Man folgt Miegel ja gern, wenn er entwirft, wie eine neue Kunst der Beschränkung, des Maßhaltens nach und nach Raum greifen könnte. Er nennt auch die Stichworte: dass heute eine Kultur des Teilens, des genossenschaftlichen Wirtschaftens, des Umnutzens und klugen Einsparens entsteht. Er sieht, was unbestreitbar der Fall ist: dass die Gesellschaft gespalten ist und erfindungsreich im Umbruch begriffen. Und er fragt weit darüber hinaus, wie eigentlich Menschen fortan damit zurechtkommen sollen, dass sie das Lebenswerk ihrer Eltern und Großeltern wieder abmontieren: all die Leuchtreklamen, die Kanalisierung begradigter Wasserläufe, die Flächenversiegelungen und Verkehrsschneisen? Wie käme eine Gesellschaft, die nichts anderes mehr im Sinne haben würde als "ein gutes irdisches Leben", in der Gegenwart mit dieser Erfahrung von Absurdität zurecht?

Für all dies gibt es keine Montageanleitung und keine Blaupause, weiß Meinhard Miegel – aber warum eigentlich ist der gute Mann so zurückhaltend? Es ließe sich doch längst von den Umbauexperimenten ebenso konkret erzählen, wie er von den Babel-Baustellen spricht. Von den vielen neuartigen Gemeinschaften etwa, die hergebrachte Bindungen durch neue Verbindlichkeit sinnvoll ergänzen oder ersetzen wollen, wie es etwa die Münchner Künstlergemeinschaft Artrefugio tut, aus mehreren Generationen bestehend, die genossenschaftlich in Passivhäusern lebt und arbeitet; oder von einer ganzen Stadt wie Andernach, die beschloss, künftighin essbar zu sein, indem nun im öffentlichen Raum für alle Lebensmittel angebaut werden; oder auch von jenen 1,5 Millionen Privathaushalten, die zu Energieerzeugern geworden sind, ob durch Solaranlagen auf dem Dach oder durch Miteigentümerschaft an Windrädern oder Genossenschaften. Vor ihnen fürchten sich die industriellen Energieriesen, mit gutem Grund.

Blaupausen gibt es nicht, nein, aber von der Finanzwirtschaft über die Fahrradmetropole Kopenhagen bis zu den Kleidertauschbörsen und Umschneidereien experimentiert eine moderne europäische Kultur gerade mit ihren Spielräumen. Die Gesellschaft sitzt nicht komplett an Computerspielen für Erschöpfte: Die Chöre und Hausmusikkreise und Buchmessen können sich vor lauter Zulauf kaum retten.

Es ist wohl kein Zufall, dass in Miegels üppiger Bibliografie fast alle Autoren fehlen, die nicht zum Milieu des konservativen Bürgertums zählen, und es ist auch kein Wunder, denn den grüneren Wachstumskritikern ist ebenfalls ein gewisser Stallgeruch lieb, um des Distinktionsgewinns willen. Schade eigentlich. Denn die Gesellschaft, die Miegel für überlebt hält, experimentiert ja eindrucksvoll mit ihrer Lebendigkeit. Was sie brauchte: Politiker, die sich trauen, dem Umbau wirklich einen ordnungspolitischen Rahmen zu geben.