Neuerdings gehört die Beichte in die Öffentlichkeit. Mit dem Smartphone als Beichtstuhl können wir uns das schlechte Gewissen einfach vom Hals twittern. Und wenn die Gemeinde der Fans und Follower gnädig ist, dann vergibt sie uns unsere Sünden auch.

In der Geschichte der Beichte sind wir damit zu den Anfängen des Christentums zurückgekehrt. Jesu Kreuzigung, die Entsühnung der Menschheit für Adam und Evas Erbsünde, war ein öffentliches Spektakel. Genau wie das Ritual der Taufe, welches den Einzelnen von seinen Sünden befreite. Auch wer so schwer gesündigt hatte, dass er sein Haupt mit Asche bedeckte, konnte die Absolution nur in Gegenwart der versammelten Gemeinde erhalten. Erst Innozenz III., Nummer 176 von insgesamt 266 Päpsten, führte im 12. Jahrhundert die geflüsterte Beichte ein. Seither dürfen Katholiken ihre irdische Unvollkommenheit allein mit einem Priester verhandeln. Man kann darin einen Meilenstein in der Geschichte der christlichen Seelsorge erkennen. Doch der englische Kirchenforscher und Publizist John Cornwell stellt in seinem Buch Die Beichte eine andere Entwicklung in den Vordergrund. Denn gleichzeitig erhob Papst Innozenz die Nichterfüllung der Beichtpflicht zur Todsünde, machte damit also "die weltliche und geistliche Maßregelung zum vorherrschenden Merkmal der Christenheit". Das ist die dunkle Seite der Geschichte der Beichte.

Cornwell forscht am renommierten Centre for Advanced Religious and Theological Studies der Universität Cambridge, doch sollte man deswegen keinen akademisch zurückhaltenden Beitrag zur Kirchengeschichte erwarten. Er liefert eine schonungslose Aufklärungsgeschichte über die katastrophalen Sexualverbrechen, die in den letzten Jahrzehnten innerhalb der katholischen Kirche verübt wurden. Das heilige Sakrament der Beichte, die Institutionalisierung menschlicher Unvollkommenheit, wurde zu einem "unheilvollen Machtinstrument", das vielen Geistlichen den Weg ebnete, vor allem Kinder seelisch und sexuell zu missbrauchen, und schließlich dazu diente, ihre Verbrechen geheim zu halten.

Cornwell beschreibt, wie das Priestertum nach Innozenz III. seine Aufgabe als Vertreter der Exekutive im Kirchenstaat erfolgreich ausführte, im Sinne der religiösen Berufung dagegen schwer scheiterte. Die Position als Mittelsmann zwischen dem Sünder und dem Vergebenden, die Rolle als Makler göttlicher Gnade, überforderte sie, sie verleitete zur Korruption. Der Ablasshandel breitete sich aus und trug entscheidend zur Spaltung der Kirche in der Reformation bei. Zudem stellte der Beichtakt selbst die Priester auf die Probe. Wenn Pönitentinnen vor ihnen knieten, ihrem Beichtvater die Hände reichten oder ihren Kopf in seinen Schoß legten, wurden Geistliche unmittelbar mit ihrer eigenen Fehlbarkeit konfrontiert. Bald war die Inquisition von Anklagen gegen zudringliche Beichtväter überwältigt. "Anstatt Seelen zu retten, entstand eine Fixierung auf den Körper. Die Kirche war besessen von Sex", erklärt Cornwell.