Der denkwürdige Abend im Eine-Welt-Haus hat weitere Fragen hinzugefügt: Was macht dieser Prozess mit jenen, die das Hassobjekt, die "Böse" verteidigen? Die nicht auf der "richtigen Seite stehen", wie es eine Vertreterin der Nebenklage allen Ernstes formuliert? Was ist uns das höchste Gut des Rechtsstaats, nämlich die Verteidigung, wert, wenn uns Taten und Motive so anwidern wie im NSU-Fall?

"Die Reaktionen machten mich etwas sprachlos. In diesem Kreis war ich davon ausgegangen, über Selbstverständlichkeiten zu reden", sagt Sturm. Einige Wochen nach der Veranstaltung sitzt sie in ihrem Büro in der Kölner Innenstadt. Die Kanzlei liegt zwischen einem Bäcker und einem Friseur. Die Räume sind einfach eingerichtet, viel Weiß, steril, fast karg. Man bekommt hier ein anderes Bild von den jungen, dynamischen, Boston Legal-artigen Verteidigern, als welche die drei Verteidiger von Beate Zschäpe vor Beginn des Prozesses inszeniert wurden – und sich vielleicht auch selbst inszenierten. Sie kamen cool rüber in ihren dunklen Anzügen und silbernen Rollkoffern. In einem Porträt in der Brigitte antwortete Anja Sturm auf die Frage, wie sie mit der öffentlichen Empörung und der Wut auf ihre Mandantin umgehe: "Die Wut halten wir locker aus."

Anja Sturm serviert schwarzen Tee. Die Hände, die die Kanne umschließen, sind nicht die einer Frau, die sich lange mit Nagelpflege aufhalten kann. "Wir haben uns ein dickes Fell zugelegt", sagt sie nur auf die Frage, ob sie die Wut heute auch noch locker aushält. Sie ist kein arroganter Mensch, eher das Gegenteil. Hier, weit weg von München und dem Hype um ihre Angeklagte, wirkt sie entspannter.

Vergangenen August hat die 44-Jährige ihr altes Leben in Berlin verlassen. In ihrer Kanzlei Weimann & Meyer, so sagte Sturm dem Tagesspiegel damals, wuchs der Unmut über das Zschäpe-Mandat und die Sorge, andere Mandanten könnten davon abgestoßen werden. Ihre Kanzlei sagte, man habe der Kollegin von Anfang an von diesem Mandat abgeraten. Auch aus ökonomischen Gründen – neben der Verteidigung einer Beate Zschäpe bleibe kaum Zeit für andere Mandate. Mit dem Tagesspiegel sprach Kanzleichef Axel Weimann damals darüber, wie es sich anfühlt, "sich sowohl beruflich als auch privat immer wieder für ein Mandat rechtfertigen zu müssen, das man persönlich nicht führt und das man vor allen Dingen selbst niemals angenommen hätte". Offensichtlich trug der Druck zur Entscheidung bei, getrennte Wege zu gehen.

Sturm war enttäuscht und fand nach eigenen Angaben keine andere Kanzlei in Berlin, die sie aufgenommen hätte. Ihr Kollege Wolfgang Heer, einer der beiden Mitverteidiger von Beate Zschäpe, machte ihr das Angebot, seine Partnerin in Köln zu werden. Sturm nahm an. Dieser Umzug war wohl die erste nach außen sichtbare Konsequenz, die der Prozess ihr und ihrer Familie eingetragen hat. Anja Sturm hat einen Mann und zwei kleine Kinder, die mitgezogen sind. Sie erzählt, dass ihr einer der Nebenklägervertreter damals eine Solidaritäts-E-Mail schickte. Darüber hat sie sich sehr gefreut.

An ihrem ersten Tag in der neuen Kanzlei kam ein anderer Brief, Absender unbekannt. Sie hat ihn auf Twitter veröffentlicht: "Willkommen in Köln!! Freuen Sie sich schon mal auf die Türken, die da kommen werden. Erst im Geiste die Toten und dann die Lebenden, die auch ein Messer oder was anderes mitführen werden. Glück auf!!"

Zur Zeit der ersten RAF-Prozesse Ende der siebziger Jahre war es der deutsche Staat, der die Rechte von Verteidigern massiv einschränkte und sie in Sippenhaft nahm, weil sie mutmaßliche Terroristen verteidigten. Sie wurden teilweise vom Prozess ausgeschlossen: Ihnen wurde vorgeworfen, die Taten ihrer Mandanten zu unterstützen (was bei manchen auch zutraf). Sturm sagt, dass es sie überrascht, dass ausgerechnet linke, ehemalige RAF-Verteidiger sie nun attackierten. Gerade die müssten doch wissen, wie es ist, für ein Mandat in Mithaftung genommen zu werden.

Im Gegensatz zu Sturm heute haben die RAF-Verteidiger damals ihre Mandanten politisch verteidigt. Sie haben versucht, deren Taten zu rechtfertigen. Einige Anwälte fanden zum Beispiel, die in U-Haft sitzenden Angeklagten müssten als Kriegsgefangene anerkannt werden – denn aus ihrer eigenen Sicht lägen sie im Krieg mit dem deutschen Staat, somit seien ihre Taten Notwehrhandlungen und nicht strafbar. Mit solch zynischen Argumenten wurde selbst der Tod von arglosen Fahrern und pflichtbewussten Personenschützern begründet.

Wie klänge das, würden Anja Sturm und ihre Mitstreiter argumentieren: Der NSU hat den multikulturell überlaufenen deutschen Staat abgelehnt, er sah es als seine Pflicht an, die Deutschen vor Überfremdung zu bewahren. Der NSU befand sich deshalb im Krieg. Die Handlungen in diesem Krieg, zu denen die Morde an den neun Einwanderern und der deutschen Polizistin gehören, können daher nicht als Straftaten angesehen werden.

Undenkbar.

Sturm findet, dass Verteidigung niemals eine Frage der Moral oder der politischen Einstellung sein dürfe. Dass im Grunde jeder Strafverteidiger jeden Beschuldigten, egal, was ihm vorgeworfen werde, verteidigen solle. "Wenn ich sage: ›Ich verteidige keine Neonazis und keine Kinderschänder‹, dann habe ich das Urteil über diesen Menschen doch schon gefällt."

Der legendäre französisch-vietnamesische Rechtsanwalt Jacques Vergès, bekannt geworden mit Mandanten wie dem Topterroristen Carlos, dem Gestapo-Offizier Klaus Barbie und anderen NS-Kriegsverbrechern wie dem früheren jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milošević, sagte einmal, dass er sogar Hitler verteidigt hätte. In einem Interview mit dem Spiegel erklärte Vergès, warum er bei den widerlichsten Verbrechern nicht Nein sagte: "Ja, das könnte ich tun, aber das wäre ungefähr so, als ob ein Arzt seinem Patienten sagt: ›Wissen Sie, Sie haben Aids, aber ich mag keine Schwarzen, ich halte sie für Verbrecher, es ekelt mich an, also werde ich Sie nicht behandeln.‹"

Erst im Umgang mit den sogenannten Bestien und Monstern, mit Menschen also, auf denen das gesamte Unwerturteil einer Gesellschaft lastet, entfaltet der Rechtsstaat seine ganze Größe.