Bisher hatte ich immer geglaubt, Hotels lebten vom Ruf einer Gegend. Bei der Fahrt hinauf zum Aschberg steht mir mit einem Mal das Gegenmodell vor Augen: Womöglich kann eine Gegend auch vom Ruf eines Hotels leben. Dieses Hotel jedenfalls ruft unüberhörbar! Sein 20 Meter hoher, holzverkleideter Aussichtsturm scheint geradezu dafür gebaut, um über die Hüttener Berge zu posaunen: Hast du es nicht gewusst, du schüchternes schleswig-holsteinisches Binnenland? Du schlichte, gletschergeschliffene Landschaft? Du scheue Schlei? Du bist keine Rentnerwanderregion, nein! Du bist Outdoor-Country!

Wenn es nicht so wäre, hätten die Leute des großen deutschen Outdoor-Ausrüsters Globetrotter schließlich keinen zweigeschossigen Terrassenbau mit 30 Hotelzimmern in den Berg gesetzt, die erste "Lodge" des Unternehmens. Oder?

Oder die Leute von Globetrotter sind ganz einfach verrückt geworden.

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Vielleicht muss man aber als Gast nur etwas guten Willen mitbringen und auf die Einflüsterungen des Ortes hören. Jedenfalls erwacht mein Ehrgeiz, kaum dass ich die Lodge betreten und mich am offenen Kamin niedergelassen habe. Rund um das gemütliche Feuerplätzchen liegt allerlei Literatur für Freizeit-Abenteurer aus, außerdem der aktuelle Firmenkatalog. Darin spricht der Tierfilmer Andreas Kieling über seine liebsten Outdoor-Klamotten und stellt Deutschlands "Big Five" vor. Ich fange an, mich zu ärgern. Warum habe ich die Sache nicht ernst genommen, warum habe ich meine Hightech-Funktionshose zu Hause gelassen? Nieselregen hin oder her, wenn ich jetzt rund um die Lodge auf die Pirsch gehen würde, könnte ich vielleicht, von Kieling inspiriert, einen Rothirsch aufspüren, einen Seeadler, einen Eurasischen Luchs, wenn schon keine Kegelrobbe oder einen Alpensteinbock. Doch da spürt mich schon die freundliche Kellnerin auf. Sie liest die Kuchensorten des Tages herunter. Sacher, Pfirsich-Schmand, Kirsch-Quark, Schoko-Butter, Apfel-Streusel. Ich bestelle und greife zum nächsten Buch, Survival. Überleben in Extremsituationen.

Meine Begleiterin ist immerhin joggen gegangen. Als sie wiederkommt, sagt sie, es gäbe ein paar unheimliche Ecken da draußen. Es ist auch gerade recht neblig. Wir beschließen, die Recherche zum "Outdoor"-Aspekt zu vertagen. Probieren wir lieber, wie sich’s in der Lodge so wohnt. Was meinem Verständnis nach eine Lodge von einem Hotel unterscheidet, ist eine gewisse Einbuße an Komfort zugunsten authentischer Weltabgewandtheit. Dieses Kriterium erfüllt das Zimmer nach meinem Eindruck zu wenig, nach dem Eindruck meiner Begleiterin zu sehr. Edle Hölzer, helle Wände, eine Panoramaglasfront, schwer komfortable Betten. Aber was fällt der Dame auf? Nicht mal ein gemütlicher Sessel! Was willst du mit einem gemütlichen Sessel?, sage ich, es kommt doch wohl niemand zum Rumsitzen her. Mit einem süffisanten Zischlaut verabschiedet sie sich in Richtung Regendusche.

Wunderbar lodgig sind die gewaltigen Ablageflächen im offenen Regalsystem, das die halbe Seitenwand des Zimmers einnimmt. Locker ließe sich darin das Packvolumen eines Hundeschlittens verstauen. So viel Platz braucht zwar niemand. Aber die Möglichkeit macht das Feeling. Leitmotiv des Hauses ist ansonsten die Birke. Birkenfotopaneele im Bad, Birkenbilderfolien im Restaurant, mit Birkenholz verkleidete Tresen. Die Birke ist ja der Outdoor-Baum. Warum? Birkenrinde brennt auch nass. Das kann Leben retten.

In Ermangelung einer gemütlichen Sitzgelegenheit brechen wir bald zur nächsten Aktivität auf: Abendessen im Hotelrestaurant Campfire. Was es da gibt, bringt einen erneut auf den Gedanken, die Investoren mögen verrückt geworden sind. Es gibt Wild, aber was für Wild! Es kommt aus der Lodge-eigenen Wildkammer, angeliefert vom örtlichen Waidmann, aus der Decke geschlagen vom Lodge-Koch persönlich. Der Rehrücken schmeckt, dass man sich im Waldmoos niederknien möchte, und das bei einem Preis, der eher symbolisch als geschäftstüchtig wirkt. Zumal an diesem Freitagabend nur zwei weitere Tische besetzt sind.

Ein Wort mit dem Geschäftsführer. Will sich der Outdoor-Ausrüster hier ruinieren? "Wir sind auf einer Expedition", antwortet Kay Langbehn, der Mann, der die Lodge seit ihrer Eröffnung im November führt. Seine branchengerechte Formulierung deutet auf eine Wette hin, die in etwa lautet: Ein ehrgeiziges Angebot, verbunden mit dem richtigen Image, kann sogar ein halb totes Ausflugsziel wie den Aschberg in eine Outdoor-Erlebniszone verwandeln. Langbehn, gebürtiger Schleswig-Holsteiner, will Kanufahren und Segeln auf der Schlei anbieten, Wanderungen, Angelcamps, Outdoor-Kochkurse, Bogenschießen, Free Climbing an der Kletterwand des Aussichtsturms, Abenteurervorträge und, tatsächlich, Hundeschlittentouren. Für jeden touristischen Härtegrad wollen die Globetrotter etwas liefern, vom Schlafsacktesten im Winterbiwak bis zum Vier- Sterne-Wochenende für die Best Ager.

Die Lodge ist, kurzum, eine Idee von Abenteurern für Abenteurer und solche, die sich nur so fühlen wollen. Klar, die Hüttener Berge (100 Meter über dem Meeresspiegel) werden dadurch nicht die Dolomiten, und die Schlei wird nicht der Geirangerfjord. Aber wie wächst man, wenn nicht durch Überschätzung? Für alle, die nur eine gute Autostunde von Hamburg entfernt ganz weit weg von allem sein wollen, für die ist es Outdoor-Country, so einfach. Verrückt ist das am Ende nicht, wenn auch etwas mutig. Aber wie sagt der Schleswig-Holsteiner: Moot ward beloohnt.