Der junge Mann im tadellosen Anzug hält nach dem Hauptgang eine Rede, die dem Pressedinner im Hotel de Rome das Flair einer Vorstandssitzung verleiht. Aus Respekt für anwesende Blogger wählt er die englische Sprache, spricht frei, jovial, in zitierfähigen Schlüsselsätzen, die der Start-up-Firma einen sympathischen Partisanenstatus verleihen: Zwei Mailänder Studenten sollen im Rahmen ihres Management-Studiums probeweise ein Geschäftsmodell entwickeln. Sie fahren in die Marken, sprechen in Ledermanufakturen vor und kommen mit hundert Paar Schuhen zurück, die sie an Freunde verkaufen. Nach der Uni lässt der Einstieg in den Managerberuf zu wünschen übrig. Da erinnern sie sich an ihr "lustiges Sommerprojekt" und beschließen, Schuhverkäufer zu werden. Ihre Eltern in Deutschland und Österreich, die das Italien-Projekt finanziert haben, sind entgeistert. Hier bricht die Rede ein wenig ein, zu nahe noch sind die Kämpfe mit den Altvorderen, die sich für den Sohn eher eine Karriere vom Kaliber eines Bankers ausmalten. Nur zwei Jahre später das Happy End: Sechzig Angestellte, fünf Geschäfte in Deutschland, eines in Wien, London ist im Gespräch, das Venture Kapital steht Schlange. Handgenähte Schuhe durch vertikale Integration zu italienischen Provinzpreisen anzubieten, das leuchtet nicht nur den Finanzetagen ein.

Nichts war einer Vorstandssitzung ferner als das Dinner unter Freunden im Soho House einen Abend später. Schon an der Rezeption des Privatclubs in der früheren SED-Zentrale wird jeder Besucher geduzt, und das Englische, dem das Personal im Restaurant trotz deutschsprachiger Karte frönt, dient nicht der Rücksichtnahme auf weit gereiste Blogger. Entsprechend komisch sind die Konfusionen, wenn eine Kellnerin sich wie vor einer mesopotamischen Keilschrifttafel vergewissert, ob man die "Laambratten" gewählt hat. Stars des Abends sind zwei Londoner, die sich im Sommer am griechischen Strand das Jawort gaben und iPhone-Fotos herumreichen. Zu Etta James’ At last ritt der Bräutigam im Air-Dolomiti-blauen Maßanzug auf einem Esel ein. Bräutigam Nr. 2 kam zur Hawaii Five-0 -Melodie mit Ölzweigen im Haar auf einem Speedboot an. Jüngst hatte er seine leitende Stellung in einem Auktionshaus an den Nagel gehängt, um Torten zu dekorieren. Wie die Schuhverkäufer im Hotel de Rome zog er dem lukrativen Jonglieren mit großen Zahlen das Handwerk vor. Mit dem feinen Auge des Kunsthistorikers und ohne jede technische Hilfe formt er aus Teig und Zucker schmollende Beaglehunde wie auf englischen Jagdszenen, derbe Schuhe à la van Gogh, Porträts im Stile Boldinis, und er schreckt auch vor Jerusalems Klagemauer nicht zurück. Die PR-Abteilung ersetzt der Gatte, ein beliebter Friseur, der beim Föhnen plaudernd Aufträge akquiriert.

So sucht man überall die Lücke im System und punktet auf unbefestigten Wegen. Zwei junge Frauen nehmen am Gespräch kaum teil. Sie sind sehr blass, und die eine leuchtet von innen. Sie kämpft um ihren Geliebten, der den Ring mit einer anderen tauschte, und hat ihn halb zurückerobert. Auf Reisen gehört er ihr, und im Gegensatz zur Nebenbuhlerin weiß sie von ihrem Anteil. Auch die zweite Blasse in der Runde kämpft im Stillen, doch dabei will sie nichts für sich gewinnen. Sie engagiert sich für den Verbleib großer Steine, die von den Dolomiten rollen und Anrainern zur Last fallen. Ihr Beruf? Ich bin Geschichtenerzählerin, sagt sie trotzig, das ist, was ich bin.