Die heikelste Beziehungsfrage haben die beiden schon miteinander geklärt. Sie haben den Idealfall von Familie mit ihrem Sonderfall verglichen und festgestellt, dass man noch anders eine glückliche Familie gründen kann als nach dem Modell Vater-Mutter-Kind.

Die Frage, die Klara im Alter von zwei Jahren stellte, lautete: "Mama, habe ich auch einen Papa?" Klara hatte registriert, dass es im Kindergarten und in der Verwandtschaft, anders als bei ihr zu Hause, Väter gab. Für die Kritiker der Reproduktionsmedizin ist das einer der schlimmsten vorstellbaren Momente im Leben eines, nun ja: nicht auf die übliche Art gezeugten Kindes. Ihrer Meinung nach hätte nun das Herumdrucksen der Mutter beginnen müssen, das irgendwann in die traumatische Erkenntnis Klaras münden würde, keine richtige Tochter richtiger Eltern zu sein, sondern ein Homunkulus von der Samenbank. Doch Ulrike Korek antwortete ohne Zögern: "Natürlich hast du einen Papa. Er lebt bloß nicht bei uns, sondern in Dänemark."

Damit war Klara zufrieden. Demnächst, sagt Ulrike Korek, 45, werde das Kind sicher fragen, wie es denn genau zustande gekommen sei, aber sie habe kein Problem, die Sache mit den Spermien, den Eizellen und dem Bauch der Mutter kindgerecht zu erklären. Problematisch ist für sie momentan etwas ganz anderes. Klara hatte nämlich noch einmal nachgefragt, ob sie wirklich einen Vater habe, um dann weinend und wütend gegen das Faktum zu protestieren: "Nein, ich habe keinen Papa! Ich bin Klara und habe eine Mama!" Das hieß: Die Familie sind wir. Und so soll es bleiben.

Wie viele Eltern braucht ein Kind? Nein: Wie viele Menschen müssen bei seiner Zeugung zugegen sein, damit es ein ganzer Mensch wird – und nicht nur ein "Halbwesen"? Die Frage geistert durchs Land, seit Sibylle Lewitscharoff das fatale Wort aussprach. Auch wenn die Schriftstellerin dafür öffentliche Prügel bezog, so bleibt doch ein Unbehagen, eine Furcht vor den neuen Möglichkeiten der Zeugung. Man merkt es an der unklaren Gesetzeslage hierzulande, die es gesunden Frauen wie Ulrike Korek schwer, ja beinahe unmöglich macht, durch eine Samenspende schwanger zu werden. Man merkt es auch an der seltsamen Regelung, dass Kinder wie Klara keinen staatlichen Unterhaltsvorschuss bekommen.

Wer von einem Unbekannten schwanger wird, sich einen Erzeuger in der Disco aufgabelt, wird unterstützt. Wer aber zur Samenbank geht, weil er keinen Partner hat, muss allein klarkommen. Als wäre sein Kind weniger unterstützenswert. Weniger wert. Halb. Das scheint nicht nur die verrückte Einzelmeinung von Sibylle Lewitscharoff zu sein.

Vielleicht hat Ulrike Korek ihrer Tochter deshalb einen Brief geschrieben, der alles erklärt. Ihren Entschluss, aber auch die Zeugung, inklusive Eisprungtests und Spermaportionen. Der Brief beginnt so:

Meine liebe Klara, gewollt habe ich Dich schon immer, mein ganzes Leben lang. Ich habe gewartet und gewartet. Auf den richtigen Mann, den richtigen Moment und immer auf die Zeichen einer Schwangerschaft. Vier Jahre, bevor Du endlich zu mir kamst, habe ich angefangen, nach Dir zu suchen. Ich wollte immer eine richtige Familie. Mir war es lieber, darauf zu verzichten, als mit jemandem eine Familie zu gründen, der das nicht auch wollte. Ich wusste noch nicht um die Möglichkeiten, die uns beide letztlich zusammenführen würden.

Im Leben der Grafikdesignerin, die in Ostdeutschland aufwuchs und seit 15 Jahren in Hamburg lebt, mangelte es nicht an Männern, nur an Männern mit Kinderwunsch. Irgendwann war sie Ende dreißig, Geschäftsführerin einer Firma für Design und Verpackung. Ulrike Korek ist der Typ Frau, der nicht nur von schönen Dingen träumt, sondern seine Träume wahr macht. Sie malt, sie liest, sie renoviert ihre Wohnung in hellen Farben, und wenn sie im Bad neue Regale möchte, bohrt sie die Löcher selber, auch in die Fliesen, ohne dass die splittern. Allerdings ist sie nicht der Typ, der sich bedenkenlos nimmt, was er will. Sie weiß, dass es in Großstädten bei Single-Frauen nicht unüblich ist, die fruchtbaren Tage auszurechnen, um dann in Portalen wie "Elite-Partner" ein attraktives Date auszusuchen und einen One-Night-Stand zu provozieren.

Samenraub nennen sie das in Klatschromanen wie Prosecco zum Frühstück. Sie liest lieber Toni Morrison und Colum McCann. Sie glaubt, ein neues Leben sollte man nicht mit einer Lüge beginnen. "Ich finde es schlimm, einem Mann ein Kind anzuhängen. Aber ich finde es nicht schlimm, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen." Deshalb hat sie dann doch die Reproduktionsmedizin entdeckt, ausgerechnet durch die Bemerkung einer Freundin, die aus dem Prosecco-Bestseller erzählte. An Klara schreibt sie:

Samenraub kannte jeder, aber Samenspende? Gibt es das wirklich, und was kostet das? Ich war erfreut, erleichtert, elektrisiert und ein bisschen euphorisch. Zu Hause eröffnete sich mir bei meiner Recherche im Internet eine völlig neue Welt. Es war tatsächlich möglich, in Skandinavien, in Holland, in England. Überall um mich herum gab es Spermien zu kaufen, irre. Endlich hatte ich eine Perspektive und war mir sicher, dass ich Mutter werden konnte. Es fühlte sich an wie eine kleine Rettung. Ich war glücklich und optimistisch.