Wenn also all das geschähe – dann hätten wir Bewohner der reichen Industriestaaten noch bis 2030 Zeit, unseren Treibhausgasausstoß zu halbieren. Wohlgemerkt nicht gegenüber dem Niveau von 1990, auf das sich der Klimarat bislang bezogen hatte. Sondern dem des Jahres 2010.

Das würde, grob überschlagen, einer jährlichen Einsparung von vier Prozent entsprechen. Solche Veränderungsraten hat es in Industrieländern schon gegeben, als Folgen gesellschaftlicher Umbrüche oder tiefer Wirtschaftskrisen. Für dauerhaft minus vier Prozent wäre allerdings ein Umbau nötig, der mit Wirtschaftsschrumpfung nichts zu tun hätte – denn aus jedem Jahr mit drastischen Einsparungen müssten unsere Länder ja wirtschaftlich gesund hervorgehen, um den nicht minder harten Umbau des jeweils folgenden Jahres angehen zu können.

Ob all das möglich ist? Das muss glauben, wer auch nach der Veröffentlichung des fünften IPCC-Berichts noch am Zwei-Grad-Ziel festhalten möchte.

Um die Zahlen besser einzuordnen, hilft ein Blick in die Realität. Deutschland ist ein gutes Beispiel, weil es im Bewusstsein der eigenen Bevölkerung ein Vorreiter im Klimaschutz ist. Was also schafft der Vorreiter? Unsere Grafik zeigt die jährlichen Veränderungen der deutschen CO₂-Emissionen seit 1990 (die Folgen härterer oder milderer Winter für den Heizbedarf wurden herausgerechnet). Man sieht, wie sich der Kollaps der DDR-Wirtschaft nach der Wende auswirkte; man sieht die Folgen der Kurzarbeit im Krisenjahr 2009; und man erkennt Hochkonjunkturjahre (1994, 2000, 2006, 2010) an wachsenden CO₂-Emissionen.

Was man nicht sieht: Hinweise auf eine erfolgversprechende Klimapolitik. Minus 40 Prozent, das entspräche einer Einsparung von jährlich 1,7 Prozent von 1990 bis 2020. Doch zwischen 1994 und 2008, also in einer Zeit ohne tiefe Krisen, gab es nur mickrige Fortschritte. Das ist ernüchternd.

Sieben Jahre bleiben bis 2020. Um das deutsche Klimaziel noch zu erreichen, müssten wir die Emissionen ab sofort jedes Jahr um 3,6 Prozent senken – das entspräche einer sieben Jahre langen tiefen Rezession. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks ist dazu kürzlich der Vorschlag eingefallen, die Bürger sollten ihre Wohnungen etwas weniger heizen. Offensichtlich glaubt sie, zu einer Öffentlichkeit zu sprechen, der die Dimension des Problems nicht bewusst ist.

*Anm. d. Red.: 2014 wurde die Studie in "Climate Policy" veröffentlicht.