ZEIT: Aber auch Christen sind Monotheisten und glauben an einen verborgenen Gott.

Steiner: Die Christenheit hat nichts mit Monotheismus zu tun! 3000 Heilige! Ich weiß nicht, wie viele Reliquien. Bitte! Das ist Polytheismus der offensichtlichsten Art, da gibt es kein wirkliches Verständnis. Bevor die Juden nicht freiwillig in die Ecclesia eintreten, kann es kein zweites Kommen Christi geben. Wir sind eure Geißeln. Sehr behaglich ist das nicht.

ZEIT: Ihre Familie ist 1940 mit dem letzten Schiff aus Genua nach Amerika ausgereist. Die meisten Deutschen Ihrer Generation beteuern immer wieder, sie hätten von der Judenvernichtung während des Zweiten Weltkrieges nichts gewusst. Wussten Sie davon?

Steiner: Das ist ein Mythos, dass man das nicht wusste. Ich erzähle Ihnen eine wichtige Geschichte. 1940 schickte die französische Regierung meinen Vater nach New York, um Kampfflugzeuge zu kaufen. Im Wallstreet Club sitzt am Nachbartisch die deutsche Delegation. Ein Manager von Siemens winkt meinen Vater zu sich und sagt: "Fritz, hol deine Familie da raus, wir kommen wie ein heißes Messer durch dieButter." Mein Vater hat ihm geglaubt und uns sofort in die USA nachkommen lassen. Das hat uns gerettet.

ZEIT: Ihre Bildungsgeschichte begann im Alter von sechs Jahren, als Ihr Vater mit Ihnen Homer im Original gelesen hat. Das ist unglaublich.

Steiner: Wissen Sie, es gibt zwei Arten von Menschen. Die, die sich selbst interessant finden, die Armen. Und die anderen, die etwas da draußen interessanter finden. Man kann sich spezialisieren auf Nachttöpfe der Ming-Dynastie, dann ist man glücklich. Man lernt, man arbeitet daran, man sammelt. Es kann alles sein, Sport oder Kunst. Wichtig ist, dass man sich ganz klein fühlt im Vergleich zu der objektiven Phänomenologie da draußen. Für mich war Homer mit sechs Jahren die aufregendste Geschichte der Welt. Ich habe gezittert vor Aufregung!

ZEIT: Ihr Vater verehrte die europäische Schriftkultur, als wären es heilige Texte.

Steiner: Das Wichtigste für ihn war: Jeden Tag etwas lernen! Er kam aus einer nordtschechischen Bauernkultur als Kind nach Wien, in die berühmte Favoritenstraße, wo nur Juden lebten. Und der Jude, der nach Österreich kam, war unterwegs in die Weltkultur. Wien ist die Stadt von Mahler, von Freud, von Wittgenstein, die jüdische Liste geht weiter und weiter. Die haben das 20. Jahrhundert gestaltet für uns alle. Für den Juden war die Kultur der Reisepass.

ZEIT: Ihre Bildung ist für uns Nachkriegskinder beängstigend. Es gibt wenige, die so umfassend in den europäischen Literaturen zu Hause sind wie Sie. Kann man heute nicht mehr so lesen und lernen, wie Sie gelernt und gelesen haben?

Steiner: Ich bin da altmodisch. Unregelmäßige griechische Verben muss man mit Angst lernen. Im französischen Lyzeum in New York hatte ich einen wunderbaren Griechischlehrer, der Kreide nach uns geworfen hat. Ich glaube nicht, dass man das Schwierige mit Liebe lernt. Es gibt begabte Menschen, für die es keine Anstrengung gibt. Aber wir Durchschnittsmenschen müssen schwitzen und Angst haben. Wir brauchen die altmodische Disziplin des Lernens, und dann wird es eine Freude. Es dreht sich um. Eines Tages sagt man, auch ich kann Homer lesen.

ZEIT: Dennoch hat all das Griechischlernen und haben die vielen Homerstudien Europa im vorigen Jahrhundert nicht viel genutzt.

Steiner: Das ist die Geschichte einer furchtbaren Enttäuschung. Gott, was hatte Deutschland für ein Musik- und Theaterleben! Man hätte geglaubt, dass die humanistischen Ideale, dass die Museen und Theater ein Schutz wären gegen das Unmenschliche. Aber es hat nicht nur nicht geschützt, sondern die Barbarei kam aus dem Boden der höchsten Kultur selbst. Während man in München Debussy gespielt hat, konnte man nebenan das Schreien hören aus den Zügen nach Dachau. Ich weiß, es ist eine sinnlose, eine dumme Bemerkung, aber ich muss sie machen: Auch die Musik hat nicht Nein gesagt. Kein Kunstwerk hat Nein gesagt.

ZEIT: Und es hat Sie besonders gequält, dass die Lager ausgerechnet von einer der bedeutendsten europäischen Hochkulturen errichtet wurden?

Steiner: Es hat mich viele Jahre meines Lebens gekostet, zu verstehen, warum es so schiefgegangen ist mit der Hochkultur. Ich hatte Angst vor dieser Einsicht. Ich habe noch sehr lange fast viktorianisch geglaubt, dass die Hochkultur die Menschen besser macht.

ZEIT: Inzwischen sprechen Sie von unserer Gegenwart sehr melancholisch als einer Nachkultur, wenn Sie sehr böse sind, sogar von einer Klokultur.

Steiner: Man kann sich von dieser Katastrophe nicht erholen, von den zwei Weltkriegen, dem Holocaust und dem ganzen Stalinismus. Man kann weitermachen, aber man erholt sich nie. Denken Sie an die Verschwundenen, deren Kinder, deren Enkelkinder sind auch verschwunden. Und sie fehlen noch immer.

ZEIT: Aber diese Schuld kann nicht bis in alle Ewigkeit weitervererbt werden.

Steiner: Das Menschentöten geht ja weiter und weiter. Es gibt heute mehr Sklavenarbeit auf der Erde als in der alten Welt. In Syrien verhungern Kinder, die müsste man retten, man rettet sie aber nicht. Wir sind Tag für Tag bombardiert vom Monströsen.