Geht Ostern auch ohne Gott? Ja, aber Ostereiersuchen ist nicht die Lösung, sondern Lessing. Von 1767 bis 1770 war er Leiter des Hamburger Nationaltheaters und verfasste die Hamburgische Dramaturgie. In dieser Textsammlung hat Lessing einen alten Begriff der Dramenpoetik neu ausgelegt: die phobia.

Die phobia war in der Antike der Schrecken, der einen packen soll, wenn man das Geschehen auf der Bühne sieht: Das, was denen da oben widerfährt, ist so grausig, das darf mir keinesfalls passieren. Für Lessing war diese abstoßende Geste der Angst zu wenig. Er meinte, zur phobia, zum Schrecken, müsse das Mitgefühl kommen, damit aus der Kunsterfahrung eine wirkliche, den Menschen ergreifende Lektion wird.

Schaut man sich auf der Bühne des sozialen Geschehens um, dann begreift man: Wir in Hamburg haben ein Talent für die kaufmännische Ausrichtung, für Kalkül und Rentabilität. Ein gesunder Geschäftssinn gilt als Tugend. Und gerade deshalb ängstigen wir uns in hohem Maße vor den Armen, den Kranken, den Arbeitslosen. Wir fürchten, sie könnten uns anstecken mit ihrem Versagen. Mit Lessing gesagt: Wir bleiben beim alten Begriff der phobia stehen.

Die Folge ist ein Leben im Hamsterrad, in dem es weder Anfang noch Ende gibt, sondern nur das unausgesetzte Strampeln in dieselbe Richtung, die letztlich keine ist.

Die Kalendertage vom 18. bis 21. April werden viele zur Erholung nutzen. Aber sind Meditationsübungen, Yoga-Sitzungen und vegane Kochsessions nicht letztlich nur weitere Techniken der Mobilmachung, um besser durchzuhalten? Hinter Achtsamkeit, diesem tollen Wort aus dem Lexikon des spirituell veredelten Lebens, versteckt sich oft ein anderer Begriff: Narzissmus. Sei bewusster, sei empfindsamer, registriere noch genauer die Abweichungen in deinem Energiehaushalt, um sie noch effektiver auszugleichen.

Man kann uns Mittelklassemenschen nicht einfach verordnen: Halt ein, hör auf, ändere die Richtung. (Gewarnt wurden wir immer wieder – wie war das gleich mit Kafkas Katze: "Du musst nur die Laufrichtung ändern, sprach sie zur Maus und fraß sie.") Man kommt nicht einfach raus aus der eigenen Haut und den Anforderungen eines Lebens, das man sich mühsam aufgebaut hat. Aber die Angst, das zu verlieren, was man hat, oder das nicht zu kriegen, was man will, dieses Unbehagen wird immer größer werden und kraftraubender. Mit der alten phobia ist man ein Getriebener des Schreckens, nicht so zu werden wie die, die nicht mitgekommen sind.

Die Idee von Lessing ist ein Ausweg: Wir schauen nicht auf das, was uns trennt, sondern auf das, was uns verbindet. Und solange das, was uns verbindet, größer ist als das, was uns entzweit, ist alles gut.

Weil sich solche Einstellungen nicht herbeidenken und verordnen lassen, wenden wir einen Kniff an: Wir tun so, als ob. Konkret heißt das: Wir gehen auf jene zu, die uns anstrengen, nerven und belasten, und tun etwas für sie. Und mit diesem von der Kirche schon lange empfohlenen Trick der Hinwendung zum Nächsten, so bemüht und gezwungen sie am Anfang sein mag, stellt sich etwas wie Freiheit ein. Man könnte auch sagen: Erlösung von der Selbstbezogenheit. Selbstbezogene Angst ist eine Falle. Sie verführt einen zu noch mehr Anstrengung und Kontrolle, macht die Unsicherheit aber nur größer. Sie tarnt sich in vertrackter Weise als Vernunft und plausibles Denken. Und diese Form des Denkens wird man nur mit einem Handeln los, von dem man nicht einmal weiß, ob es sich auszahlen oder lohnen wird. Das dürfte uns schwerfallen und nutzen. In einer das Ökonomische weit überschreitenden Weise.