Warschau im Herbst 1939. Die Stadt liegt danieder, aufgerissene Straßen, ausgebrannte Fensterhöhlen, die Folgen von Hitlers Einmarsch in Polen. Anfang Oktober haben die letzten polnischen Feldtruppen kapituliert. Wehrmachtsuniformen patrouillieren über die Plätze, während polnische Landsleute verängstigt herumhuschen auf der Suche nach überteuertem Brot. Hier und da sieht man ärmliche jüdische Gestalten mit Schaufeln hantieren, auf Befehl der neuen Machthaber. Nachts herrscht Ausgangssperre. Die eben noch blühende Metropole: "vergewaltigt", wie es in dem Roman Morphin immer wieder heißt.

Szczepan Twardoch, geboren 1979, gilt als der neue Star am polnischen Literaturhimmel. Zwar ist Morphin keineswegs sein erstes Werk, aber es hat vor zwei Jahren den Durchbruch gebracht. Seitdem ist der Autor sehr gefragt. Auf Fotos sieht man ihn im Styling des Dandys, zurückgekämmtes Haar, Schlips und Einstecktuch, nicht der übliche Look des Schriftsteller-Bohemiens. Auch in dem jetzt auf Deutsch vorliegenden Buch fällt ein akkurater Retrostil ins Auge.

Vieles ist zu bestaunen in Morphin: der Umgang mit der Zeit; die Frauenfiguren und ihr jeweiliger Sex-Appeal; die amoralische Erzählhaltung; die Begeisterung für sinnlichen Genuss; das restlos unheroische Geschichtsbild; die verstörende Kombination von Gewalt und Luxus; das epische Selbstbewusstsein und ein mit Sarkasmus gewürzter Furor. An erster Stelle staunt man jedoch über den Romanhelden selbst, die Hauptfigur, kein klassischer Heros, aber auch kein Antiheld, sondern ein getriebener, verwöhnter Bursche von dreißig Jahren, schön und verantwortungslos, morphinsüchtig und ein Trinker, verheiratet, Vater eines niedlichen Jungen und dennoch innerlich ungebunden – sein Name: Konstanty Willemann.

Wie alle guten Bücher ist auch Morphin einfach und kompliziert zugleich. Leicht fällt es beispielsweise, Konstanty Willemann zu seiner Geliebten, der Prostituierten Salomé, genannt Sala, zu folgen, die in einer bescheidenen Wohnung residiert. Ihrem "Kostia" kommt Sala, Tochter eines strenggläubigen russischen Juden, besonders entgegen. Er scheint kein gewöhnlicher Freier zu sein, ja, Konstanty Willemann fühlt sich regelrecht geliebt von ihr; wobei er sich täuschen könnte. Worin er sich nicht täuscht: Salomé teilt seine Sucht. Sie spritzen sich gemeinsam Morphium und sinken dann unters abgenutzte Plumeau in einen wilden, geilen Trip. Die Grenze zum Drogen- und Erotikkitsch überschreitet Twardoch, ohne zu zaudern.

Man fühlt sich an Jonathan Littells "Die Wohlgesinnten" erinnert

Doch verzeiht man dem Autor den Griff in die Trickkiste, dieses Anzapfen der Hurenästhetik à la George Grosz, weil damit nur das eine Ende der Skala der physischen Existenz seiner männlichen Hauptfigur gezeichnet wird. Auf der anderen Seite sehen wir Helena, genannt Hela, die saubere, spröde, aus stolzem nationalpolnischem Hause stammende Ehefrau, die Konstanty entweder gar nicht liebt oder nur sporadisch. Der widerliche "eugenische" Schwiegervater verdirbt dem unbeherrschten Konstanty zudem gekonnt die Laune. Zwei perfekt abgestimmte Klischees: hier die "Allfrau" Sala, orientalisch, verdorben und lüstern, dort die beherrschte, pflichtbewusste Hela, deren Sinne stumm bleiben.

Als wir Konstanty Willemann kennenlernen, ist gerade seine Welt zusammengebrochen. Seine Frau und der kleine Sohn sind in ihrer komfortablen Wohnung, noch, in Sicherheit. Bald wird er sie gar nicht mehr sehen dürfen. Denn ihm steht eine bedeutende nationale Aufgabe bevor, die er sich freilich nicht aussucht. Sie wird ihm zustoßen wie das meiste im Leben. Doch noch ist es nicht so weit. Wir folgen dem ehemaligen polnischen Leutnant der Reserve für einige Tage im Oktober 1939, wie er in Warschau von Wohnung zu Wohnung, von Club zu Café stromert und dabei rasant die Zustände wechselt; von ernüchtert bis berauscht, sich selbst lenkend und gelenkt von fremden Mächten.

Denn dieser Mann, und hier wird es kompliziert, wird verfolgt von einer Erzählerinstanz, die sich als "beste Freundin" ausgibt, als die Einzige, die ihn liebe. "Ich", sagt dieses schwer zu fassende Wesen, sodass dieses Ich mit dem Ich des Konstanty Willemann kollidiert. "Was ist mit dir, Konstanty? Ich würde dich gern umfangen, dich an mich drücken wie eine Mutter, dein strohgelbes Haar küssen, wie deine Mutter dich nie geküsst hat, doch ich habe keine Arme und habe keinen Mund, ich kann dir nur nachgehen", sagt dieses mysteriöse Ich. Und: "Ich bin die schwarze Göttin. Ich spreche in der Zunge der Menschen und der Engel."

Das übliche Bild des polnischen Helden wird mit Füßen getreten

Klar, dass das übliche Bild des polnischen Helden, der tapfer sowohl gegen die Deutschen als auch gegen die Russen kämpft, geradezu mit Füßen getreten wird. Tatsächlich ist die Hauptfigur Konstanty Willemann mütterlicherseits polnisch, väterlicherseits deutsch, er spricht beide Sprachen perfekt, Letzteres im Wiener Idiom. Szczepan Twardoch übrigens bezeichnet sich gern als Schlesier, nicht als Polen, was durchaus für Irritationen sorgt. Sein Übersetzer Olaf Kühl, der Morphin in ein glänzendes, fließendes Deutsch gebracht hat, zeigt sich im Gespräch verwundert darüber, dass der Roman in Polen keine Empörungswelle ausgelöst habe.

Andererseits steht Twardoch mit seiner Faszination für ambivalente Helden in bedeutungsschweren Geschichtstableaus nicht allein da. Es begann mit Jonathan Littells Roman Die Wohlgesinnten, erzählt aus Sicht von Max Aue, dem homosexuellen, kulturbeflissenen und zugleich skrupellosen SS-Mann, der zudem zwischen der französischen und der deutschen Identität hin und her driftet. Oder man denke an einen weiteren Goncourt-Preisträger, Alexis Jenni, der im Roman Die französische Kunst des Krieges einen ehemaligen Algerien- und Indonesienkrieger, der sich in seiner Freizeit als Künstler betätigt, zum Helden aufbaut. Alle diese fiktiven Männerfiguren sind gezeichnet von Erfahrungen der Grausamkeit; sie sind Täter, Mörder, Folterer, je nachdem, und dennoch intelligent und sensibel.

Céline und Malaparte sind die Paten dieses neuen literarischen Trends

Der ambivalente Held ist in der Gegenwartsliteratur länderübergreifend auffallend präsent. Das kann einem Bauchweh verursachen. Man kann es aber auch schlicht interessant finden, dass Schriftsteller der jüngeren und mittleren Generation kühn mit einem hypertrophen Blut-und-Schleim-Geschichtskonzept spielen, den Kampf als inneres Erlebnis nicht zu den Akten legen, sondern im besten Fall befragen, im bedenklichen Fall stilisieren. Amoralität, Anthropologie, Mystik und Historie reichen einander die Hand (als wären Céline und Malaparte aktueller denn je). Gewalt sei "der Grund- und Urstoff dieser Welt", heißt es apodiktisch in Morphin, und am Anfang begrüßt uns der Roman mit dem Lyrismus: "Schädel. Gestank."

Die buchstäblich irrsten Figuren sind ausgerechnet die Eltern von Konstanty Willemann. Sie verkörpern die hier waltende Geschichtsmystik leibhaftig. Der Vater, Baldur Graf von Strachwitz, uralter schlesischer Adel, gilt als tot, gefallen auf flandrischen Feldern im Ersten Weltkrieg. Den Sohn, Konstanty, hat er im Alter von sechzehn gezeugt; die Mutter war vierzig, eine Frau aus dem Volk, seine einzige Liebe, eine klassische Mesalliance, die ordentlich Skandal machte.

Längst lebt Konstantys Mutter in Warschau, eine "weiße Adlerin", wahnsinnig, nymphoman, vulgär, rassistisch, esoterisch; durch die Nazi-Besatzer urplötzlich wieder zum Erblühen gebracht; gehasst von der adligen Familie des Gatten, thronend auf einem gigantischen Erbe, das sie verprasst, indem sie dem einzigen Sohn, der ihren Namen trägt – Willemann –, jederzeit Geld zukommen lässt. Ein aberwitziges Ödipusdrama. Irgendwann wird Konstanty sich der Mutter entziehen. Sie wird seine Veränderung bemerken. Doch bleibt die Veränderung so rätselhaft wie das Ich, das aus den Tiefen der Zeit über ihn wacht.

Bevor Konstanty Willemann von der Romanbühne abtritt, wird er, kurz, ein anderer gewesen sein. Sein Vater, der tot geglaubte Baldur von Strachwitz, spielt dabei eine unheimliche, auch komische Rolle. Er taucht wieder auf, ob lebendig oder als Gespenst, bleibe dahingestellt, denn Morphin greift sehr wohl ins Surreale aus. Im Deutschen Club der besetzten Stadt Warschau laufen Vater und Sohn sich über den Weg. Sie erkennen einander sofort und umarmen sich inniglich, eine von vielen wunderbar überdrehten Szenen.

Die Nazi-Kolportage kommt, tarantinomäßig, als Groteske daher. Baldur übergibt seinem Sohn mal eben seine deutsche Uniform, an der ihm nichts zu liegen scheint; Geheime Feldpolizei samt Plakette, was Angst und Schrecken verbreitet und zackiges Salutieren bewirkt. So wird aus Konstanty Willemann ein Wiedergänger seines Vaters Baldur von Strachwitz. In Wahrheit wird aus dem hochmütigen Tagedieb, dem Morphinisten und Salomé-Liebhaber ein polnischer Widerstandskämpfer. Aber natürlich gestaltet sich die gefährliche Mission, die ihn nach Budapest führt, als absurdes Theater. Alles dreht sich ums Fressen und Saufen, um den Überfluss in der Gefahr. Vollgestopft mit feinsten Speisen, berauscht von Wein und Schnaps, scheint unser Held erstmals zu spüren, wer er ist. "Ich bin glücklich. Ich lebe."

Was für eine grandiose Selbsttäuschung!