Sie hat geträumt: Nur einmal noch einatmen. Wieder ausatmen. Und alles ist vorbei. Doch in diesem Traum kam der Pfleger in den Raum. "Ich hab heute Nacht schon drei Tote auf der Station: Kannst du nicht noch warten?" Inga Orlowskis Traumantwort war: "Klar. Ich hab es nicht eilig." Dann plötzlich lag sie in einem Raum mit den Kindern, die bei einem Unfall schwer verletzt worden waren. In ihrem Traum aber standen sie auf und verließen, eines nach dem anderen, das Zimmer. Und Inga Orlowski dachte: "Das kann ich auch." So kam sie zurück ins Leben.

Neulich hat ihr Vater zu ihr gesagt, er habe keine Lust mehr, ihren Rasen zu mähen. Das könne sie nun wirklich selber, nach zehn Jahren. "Sein Rasenmäher war mit Kabel. Wie Schlingpflanzen legte sich das um meine Beine." Sie hat sich einen Benzinmäher gekauft. Seither mäht sie den Rasen und freut sich über das Vergnügen, dass sie dabei empfindet. Sie hat Rasenmähen zu ihrer Liste der Lebensfreuden hinzugefügt. Zu den Spaziergängen mit Happy, ihrer Labradorhündin. Zu den Kochabenden mit Freundinnen. Zu diesem Tag, jedes Jahr im April, wenn die Störche zurückkehren in ihr Nest im Dorf Breitenfelde im Herzogtum Lauenburg.

Rund um Inga Orlowskis Dorf blühen die Rapsfelder. In ein paar Tagen ist Ostern. Die Natur legt sich neue Farben zu, lichte Farben. Dass sie hier wieder spazieren gehen kann, ohne Rollstuhl, das macht aus ihrer Geschichte, jenseits aller Religion, eine Geschichte von Auferstehung und Lebensbejahung. Von der bedingungslosen Hinwendung zum Diesseitigen und von der tröstlichen Botschaft: Es braucht die Vergänglichkeit, um das Bestehende zu lieben.

Man muss vorsichtig sein, wenn man von Inga Orlowski, 38 Jahre, einbeinig, Amtsanwältin, vielfach ausgezeichnete Sportlerin, ehrenamtliches Mitglied des Technischen Hilfswerks (THW), Trägerin der Bundesverdienstmedaille, erzählt. Ihre Geschichte taugt für Schmonzetten. Ihre Sätze über das Glück der kleinen Dinge, über die Freude an Störchen und Sonnenaufgängen, über ihre Familie, ihre Freunde könnten in einem Bestseller aus der Abteilung Motivationscoaching stehen.

Wie leicht es wäre, aus ihr eine zu machen, die dem Schicksal trotzte. Und heute diese Fanfaren der Gesättigten rausposaunt: Carpe diem. Liebe dich selbst. Lebe fröhlich. Doch auf dieser Bühne der gefälligen Lebensweisheiten ginge sie verloren, würde den Hinterausgang nehmen und wäre weg. Leichtigkeit: Ja. Aber in aller Ernsthaftigkeit.

Inga Orlowski war 22 Jahre alt, als sie einen Kreuzbandriss erlitt, der zunächst unentdeckt blieb und erst nach sechs Monaten operiert wurde. Damals hat sie Frauenfußball in der Regionalliga gespielt, auch Volleyball. Machte eine Ausbildung zur Rechtspflegerin. Engagierte sich ehrenamtlich im THW. Hatte einen riesigen Freundeskreis. Als sie endlich ins Krankenhaus ging, hat sie noch geunkt: "Denkt nicht, ihr seid mich los."

Die erste OP – misslungen. Nächste, übernächste, überübernächste OP, insgesamt 30. Sehnen entzündeten sich, rissen Knorpel heraus, das Knie wurde steif, blieb steif, auch wenn die Ärzte nicht wahrhaben wollten, dass jemand durch einen Kreuzbandriss zum Pflegefall wurde. Inga Orlowski war ein Schmerzensbündel, landete in der Schmerztherapie. Morphium. Neue OP. Wieder Morphium. Sie versuchte, mit nachziehendem Bein zu laufen, doch das machte der Rücken nicht mit. So landete sie im Rollstuhl, mit Mitte zwanzig. "Sie werden nie wieder Sport treiben können", sagte ihr Arzt.