissenschaftlichen Studien, die wiederholt zu dem Ergebnis kamen, dass die Zocker den Markt geschmeidiger, billiger und flexibler machen. Mit ihren Abermillionen-Orders, die in Milli- oder gar Mikrosekunden ergehen, hätten sie dafür gesorgt, dass die Risikoaufschläge gesunken und Aktien für Anleger billiger geworden seien.

Brisant ist der Streit, weil die ultraschnellen Händler längst keine Randerscheinung mehr sind. Heute machen sie auf dem amerikanischen Aktienmarkt mehr als die Hälfte des täglichen Handelsvolumens aus, nach manchen Schätzungen sind es sogar 70 Prozent. Im Devisenhandel gehen ebenfalls bereits 50 Prozent auf ihr Konto. An der Deutschen Börse ist der Hochfrequenzhandel für rund 40 Prozent des Aktienhandels verantwortlich.

Solche Erfolge bedrohen die klassischen Akteure. Weil Menschen mit den Computern und Programmen der Hochfrequenzhändler nicht mithalten können, haben die großen Banken elektronisch aufgerüstet. "Klassische Trading-Floors, jene Turnhallen voller Händler mit ihren Vorstadtvillen und BMW – das ist bald Vergangenheit", ätzt ein langjähriger Kenner der Wall Street, der anonym bleiben will. Computer verlangten keine Boni, fügt er hinzu. Hochfrequenzhandel, das sei schlicht Stand der Technik, sagt der IT-Chef einer internationalen Großbank, der ungenannt bleiben will.