DIE ZEIT: Nach zwei Jahren hat Ihr Team Sie als Managerin abgewählt. Wie geht es Ihnen?

Julia Bürkle: Im ersten Moment war ich traurig und ernüchtert. Ich habe überlegt, was ich im Wahlkampf vielleicht hätte anders machen können. Inzwischen ist es nicht mehr schlimm. Ich habe neue Aufgaben gefunden.

ZEIT: Im Softwareunternehmen Haufe-Umantis dürfen die 120 Mitarbeiter tatsächlich selbst bestimmen, wer ihr Chef oder ihre Chefin sein soll?

Bürkle: Bei uns geht es schon seit Längerem demokratisch zu. Wir definieren gemeinsam die Ziele unseres Unternehmens und die Strategie, und jeder Mitarbeiter legt auch Ziele für sich selbst fest. Im letzten Sommer haben wir sogar erstmals unseren CEO gewählt.

ZEIT: Ist das nicht riskant?

Bürkle: In diesem Fall hat der Gründer und bisherige CEO den ehemaligen Leiter Vertrieb und Marketing für den Posten vorgeschlagen. Es gab niemanden, der gegen ihn angetreten ist. Aber wenn er nicht gewählt worden wäre, hätten wir einen neuen CEO suchen müssen.

ZEIT: Anderswo kümmern sich professionelle Personalberater und -abteilungen um die Besetzung solcher Posten.

Bürkle: Ich denke, dass Mitarbeiter aus der Zusammenarbeit gut beurteilen können, ob sich jemand als Führungskraft eignet.

ZEIT: Lenkt der Wahlkampf nicht von der eigentlichen Arbeit ab?

Bürkle: Währenddessen haben wir uns natürlich intensiv mit unserer Organisation beschäftigt. Unserem Zusammenhalt hat das sehr gutgetan. Wir haben in unserem Trott innegehalten und uns gefragt: Welche Arbeitsbedingungen habe ich eigentlich? Wie werde ich im Team geschätzt? Wir haben einander zugehört, sind mehr aufeinander zugegangen. Ich habe unsere Firma noch nie so emotional erlebt.

ZEIT: Woran lag es, dass Sie selbst nicht wiedergewählt wurden?

Bürkle: Ich war Managerin in einem kleineren Sales-Team. Im Herbst wurde das mit einem anderen zusammengelegt, deshalb gab es nur noch einen Managementposten. Und die Kollegen aus dem anderen Team kannten mich natürlich nicht so gut.

ZEIT: Haben Sie sich im ersten Moment nicht gefragt: "Wer war das, wer hat gegen mich gestimmt?"

Bürkle: Auf unseren Stimmzetteln gab es nicht nur Ja oder Nein, sondern verschiedene Abstufungen der Zustimmung. Einige haben mir wohl einfach ein schwächeres Ja gegeben als dem Gewinner.

ZEIT: Kein Unfrieden im Unternehmen?

Bürkle: Wenn ich mich zur Wahl stelle, muss ich auch mit einer Abwahl rechnen. Entscheidend ist, dass das Feedback konstruktiv ist und die Abgewählten anschließend gut begleitet werden.