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Ein Flugzeug steht startbereit am Boden, der Pilot gibt den seit Stunden wartenden Passagieren durch, man könne bis auf Weiteres nicht abheben, denn der europäische Luftraum sei "hoffnungslos überfüllt". Unterdessen liest einer der Passagiere in der Zeitung, bis 2030 werde sich in Europa die Zahl der Fluggäste noch verdoppeln: So ist die Lage. Und auf deutschen Autobahnen bildet sich jährlich eine halbe Million Kilometer Stau. Eine Gesellschaft hat sich selbst lahmgelegt. Sie ist darüber müde geworden.

Der Passagier, der am Boden bleibt und davon erzählt, ist Meinhard Miegel, der konservative Vordenker, der seit Jahren als eine Kassandra der Wachstumskritik auftritt und zur Umkehr ruft: einst als politischer Weggefährte des CDU-Politikers Kurt Biedenkopf, dann Buch für Buch und in seinem Denkwerk Zukunft, das den Betrieb mit klugen Zwischenrufen zu stören versucht. Jetzt ist das neueste Buch da, Hybris, das souverän zusammenfügt, was Meinhard Miegel im Laufe der Zeit an modernen Baustellen menschlicher Selbstüberhebung gesichtet hat: Sie sind allesamt dem absurd verplanten Berliner Flughafen mit seinen überforderten Bauherrn ähnlich, lauter moderne Turmbauten zu Babel, und Miegel stellt sie in präzise gearbeiteten Miniaturen dar, bis die Architektur unserer Gesellschaft glasklar zu erkennen ist: eine Konstellation aus Exzessen, die zum Himmel schreit.

Jeder Exzess nimmt im Buch ein kurzes Kapitelchen ein, eine Hybris nach der nächsten wird analytisch abgelichtet: Bauten, Mobilität, Schulen, Arbeit, Technik, Schulden, Sport, Bevölkerung und so fort. In der biblischen Genesis sind es nur ein paar Zeilen, bis Gott dem entgrenzten Turmbau zu Babel ein Ende bereitet, in der modernen Gesellschaft dauert das Projekt der Selbstüberhebung nun ein paar Jahrhunderte der Neuzeit an, und ein Gott, der "Schluss!" rufen könnte, ist abgeschafft.

Die Umkehr müssen Gesellschaften also aus sich selbst heraus hinkriegen, und eine anwachsende Szene aus Wachstumskritikern argumentiert daran herum, während sich die Verbrauchsdaten permanent weiter überbieten. Miegel nun ist in dieser Szenerie gewissermaßen für den bürgerlichen Mainstream zuständig, für die wahrscheinlich bald geschiedenen Leute mit den knapp zwei Autos, dem abzubezahlenden Eigenheim und ihren 1,4 gestressten Kindern auf den G-8-Gymnasien. Und für diejenigen Wohlhabenden, die lieber gleich bindungslos bleiben. Anders als bei den primär ökologisch besorgten Akteuren taucht bei Miegel das Ressourcen-Argument erst ab Seite 165 auf: Ihm geht es um die Zumutung eines sinnentleerten Weiterrennens um jeden Preis. Es geht ihm um das Ganze einer Ordnung, "die systematisch auf Überforderung angelegt ist. Das gilt sowohl für ihre Beanspruchung von Mensch und Erde als auch für die Anforderungen, die Menschen erfüllen müssen, um sich halbwegs in ihr zurechtzufinden."

Linke Kapitalismuskritik ist Miegel zu eng, aber dass es eine alles vernutzende Wirtschaftsform ist, die Menschen zu zwanghaften Konsumenten degradiert, sagt er entschieden. Diese Menschen verspottet er angenehmerweise nicht, er belehrt sie nicht, und er verachtet sie nicht. Miegel ist kein Moralist, das macht ihn so überzeugend. Er sieht die Tragik und belegt sie mit frischen Zahlen von Allensbach: In ihrer erdrückend großen Mehrheit, zu 75 Prozent, wissen die Bürger, dass sie zu viel verbrauchen, sie wollen sich einschränken (72 Prozent), wollen weniger Strom konsumieren (76 Prozent), sparsamer heizen (61 Prozent), regional einkaufen (60 Prozent). Und doch zerstören sie aus Gewohnheit mehr, als sie aufbauen. Der Befund, sagt Miegel, sei für alle lähmend: Die Anstrengung wächst, und doch wird die Kluft zwischen Absicht und Wirklichkeit immer größer.

In dieser Offenheit für Aporien liegt Miegels Stärke. Aber er gibt nur im Vagen an, wie es weitergehen soll; ob er etwa den Abbau von Millionen Arbeitsplätzen für unumgänglich hielte? Die Rationierung von Flugkilometern? Das Sperren der Städte für Autoverkehr? Wo doch längst erkennbar Freiwilligkeit als Motor nicht reicht?

Die Gesellschaft ist gespalten und erfindungsreich im Umbruch begriffen

Man folgt Miegel ja gern, wenn er entwirft, wie eine neue Kunst der Beschränkung, des Maßhaltens nach und nach Raum greifen könnte. Er nennt auch die Stichworte: dass heute eine Kultur des Teilens, des genossenschaftlichen Wirtschaftens, des Umnutzens und klugen Einsparens entsteht. Er sieht, was unbestreitbar der Fall ist: dass die Gesellschaft gespalten ist und erfindungsreich im Umbruch begriffen. Und er fragt weit darüber hinaus, wie eigentlich Menschen fortan damit zurechtkommen sollen, dass sie das Lebenswerk ihrer Eltern und Großeltern wieder abmontieren: all die Leuchtreklamen, die Kanalisierung begradigter Wasserläufe, die Flächenversiegelungen und Verkehrsschneisen? Wie käme eine Gesellschaft, die nichts anderes mehr im Sinne haben würde als "ein gutes irdisches Leben", in der Gegenwart mit dieser Erfahrung von Absurdität zurecht?

Für all dies gibt es keine Montageanleitung und keine Blaupause, weiß Meinhard Miegel – aber warum eigentlich ist der gute Mann so zurückhaltend? Es ließe sich doch längst von den Umbauexperimenten ebenso konkret erzählen, wie er von den Babel-Baustellen spricht. Von den vielen neuartigen Gemeinschaften etwa, die hergebrachte Bindungen durch neue Verbindlichkeit sinnvoll ergänzen oder ersetzen wollen, wie es etwa die Münchner Künstlergemeinschaft Artrefugio tut, aus mehreren Generationen bestehend, die genossenschaftlich in Passivhäusern lebt und arbeitet; oder von einer ganzen Stadt wie Andernach, die beschloss, künftighin essbar zu sein, indem nun im öffentlichen Raum für alle Lebensmittel angebaut werden; oder auch von jenen 1,5 Millionen Privathaushalten, die zu Energieerzeugern geworden sind, ob durch Solaranlagen auf dem Dach oder durch Miteigentümerschaft an Windrädern oder Genossenschaften. Vor ihnen fürchten sich die industriellen Energieriesen, mit gutem Grund.

Blaupausen gibt es nicht, nein, aber von der Finanzwirtschaft über die Fahrradmetropole Kopenhagen bis zu den Kleidertauschbörsen und Umschneidereien experimentiert eine moderne europäische Kultur gerade mit ihren Spielräumen. Die Gesellschaft sitzt nicht komplett an Computerspielen für Erschöpfte: Die Chöre und Hausmusikkreise und Buchmessen können sich vor lauter Zulauf kaum retten.

Es ist wohl kein Zufall, dass in Miegels üppiger Bibliografie fast alle Autoren fehlen, die nicht zum Milieu des konservativen Bürgertums zählen, und es ist auch kein Wunder, denn den grüneren Wachstumskritikern ist ebenfalls ein gewisser Stallgeruch lieb, um des Distinktionsgewinns willen. Schade eigentlich. Denn die Gesellschaft, die Miegel für überlebt hält, experimentiert ja eindrucksvoll mit ihrer Lebendigkeit. Was sie brauchte: Politiker, die sich trauen, dem Umbau wirklich einen ordnungspolitischen Rahmen zu geben.