DIE ZEIT: Können Sie mir vom großen Auftritt Ihres ehemaligen Kollegen aus Ost-Berlin erzählen, von Martin Flörchinger?

Armin Mueller-Stahl: Ja. Wir hatten beide den Nationalpreis der DDR bekommen, zweiter Klasse. Nach der Verleihung lud Erich Honecker zum Empfang. Da wurde Aal serviert, den es normalerweise in der DDR nicht gab. Und die Wissenschaftler fielen vor dem Staatsratsvorsitzenden auf die Knie. Martin und ich fanden es scheußlich. Und der Staatsratsvorsitzende schaute zu den Gauklern: Der wollte zu uns.

ZEIT: Die Schauspieler waren spannender für Honecker als die buckelnden Wissenschaftler.

Mueller-Stahl: Er kannte uns aus Filmen. In dem Moment, wo er sich zu uns aufmachte, fing Martin aber an, mir eine Geschichte zu erzählen. Die hatte weder eine Pointe, noch war sie wichtig. Er erzählte sie mir nur, um Honecker zu beweisen, dass wir vor ihm nicht buckeln wollten. Er stoppte den Honecker und sagte: "Eine Sekunde, ich bin gleich fertig." Honecker stand also neben uns und wartete. Bis Martin sagte: "So, jetzt sind Sie dran."

ZEIT: Und was tat Honecker?

Mueller-Stahl: Er hat das geschluckt. Er fragte: "Soll ich euch Aal holen?" Und dann verschwand er.

ZEIT: In Ihrem Buch schreiben Sie: "Nach meiner Erfahrung in der DDR waren immer die unteren Chargen die gemeinsten."

Mueller-Stahl: Das haben Sie sicherlich auch schon mitbekommen, dass das Machtspiel bei den Unteren immer ausgeprägter ist. Die haben vielleicht selbst Schläge bekommen, und nun fangen sie an zu tyrannisieren. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Heinz Adameck, dem Chef des Fernsehfunks, als der beauftragt wurde, mich niederzumachen. Das war nun kein Kleiner, aber er gab die Watschen weiter, die er von oben bekommen hatte. In einer Weise ...

ZEIT: Er brüllte Sie an?

Mueller-Stahl: Er saß hinter seinem Schreibtisch, ich saß ihm gegenüber, und er brüllte: "ICH habe euch groß gemacht, ICH!" Er fixierte mich wie einen Feind. "Euch mache ich FERTIG!". "Du kriegst bei mir KEINE Rollen mehr!"

ZEIT: Hat Sie sein Geschrei beeindruckt?

Mueller-Stahl: Es hat mich komischerweise überhaupt nicht berührt. Ich guckte seine Koteletten an, die eine war länger als die andere. Sein Gesicht hat mich fasziniert. Nun bin ich Zeichner, also habe ich mich immer für Gesichter interessiert. Aber es ist schon komisch: Ich konzentrierte mich darauf, wie sein Gesicht rot wurde, sich verfärbte, vor Wut alle Farben kriegte.

ZEIT: Hatten Sie in solchen Situationen wirklich nie Angst?

Mueller-Stahl: Null. Es war einfach zu viel.

ZEIT: Die "unteren Chargen", von denen Sie sprechen, haben sich aber nicht alle danebenbenommen. Mir fällt einer ein, der sich Ihnen gegenüber sogar ganz anständig verhalten hat: der Pförtner an der Berliner Volksbühne, wo Sie nach 25 Jahren vom Hof gejagt wurden wie ein Hund.

Mueller-Stahl: Stimmt, das war in den siebziger Jahren, 1975. Er gehörte zu den zwei Menschen im ganzen Ensemble, die mich zum Schluss verabschiedet haben. Jahrzehnte später traf ich ihn übrigens wieder, das ist vielleicht fünf Jahre her. Da fuhr ich mit dem Auto an der Volksbühne vorbei. Ich wollte nur mal gucken, aber dann bin ich reingegangen. Da rief dieser Pförtner plötzlich: "Herr Mueller-Stahl! Autogrammpost!" Er war ganz glücklich, und er brachte mir tatsächlich vier, fünf Briefe, die er aufgehoben hatte. Ist das nicht eine rührende Geschichte?

ZEIT: Allerdings! Ganz anders denken Sie über den Mann, der an der Berliner Volksbühne lange Zeit ein Mythos war.

Mueller-Stahl: Ja, das war der berühmte Regisseur Benno Besson. Viele werden gegenteilige Erfahrungen gemacht haben, nur mir gegenüber hat er sich verhalten, wie man sich wirklich nicht verhält. Der Grund war wohl, dass ich unter den Kollegen der Einzige war – Frauen ausgenommen –, der auch beim Film Erfolg hatte. Und ich konnte mit den Liedern, die ich geschrieben hatte, sogar ins Ausland reisen.

ZEIT: Sie waren ein Privilegierter in seinen Augen?

Mueller-Stahl: Sogar über die Mauer hinweg. Das alles ärgerte ihn maßlos, und er wollte mich demütigen. Aber das ließ ich nicht mit mir machen. In unserem letzten Gespräch habe ich zu ihm gesagt: "Du kannst mich mal am Arsch lecken!" Nun gut, ich kann mich auch besser ausdrücken.