Die einzigen Defizite, die man dem Fußballlehrer Pep Guardiola in seiner ersten Münchner Saison ankreiden kann, liegen im dramaturgischen Bereich. Er hält nicht allzu viel von klassischen Spannungsbögen. Spannungsaufbau, Steigerung, Entladung – so werden große Siege errungen. Guardiola macht es anders; seine Mannschaft hat so früh die Meisterschaft gewonnen, dass sie sich nun, ihres ersten Wunsches durch dessen schiere Erfüllung beraubt, geisterhaft und ein wenig erloschen durch den Ligaalltag kombiniert. Spannung futsch! Da habe er wohl einen Fehler gemacht, sagte Guardiola nach dem 0 : 3 seiner Bayern gegen das wilde Dortmund, denn nach der frühen Meisterschaft habe es im Spielergefüge "Puff" gemacht.

Einen ähnlichen Fehler hat Guardiola in seiner persönlichen Performance begangen. Als er nach Deutschland zog, eilte ihm das Versprechen voraus, er werde seine erste Pressekonferenz auf Deutsch bestreiten. So war es dann auch. Er überraschte sofort mit seinem eleganten Deutsch. Dann allerdings, in späteren Auftritten, verblüffte er seine Zuhörer eher mit schwindenden Deutschkenntnissen. Er ließ nach. Puff. Auch hier hat er das Gesetz des Spannungsaufbaus missachtet.

Aber wahrscheinlich ist Guardiola einfach ein Künstler, der alle Regeln außer Kraft setzt; das Scheitern dient ihm zum Sprung auf ein höheres Niveau. Also hat Guardiola auch an der deutschen Sprache nicht versagt, er hat sie nur hinter sich gelassen. Stattdessen entwickelt er ein Champions-League-Idiom, welches aus spanischen, englischen, deutschen Elementen besteht. Er fusioniert die Sprachen, wie er auch die bestehenden Stile des Fußballs, das taschenspielerische Tiki-Taka aus Spanien und das stur-solide Langpassspiel des Nordens, fusioniert. Der Redner Guardiola erinnert ein wenig an einen jungen Eisbären, der von einer schwankenden Eisscholle zur nächsten flieht – ungefähr so rettet der Trainer sich von einer Wortschatzlücke zur nächsten, von einer Sprache in die andere. Man könnte aber auch sagen, er macht es wie seine Spieler, denen er beigebracht hat, dass man Widerstände umgeht, indem man Dreiecke baut. In Barcelona ließ er Messi, Iniesta und Xavi Pass-Dreiecke bauen, die jeden Gegner lahmlegten. In München baut er nun sprachliche Dreiecke aus Englisch, Spanisch, Deutsch. Wie erreicht er so seine Mannschaft? Offenbar hat er seinen Spielern beigebracht, seine Gedanken zu lesen, puff, ehe sie sich sprachlich niederschlagen. Auch so hat er seine Jungs noch intelligenter gemacht. Wir aber, die staunenden Außenstehenden, wollen es mit Pep halten wie die Fans eines großen, aber vergesslichen Schauspielers: Wir wollen auf der Stuhlkante sitzen und ihm die Wörter zuflüstern, die er nicht findet.