ZEIT: Warum sind Sie nach dem Zweiten Weltkrieg trotz allem nach Europa zurückgekehrt?

Steiner: Das war das nächste Drama. Mir standen als junger Akademiker in Amerika alle Türen offen, man bot mir gleich zwei Lehrstühle in vergleichender Literaturwissenschaft an. Doch mein Vater sagte: "Wenn du in Amerika bleibst, hat Hitler gewonnen." Was für ein Stolz lag in diesen Worten! Am selben Abend sagte ich zu meiner jungen amerikanischen Frau: Wir gehen nach Europa.

ZEIT: Bedauern Sie das?

Steiner: Unsere Kinder und Enkel leben in Amerika. Es ist der einzige Ort auf der Welt, an dem die Rolltreppe für Juden noch hinaufgeht. Dort hätte ich ein viel normaleres Leben gehabt. Dagegen spricht: Hier rede ich in meinen vier Sprachen. Ohne die kann ich nicht denken und nicht fühlen. Ich bin meine vier Sprachen. Das ist nur in Europa möglich, mit allen Einschränkungen, denn in Europa geht es uns sehr schlecht, geistig und menschlich. Es mag hin und wieder günstige Konjunkturen geben, auch mal ein Wirtschaftswunder. Aber vor allem gibt es hier eine tiefe Müdigkeit. Wo immer ich in der Welt herumgereist bin, glaubt die Jugend an die Zukunft. Nur nicht in Europa. Hier wollen die Begabtesten weg.

ZEIT: Was war Ihr Lebenstraum, als Sie jung waren?

Steiner: Da rühren Sie an einen sehr wunden Punkt, da will ich langsam reden. Ich wollte Schriftsteller sein oder vielleicht auch Maler oder Zeichner. Aber für meinen Vater war der Lehrer, der Rabbi, das Höchste. Er hat gesagt, dass der Erfolg, den er finanziell hatte, nur das Ziel gehabt habe, mich als Lehrer zu wissen, der andere lehrt, das Große zu lieben. Ich habe es angenommen. Ich habe nicht versucht, ein Schriftsteller zu werden. Kultur war unser Weg in die Welt, das muss man weitergeben.

ZEIT: Später haben Sie protestiert gegen die Übermacht der sekundären Welt. Sie haben beklagt, dass die Flut der Kommentare und das Kulturgeschwätz das Kunstwerk zum Verschwinden bringe.

Steiner: Der Schriftsteller, der Künstler, der Musiker sind für mich die Realität. Der Briefträger, der ihre Botschaften austrägt, das bin ich. Nie soll man die beiden vermischen. Aber das Heiligste ist dennoch, ein Lehrer zu sein. Das ist tief, tief jüdisch und hat mein Leben entschieden. Ich musste den Bildungsauftrag der großen jüdischen Tradition annehmen und akzeptieren, dass man selbst nichts Erstklassiges zu schaffen habe. Nur Kommentar, Mimesis, Imitation, Genie des Kritikers, aber nicht das Mysterium tremendum des Schaffens.

ZEIT: Sie haben Ihrem Vater und der jüdischen Tradition Ihren Jugendtraum geopfert.

Steiner: Jetzt, wo es zum Ende kommt, ist da natürlich die große Enttäuschung. Über mich selbst, nicht über meine Eltern. Wäre ich ein anderer Mensch gewesen, hätte ich Nein gesagt. Ich probierte es als freier Schriftsteller. Ich habe viele Gedichte geschrieben, die alle nicht publiziert sind. Aber ich war meinen Eltern sehr nahe. Maman hätte es vielleicht bei mir riskiert. Sie war eine Wiener Grande Dame, sehr kunstorientiert. Sie hätte mir vielleicht den Mut gegeben. Aber irgendwie war es zu spät.

ZEIT: Haben Sie ein letztes großes Projekt?

Steiner: Ich arbeite an einer letzten Hypothese über den universalen Judenhass. Es gibt jetzt auf der Erde mehr Juden als vor dem Holocaust. Und das ist ein Skandal, ein ontologischer, metaphysischer und menschlicher Skandal, den man uns wieder nicht verzeiht. Wo sind die Etrusker heute? Wo sind die Griechen, das begabteste Volk der Menschheit? Die Römer? Alle verschwunden. Doch das paradoxale Überleben der Juden dauert nun schon viereinhalb Tausend Jahre. Das fängt langsam an, ernst zu werden. Im Judentum liegt ein Pakt mit dem Leben, mit dem Am-Leben-Sein, den es in keiner anderen Kultur gibt. Der Jude, der den Tod so viel erlebt hat, sagt Nein zum Tod. Davon wird mein nächstes Buch erzählen.

ZEIT: Was denken Sie, wenn Sie an Ihren eigenen Tod denken?

Steiner: Dass ich dann keine Einkommensteuererklärung mehr machen muss.

ZEIT: Am Ende Ihres großen Werkes stand ein kleines, sehr erfolgreiches Buch, das davon handelt, warum Denken traurig macht.

Steiner: Traurigsein ist nicht das Schlimmste, das sind die "Marienbader Elegien" eines Lebens. Aber man macht sich lächerlich als alter Pessimist. In Wahrheit sind wir das Ende und ein neuer Anfang, wir leben in einer Übergangsperiode. Ich selbst bin nicht in der Lage, die schwarzen Löcher des Universums zu verstehen, aber die Jungen können das. Das ist fantastisch.

ZEIT: Sind Sie sehr einsam?

Steiner: Und wie! Ich bin sehr, sehr einsam, innerlich. Seit dem Tod von ganz großen Menschen wie Gershom Scholem habe ich beinahe niemanden. Einige Male kam James Watson zu mir, zuletzt letztes Jahr. Ich bin lieber mit Tieren zusammen als mit Menschen. Ich schäme mich, aber so ist es. Die Tiere schweigen. Das ist die totale Verständigung. Mein Hund wird wissen, wie das Interview war, er riecht bei mir das Vibrato des Seins, ich kann’s nicht anders erklären.