Der Frühling bricht an, das Mittelmeer beruhigt sich, die Schlepper an der nordafrikanischen Küste beladen ihre Boote wieder mit Flüchtlingen. Und in Europa beginnt die Saison der Angstmacher.

600.000 Flüchtlinge warteten in Nordafrika darauf, auf den europäischen Kontinent überzusetzen. Das hat der italienische Innenminister Angelino Alfano behauptet. Genaueres sagt er nicht. Muss er auch nicht. Am 25. Mai wählen die Europäer ein neues Parlament. Die Angst vor den 600.000 soll sie an die Urnen begleiten. Die rechtspopulistischen Parteien versprechen sich davon einen Stimmenzuwachs.

Wie kommt Alfano auf diese gewaltige Zahl? Was ist ihre Grundlage? Wo warten die Hunderttausende? In Libyen, das selbst nur etwas mehr als sechs Millionen Einwohner hat? Wer versorgt sie dort, während sie warten? Viele Fragen, kaum Fakten. Das kennt man seit mehr als zwanzig Jahren. Das ist beklagenswert, aber nicht neu. Neu ist etwas anderes. Wenn man genauer hinhört, wenn man sich nicht irritieren lässt von dem Geschrei der Populisten, dann sind ungewöhnliche Töne zu vernehmen. Dann sieht man, dass das alte Spiel mit der Angst nicht mehr reibungslos funktioniert.

"Wir können nicht erlauben, dass unsere Brüder aus den ärmeren Teilen der Welt im Meer ertrinken!" Nicht Papst Franziskus hat diese Worte der Barmherzigkeit ausgesprochen, sondern der Chef der italienischen Polizei, Alessandro Pansa. Und fügte hinzu: "Die europäischen Bürger müssen wissen, dass die Immigration keine Bedrohung für ihre Sicherheit ist!" Deutlicher geht es nicht.

Pansa könnte man für einen Außenseiter halten. Das ist er aber nicht. Es gibt eine Reihe italienischer Politiker und Spitzenbeamter, die ähnlich wie der Polizeichef dieses EU-Grenzlandes reden.

Doch auch in Deutschland wird mittlerweile sachlicher, engagierter und weniger angsterfüllt über Flüchtlinge gesprochen. Bundespräsident Joachim Gauck besucht Heime für Asylbewerber und mahnt zu mehr Verständnis für Flüchtlinge. Und der als hart geltende Bürgermeister von Hamburg, Olaf Scholz, spricht sich inzwischen dafür aus, dass Immigranten einen erleichterten Zugang zum Arbeitsmarkt erhalten. Es ist noch zu früh, um von einem fundamentalen Wandel zu sprechen, doch in den tieferen Schichten des europäischen Bewusstseins verschiebt sich offenbar etwas – von der Angst vor Flüchtlingen in Richtung Vernunft.

Den Beginn des Wandels kann man datieren. Am 3. Oktober 2013 sank wenige Hundert Meter vor der italienischen Insel Lampedusa ein Flüchtlingsschiff. 367 Menschen ertranken. Der Papst nannte es Europas "Schande". Und die Politiker schämten sich öffentlich und laut mit. Kaum einer glaubte, dass sich etwas ändern würde. Allzu schlecht ist die Meinung der Öffentlichkeit von den Politikern: Sie sagen doch immer, was gesagt werden muss, und gehen dann zur Tagesordnung über. Das stimmt oft, aber oft stimmt es auch nicht.

Nach dem 3. Oktober 2013 änderte sich tatsächlich etwas. Die italienische Regierung rief die Operation Mare Nostrum ins Leben. Schiffe der italienischen Marine und der Küstenwache werden seither verstärkt eingesetzt, um Flüchtlingsboote weit draußen im Meer abzufangen. Das Ergebnis: Seit Oktober sind 18.500 Menschen aus Seenot gerettet worden. Und was geschieht nun? Statt die Tatsache zu würdigen, dass die als gnadenlos verschrienen Behörden Menschen retten, wird die Operation Mare Nostrum als Ursache für den anschwellenden Flüchtlingsstrom benannt. Weil die Chance auf Rettung nun so groß sei, kämen mehr Menschen. Das Nachrichtenmagazin Spiegel schreibt: "Dort, wo Flüchtlinge menschenwürdig behandelt werden, steigen die Flüchtlingszahlen." Das ist zynisch, vor allem aber falsch. Es kommen mehr Flüchtlinge, weil Staaten wie Libyen zerfallen und zum Paradies für Menschenschlepper geworden sind.

Mare Nostrum, das ist nur ein Schritt, einer von vielen, die getan werden müssen. Und wenn eines Tages Immigration nicht als permanenter bedrohlicher Ausnahmezustand erlebt werden wird, sondern als Normalzustand, der niemandem Angst machen muss, dann werden die 367 Flüchtlinge vor Lampedusa nicht umsonst gestorben sein.