Eigentlich sollte die Krise in Europa am Dienstag dieser Woche endgültig beendet werden. Nie wieder sollten marode Banken ganze Staaten in die Pleite treiben können, nie wieder Steuerzahler für die Finanzbranche geradestehen müssen. Das war einmal die Idee eines Gesetzes, über das das Europäische Parlament an diesem Tag entschieden hat.

Für Europa wäre die sogenannte Bankenunion, eine Kombination aus einer europäischen Aufsicht und einem gemeinsamen Fonds, der marode Banken abwickelt, ein mächtiger Schutzwall gegen neue Krisen – und der wichtigste Integrationsschritt seit der Einführung der gemeinsamen Währung. Doch in den Monaten vor der Abstimmung kämpften Banker gegen Politiker, die Länder des Südens gegen die Länder des Nordens – und Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble kämpfte gegen den Rest des Kontinents. Als das Parlament am Dienstag zusammentrat, war von den hochfliegenden Plänen nicht mehr viel übrig.

Die Geschichte der Bankenunion ist ein Lehrstück darüber, wie Deutschland Europa beherrscht. Es beginnt in Brüssel.

Juni 2012 – der Startschuss

Angela Merkel sieht abgekämpft aus, als sie in einer schwarzen Limousine durch den Brüsseler Regen gefahren wird. Gerade hat Deutschland das Halbfinale der Fußballeuropameisterschaft gegen Italien verloren, doch die Kanzlerin hat das Spiel nur am Rande verfolgen können. Stundenlang hat sie mit ihren Kollegen aus den anderen Mitgliedsstaaten der Euro-Zone verhandelt. Es ist für Merkel nicht der erste Krisengipfel, aber vielleicht der wichtigste. Die Währungsunion steht vor dem Zusammenbruch. Die Finanzmärkte rechnen fest damit, dass Griechenland wieder die Drachme einführt, die Probleme drohen auf stabile Länder überzugreifen.

Das liegt vor allem an den maroden Banken. Sie zu sanieren kostet so viel Geld, dass die betroffenen Staaten selbst in Finanzierungsschwierigkeiten geraten. Irland ist bereits unter den europäischen Rettungsschirm geflüchtet, unter dem sich Europas Staaten gegenseitig Geld leihen, Spanien steht zu diesem Zeitpunkt kurz davor.

Unter dem Druck der Ereignisse fassen die Staatschefs zwei Beschlüsse, die das Problem an der Wurzel packen sollen. Eine gemeinsame Bankenaufsicht soll die Kreditinstitute strenger kontrollieren. Und die Sanierung der angeschlagenen Institute soll aus einer europäischen Gemeinschaftskasse bezahlt werden.

Der Beschluss kommt einer Revolution der europäischen Wirtschaftspolitik gleich. Bei der Bankenrettung würde umgesetzt, was vor allem Deutschland bei den Staatsfinanzen immer abgelehnt hat: dass die Länder Europas gegenseitig für ihre Schulden haften. Vorbild ist die amerikanische Abwicklungsbehörde FDIC, die im Fall einer drohenden Bankenpleite einschreitet und Schlimmeres verhindert.

Die Reaktionen außerhalb Deutschlands sind euphorisch. An den Weltbörsen steigen die Kurse, der amtierende italienische Ministerpräsident Mario Monti jubelt, es sei gelungen, die "mentale Blockade" der Deutschen aufzubrechen. Die irische Regierung lässt sogleich berechnen, wie viel Geld sie sparen würde, wenn die Einigung umgesetzt würde.