"Gourmet-Tempel" – ein blödes Wort. An Ostern wird das sehr deutlich. Während die Kirchen mit viel Einsatz um die Feiertagschristen werben, haben die so bezeichneten Restaurants in aller Regel geschlossen. Wer gutgläubig hinaus aufs Land fährt, findet sich leicht vor der profanen Kost eines Ausflugslokals wieder. Aber keine Regel ohne Ausnahme.

Der Ausnahme-Tempel ist eine Mühle, eine historische Windmühle im Alten Land, am Ortsrand von Jork. Schön liegt sie da am Elbdeich, nur ein wenig zu tief. Man müsste schon Barhocker auf die Terrasse stellen, damit die Gäste auch die Spaliere der Apfelbäumchen sähen, die bis ans Ufer reichen. Nachmittags empfiehlt ein Schild "Kuchen von Mama Doris". Am Abend legt Mamas Schwiegersohn eine andere Gangart vor.

Man gibt besser acht, damit man sich nicht schon am Brotkorb überfrisst. Darin finden sich heute fünf knackfrische Sorten aus dem eigenen Ofen: Kräuter, Chili, Paprika-Linse, Schoko-Nuss sowie Gurke mit Sesam und Käse. Zu dippen in Olivenöl mit Schoko-Rosinen-Salz.

Damit wäre schon einmal dokumentiert, dass Danny Riewoldt Aufwand nicht scheut. Er war Küchenchef im Au Quai in Altona, ehe er sich vor drei Jahren hier selbstständig machte. Und man kann schmecken, wie sehr es ihm gefällt, sein eigener Herr zu sein. Er jongliert geradezu mit den Waren aus der Region. Sein Ostermenü enthält alles Erwartbare vom ersten Spargel bis zum Lamm als Hauptgericht, das aber in überraschenden, hochkomplexen Variationen. Großartig ist die Essenz vom Bärlauch mit gebackenem Lauch und der dreifachen Einlage von Erbsen: bissfest blanchiert, als Creme und als Sprossen. Dass die Kalbsbriesstücke am Boden des Tellers noch schmecken wie frisch aus der Pfanne, zeigt, wie exakt hier gearbeitet wird. Mehr Finesse ist dem derben Kraut so leicht nicht einzuhauchen.

Es macht Spaß, solche Gerichte in der Urigkeit eines Landgasthofs zu verspeisen, zwischen Holzbohlen und Ziegelmauern. Hier grüßen Stammgäste mit "Hallöchen!", und wenn etwas gefeiert wird, fühlt sich keiner genötigt zu flüstern. Die nette Chefin Kerstin Schulze weiß über die Küche ihres Mannes bestens Bescheid, spürt aber schnell, wie viel ein Gast hören will. Wäre sie nicht mit so viel ehrlicher Begeisterung bei der Sache, täte sie einem bei mancher Speisenansage fast leid. Ihre schwerste Prüfung heute Abend ist der in Kamille-Vanilleöl marinierte Skrei. "Ich habe meinem Mann schon gesagt, den muss er anders machen. Man vergisst ja den Rest vom Gericht aus Angst vor Worthasplern!"

Ehrlich gesagt: Wir haben ihn auch vergessen. An Riewoldts Einfallsreichtum muss man sich erst mal gewöhnen. Auch jetzt, wo so viel Frisches wächst, mariniert er, was das Zeug hält. Selbst die unreifen Erdbeeren aus dem Alten Land sind vor ihm nicht sicher; die gibt es als Grüne-Tomaten-Ersatz zum Felchen.

Wer nur einen ehrlichen Teller Spargel essen möchte, kommt besser am Mittag. Abends bekommt er ihn zerschnippelt "in verschiedenen Garstufen" (alle ziemlich roh) auf Kräuterteesud und Eigelbcreme mit einem Quinoakräcker und gedörrtem Thymian-Ricotta. "Das Dörrgerät", sagt Kerstin Schulze, "ist unser neues Spielzeug. Sehen Sie die Krümel auf dieser Spargelspitze? Das ist gedörrte Butter mit Ei." Tadellos gemacht, das alles für sich, trotzdem wirkt dieser Gang ein bisschen kleinteilig. Am besten versteht man ihn wohl als einen Beitrag zu Ostern: Hier kann man die Eier suchen.

Am Partytisch hinten trägt die Chefin jetzt den Zungenbrecher auf. Diesmal klingt ihr "Skreifilet" eher nach "Reifenöl", aber niemand stutzt. Selbst das schmeckte hier sicher gut.