Wir sollten mal wieder über die Stadtbahn sprechen.

Aber will der Senat jetzt nicht eine U-Bahn bauen?

Ein Grund mehr, über die Stadtbahn zu sprechen.

Ein guter Ort für ein solches Gespräch ist die Hamburger Handelskammer. Unter dem Gebäude verläuft das Gleis der U3, alle paar Minuten rumpelt dort ein Zug durch. Hans-Jörg Schmidt-Trenz, der Hauptgeschäftsführer der Handelskammer, nimmt sein liebstes Bild von der Wand. Es ist eine Schwarz-Weiß-Fotografie, aufgenommen vor über hundert Jahren. Sie zeigt Fragmente des Gebäudes, in dem er sitzt, und Arbeiter in einer gigantischen Baugrube. Sie haben damals die Hamburger Börse teilweise abgerissen, um in offener Bauweise den Gleistunnel der neuen U-Bahn anzulegen.

Schmidt-Trenz kommt ins Schwärmen. "Ganze sechs Jahre hat das gedauert, mit Spaten und Schaufeln." Noch heute, sagt er, lebe Hamburgs Nahverkehr von den Errungenschaften des Kaiserreichs. Etwas Eigenes habe die Stadt schon ewig nicht mehr hinbekommen.

Das allerdings soll sich ändern. Gerade hat die Landesregierung ihr Konzept für den Verkehr der Zukunft vorgestellt: eine neue U-Bahn-Linie von Bahrenfeld und Steilshoop im Westen durch das Zentrum der Stadt bis hinaus nach Lurup und zum Osdorfer Born. Es soll die ganz große Lösung werden, die Antwort auf alle Fragen des Nahverkehrs, über die Hamburg nun seit Jahrzehnten streitet.

Der Visionär kann sich noch größere Lösungen vorstellen. Aber der Realist?

Es soll allerdings auch eine sehr teure Lösung werden, dreieinhalb Milliarden Euro, schätzt der Senat. Und sie soll erst in ferner Zukunft verwirklicht werden. Für die kommende Legislatur ist lediglich eine "Machbarkeitsstudie" geplant.

Schmidt-Trenz kann sich in seiner Eigenschaft als Visionär noch erheblich größere Lösungen vorstellen. Ein ganzes System von neuen S- und U-Bahn-Linien sieht er vor sich, finanziert durch den Verkauf von Bauland in Stadtteilen, die durch die neuen Gleise erschlossen werden. In seiner Eigenschaft als Realpolitiker allerdings beurteilt der Mann von der Handelskammer die U-Bahn-Pläne des Senats anders. Vor allem ein Wort, sagt er, gefalle ihm daran: das Wort Bahn. "Es ist sehr erfreulich, dass sich endlich die Einsicht durchgesetzt hat, dass der Ausbau des Nahverkehrs in Hamburg so etwas wie eine Bahn braucht."

Bus oder Bahn, Asphalt oder Schiene – der Streit um diese scheinbar triviale Frage blockiert seit Jahrzehnten die hiesige Verkehrspolitik. In der Handelskammer zweifeln sie inzwischen längst nicht mehr allein an der Weisheit der Politik – sondern an der speziellen Hamburger Spielart der Demokratie.

Die Kammer hat den gesamten öffentlichen und privaten Verkehr in Hamburg untersuchen lassen. Wichtigstes Ergebnis: Die Stadt hat keine dringenden Verkehrsprobleme. Ein dringendes Problem – eine blockierte Hauptverkehrsader, ein vom Einsturz bedrohter U-Bahn-Tunnel – wäre längst gelöst worden. Die Hamburger Verkehrsprobleme dagegen sind wie Schulden oder ein zu hoher Blutdruck: Man kann den Dingen zur Not ihren Lauf lassen, ein Jahr noch und dann noch eins oder zwei. Natürlich wachsen die Probleme weiter, aber sie werden damit zu Problemen der Wähler von morgen und der Politiker, die morgen von ihnen gewählt werden wollen. Und natürlich gibt es immer die Möglichkeit, weniger zu tun als nichts: Man kann sich darauf beschränken, die Pläne seiner Gegner zu vereiteln. Damit lassen sich in Hamburg Wahlen gewinnen.

Hamburg wächst, das ist ein Problem. Es sind nur ein paar Tausend Einwohner im Jahr, aber so geht es schon seit Jahrzehnten. Zudem kommen aus dem Umland jedes Jahr einige Tausend Pendler mehr in die Stadt. Und die Zahl der Hamburger, die außerhalb arbeiten, wächst ebenfalls stetig an. Was nicht wächst: das Straßennetz – denn für weitere Straßen gibt es keinen Platz. Und das Schienennetz, weil die Hamburger sich darüber so wenig verständigen können wie ihre gewählten Vertreter.