Macht braucht Symbole. In der Schweiz baut sie diese am liebsten in Sandstein. Im Haus der Kantone in der Speichergasse 6 in Bern wartet Jean-Michel Cina im lichten Konferenzraum im Erdgeschoss. Der Hausherr ist in aufgeräumter Stimmung. Der Walliser CVP-Staatsrat präsidiert seit Anfang des Jahres die Konferenz der Kantonsregierungen (KdK). Und er sagt, die Kantone seien stark. So stark wie lange nicht mehr. "Wir sind besser organisiert als je zuvor. Wir sprechen mit einer Stimme."

Darauf hatten auch die Regierungsräte, Kantonsparlamentarier und Chefbeamten angestoßen, als sie an einem Augusttag im Jahr 2008 ihr neues Daheim eröffneten.

Ein Palast sei das Haus der Kantone, schimpfen die Gegner, ein Anti-Bundeshaus. Ein gemeinsames Dach, nicht mehr, beschwichtigen die Befürworter.

So oder so. Was im Sommer vor sechs Jahren geschah, war ungeheuerlich: Die 26 Kantone zentralisierten sich. Und zwar freiwillig. Sie, die bei jeder Gelegenheit beklagen, der Bund entreiße ihnen Aufgaben, sie beziehen ein gemeinsames Haus in der Bundesstadt. Es soll die Rückkehr der Stände in die nationale Politik einläuten. Der Föderalismus lebt!

Das war nicht immer so, die Einigkeit ist relativ neu. Die KdK ist ein Kind der verlorenen EWR-Abstimmung von 1992. Damals merkten die Kantone: Ihre Wünsche und Interessen finden in der Europapolitik kaum Gehör. Sie fühlten sich "am Gängelband des Bundes", wie die Neue Zürcher Zeitung damals schrieb. Deshalb diese Konferenz, deshalb dieses Haus. Aber, und nun schlägt Jean-Michel Cina rhythmisch mit der Faust auf den Tisch: "Wir sind keine Lobbygruppe! Wir sind die institutionellen Partner des Bundes. Wir haben unsere Mitwirkungsrechte."

Um ihre Rechte durchzusetzen, haben die Kantone in den vergangenen 20 Jahren ein kompliziertes Machtknäuel geschaffen. Wer es mühsam entwirrt, findet: 26 Kantonsregierungen, die sich in 16 Direktorenkonferenzen treffen. Hier besprechen sie, was in ihrer kantonalen Hoheit liegt: von der Gesundheitspolitik über die Raumplanung bis zu Schulfragen. Dazu vier regionale Regierungskonferenzen, die Regierungskonferenz der Gebirgskantone sowie mehr als 500 Konferenzen auf Beamtenebene. Geregelt wird die Zusammenarbeit zwischen den Ständen in 800 interkantonalen Verträgen.

Mit diesem institutionellen Knuddel schaffen sich die Kantone Einfluss. Aber wie genau? Jean-Michel Cina erklärt:

Im Frühling 2012 wird die Zweitwohnungsinitiative angenommen. Eine Vorlage, die den Kantonen ins Handwerk pfuscht. Plötzlich gilt für das ganze Land: Nur noch 20 Prozent der Wohnungen in einer Gemeinde dürfen Feriendomizile sein. Das schmerzt vor allem das Wallis, wo Cina als Staatsrat die Raumentwicklung verantwortet und wo sich mancher mit dem entfesselten Chaletbau eine goldene Nase verdient hat.

Bundesrätin Doris Leuthard beruft einen Runden Tisch, um die Eckpunkte einer Verordnung abzustecken. Aber wer darf am Tisch sitzen? "Da gingen wir voll rein", sagt Cina. Er versucht in allen Kantonskonferenzen, die einen Vertreter abdelegieren dürfen, seine Leute zu platzieren: bei den Gebirgskantonen wie bei den Bau- und Planungs- oder den Volkswirtschaftsdirektoren. Sie sollen dafür sorgen, dass die Initiative möglichst leger umgesetzt wird. Es wird ihm wohl gelingen.

Oder nach dem 9. Februar 2014. Die SVP hat die Abstimmung über die Masseneinwanderung gewonnen. Was nun? Die Bundesräte Johann Schneider-Ammann und Simonetta Sommaruga laden zur Aussprache. "Wer war doppelt vertreten?", fragt Cina. "Die Kantone. Wer saß am Tisch neben den Bundesräten? Die Kantone. Und wer erhielt als Erster das Wort? Wir."

Für den Walliser Staatsrat ist das Beweis genug: Die Stimme der Kantone hat in der Eidgenossenschaft großes Gewicht. Der Föderalismus lebt!

So wie Cina sehen das die meisten Kantonalpolitiker. Kein Land der Welt gewährt seinen Gliedstaaten so viele Kompetenzen wie die Schweiz. Und hört man die Damen und Herren über den Föderalismus sprechen, klingen ihre Reden wie Glaubensbekenntnisse. "Le fédéralisme coopératif fonde notre Etat" , sagt ein Staatsrat aus der Waadt. Sein Kollege aus St. Gallen meint kurz und knapp: "Der Föderalismus ist alternativlos".

Tatsächlich ist der sogenannte Kantönligeist eine clevere Erfindung. Entscheide, die in den Kantonen gefällt werden, sind näher beim Bürger als ein Ukas aus der Kapitale eines Zentralstaats. Wird das Geld dort ausgegeben, wo es eingenommen wird, geht man haushälterischer damit um. Die Glücksforschung zeigt: In föderalistischen Ländern sind die Menschen zufriedener. Die Konfliktforschung beweist: Die kleinteilige Struktur schafft Frieden, weil die Minderheiten über sich selbst bestimmen können. Oder wie der emeritierte Politologe Leonhard Neidhart sagt: "Das tabuisierte Einfrieren unserer Gebietsstruktur bewahrt uns vor jugoslawischen Verhältnissen." Mehr noch: Es entsteht ein Wettbewerb der Ideen. Die kleinen Stände können sich schneller als der große Bund den veränderten Umständen anpassen. Die Kantone als Labor.