DIE ZEIT: Sie haben im Archiv Ihrer Schule Abituraufsätze aus dem Jahr 1915 gefunden, aus denen wir Auszüge drucken. Was sagen uns diese Texte über die damalige Zeit?

Norbert Fabisch: Allein das Thema der Deutschprüfung, Wann dürfen wir von einem heiligen Kriege sprechen?, zeigt schon, wie weit der Erste Weltkrieg in die Schulen und Klassenräume vorgedrungen war. Der Schulleiter der damaligen Viktoriaschule zu Essen hatte drei Themen eingereicht, aber die Schulaufsicht hatte dieses ausgewählt. Kaum eine Prüfungsaufgabe kam damals ohne Kriegsbezug aus. Die 14 Abiturientinnen ahnten sicherlich, dass es in ihrem Deutschaufsatz um den großen Krieg gehen sollte, der seit acht Monaten auch im Unterricht intensiv besprochen wurde.

ZEIT: Dies sei ein "wahrhaft heiliger Krieg", schreibt eine Abiturientin, und die meisten Schülerinnen stimmen dem in ihren Aufsätzen zu. Wie ist das zu verstehen?

Fabisch: Nicht in einem wirklich religiösen Sinne. Das gehobene Bürgertum hatte sich damals schon recht weit von der traditionellen Religiosität entfernt. Die alten Begriffe dienten aber dazu, deutlich zu machen, dass es hier um die allerhöchsten Werte des deutschen Volkes ging, um die Pflicht, sich zu opfern und darum, größtmöglichen Einsatz zu zeigen.

ZEIT: Die Schülerin Frieda B. schreibt in ihrem Aufsatz ganz besonders patriotisch und siegesgewiss. Was wissen Sie über die Herkunft dieses Mädchens?

Fabisch: Ihr Vater war ein ehemaliger Oberstleutnant, der in seiner neuen Funktion als Bürgermeister von Mülheim stets Uniform trug. Mit 64 Jahren ließ er sich noch einmal für den Kriegseinsatz reaktivieren und leitete als Kommandeur eine Einheit. Das lässt einige Rückschlüsse darauf zu, welcher Geist in Friedas Elternhaus geherrscht haben könnte. Von den anderen Schülerinnen weiß man, dass auch sie meist aus gehobenem Hause kamen, die Eltern waren Fabrikanten, Kaufleute oder höhere Beamte und Angestellte. Die Stadt Essen war damals eine aufstrebende, junge Boomtown – und seit 1912 die erste und lange Zeit auch die einzige Stadt, die ein Mädchengymnasium vorzuweisen hatte. 1915 durften Oberprimanerinnen zum ersten Mal ihr Abitur direkt an der Schule ablegen, zuvor hatten die Mädchen allein die Möglichkeit, in Sonderkursen an Jungengymnasien ihre Reifeprüfung zu absolvieren.

ZEIT: Wie stark spiegelt sich der soziale Rang ihrer Familien in den Aufsätzen der Schülerinnen wieder?

Fabisch: Die Mädchen kamen aus Aufsteigerfamilien und hatten ein elitäres Selbstbewusstsein. Dadurch sind sie selbst oft in eine Außenseiterposition geraten. Wenn sie in ihren Aufsätzen mit so viel Pathos beklagen, dass Deutschland aufgrund seiner wirtschaftlichen und militärischen Erfolge stark angefeindet werde, sehen diese Abiturientinnen durchaus eine Verbindung zwischen der nationalen Lage und ihrer persönlichen Situation. Sie selbst haben eine ähnliche Aufstiegsgeschichte erlebt wie das deutsche Kaiserreich.

ZEIT: Nehmen Sie den Mädchen die Überzeugung ab, dass dieser Krieg notwendig und unausweichlich sei?

Fabisch: Ja, diese tiefe Überzeugung vertraten sie, das war nicht aufgesetzt. Auch wenn ihnen im Frühjahr 1915 klar war, dass sich die ursprüngliche Hoffnung zerschlagen hatte, es könnte, ähnlich wie 1870/71, ein kurzer Krieg werden. Der Schlieffen-Plan war gescheitert, die militärische Führung hatte sich schwer verkalkuliert. In Flandern wurden täglich Tausende Soldaten vom MG-Feuer regelrecht niedergemäht, und in Essen waren die Tageszeitungen voller Todesanzeigen.

ZEIT: Dem Schulleiter Borchardt aber gingen Pathos und unkritische Rhetorik bisweilen zu weit?

Fabisch: Mit zarter roter Tinte hat er etwa an den Rand geschrieben, dass "hier und da etwas ins Überschwengliche gesteigert" werde. Möglicherweise hat ihn auch der Gedanke bewegt, dass die Unterrichtsvorbereitung angesichts der Kriegsrealität aus dem Ruder gelaufen sein könnte. Jedenfalls moniert er, dass sich die Aufgabenlösungen zu sehr auf die Gegenwart beschränkten. Er hätte sich eine tiefer gehende Darstellung anderer, aus religiösen Motiven heraus geführter Kriege in der Antike und im Mittelalter gewünscht. Stattdessen gehen die Schülerinnen sehr schnell und mit hoher Emotionalität auf den Ersten Weltkrieg ein.

ZEIT: Wie sind die Prüfungsarbeiten ausgefallen?

Fabisch: Der Direktor war mit den Ergebnissen zufrieden. Sieben Mädchen haben mit "gut", vier mit "genügend" und drei mit "nicht genügend" abgeschlossen. Es wurden damals nur diese drei Noten vergeben. Auch der königliche Schulkommissar kam in seinem Gesamturteil zu der Schlussfolgerung, dieser Prüfung sei ein "gründlicher und geistvoller Unterricht" vorausgegangen. In weiten Teilen beteten die Schülerinnen in diesen Aufsätzen jedoch nach, was ihnen im privaten Salon des Schulleiters über Monate hinweg unkritisch eingetrichtert wurde. Dass es den Texten am Ende an "Wissenschaftlichkeit" gemangelt habe, begründet Borchardt mit der "leidenschaftlichen Anteilnahme an den Zeitereignissen", die zu einer eher "gefühlsmäßigen Erfassung des Themas hingedrängt" habe.

ZEIT: Sie haben Ihren aktuellen Geschichtskurs eine Klassenarbeit über den Aufsatz von Frieda B. schreiben lassen. Was kam dabei heraus?

Fabisch: Die Aufgabe forderte unter anderem, nationalistische, imperialistische und militaristische Motive in Beuthers Aufsatz nachzuweisen. Dies herauszuarbeiten ist den Schülern teilweise schon gelungen, aber manche hatten grundsätzlich Probleme damit, den Aufsatz überhaupt zu verstehen.

ZEIT: Woran liegt das?

Fabisch: Wir haben in manchen Klassen Schüler aus 14, 15 verschiedenen Nationalitäten sitzen. Wer mit der deutschen Hochsprache Probleme hat, tut sich mit solchen Texten schwer. Der neidische Blick auf die Kollegen von damals, die gestochen geschriebene Arbeiten in fast perfekter Rechtschreibung lesen durften, relativiert sich aber. Auch wenn die Arbeiten heute oft mit Rotstift-Kommentaren überzogen sind, wird von den Schülern doch ein deutliches Mehr an Selbstständigkeit und Kritikvermögen verlangt.

ZEIT: Wie schwer ist es, Ihren Schülern heute ein kritisches Geschichtsbewusstsein zu vermitteln?

Fabisch: Interessant wird es dann, wenn man die Schüler fragt, wie ihre eigene Geschichte durch den Lauf der "großen Politik" bestimmt worden ist. Da kommen unglaubliche Erzählungen zusammen. Wir haben Abkömmlinge von Boatpeople in der Klasse oder ein Mädchen, das während der Flucht ihrer Eltern zur Welt kam. Auf der anderen Seite lesen viele unserer Schüler keine Zeitungen, schauen keine Nachrichten. Ich bin immer wieder verblüfft, was alles an ihnen vorbeigeht. Wenn ich frage, wie es zu dem Begriff "Kalter Krieg" gekommen sei, muss ich mit Antworten rechnen wie: "Wegen der vielen kalten Toten", oder: "Weil der Krieg im Winter begann."

ZEIT: Wie lange haben Sie eigentlich gebraucht, all diese Aufsätze aus der Sütterlinschrift zu transkribieren?

Fabisch: Es hat länger gedauert als vermutet, aber wer über 30 Jahre lang mit teils unleserlichen Schülerschriften zu tun hat, der hat eine gewisse Übung im Entziffern von Wörtern.