Schlank und schön ragt die russische Sojus-Rakete aus dem südamerikanischen Dschungel, elegant und doch so gewaltig, als könnte keine Kraft dieser Erde sie bewegen. Dabei wird sie sich in ein paar Stunden ins All katapultieren, angetrieben von einigen Hundert Tonnen Kerosin und flüssigem Sauerstoff, beladen mit einem Satelliten, der eine neue Ära bei der Erdbeobachtung einleiten soll. Mehr als hundert Techniker, Physiker und Ingenieure arbeiten an den letzten Handgriffen vor dem Abschuss, doch der Countdown läuft bereits: Noch fünf Stunden bis zum Start.

Auf dem europäischen Weltraumbahnhof in Kourou, Französisch-Guayana, starten seit 2011 Sojus-Raketen. Die nötige Startrampe zu bauen war eines der größten europäisch-russischen Kooperationsprojekte der vergangenen Jahre. Europa ist dafür in Vorkasse gegangen, und zwar kräftig: Rund 410 Millionen kostete der Bau.

Während im tropisch-schwülheißen Wetter Südamerikas die letzten Vorbereitungen getroffen werden, schwelt auf der anderen Seite der Welt die Ukraine-Krise weiter. Russland schafft Fakten, westliche Politiker überschlagen sich in empörter Rhetorik, fordern Sanktionen und schließen die Russen zumindest zeitweilig aus dem G-8-Zirkel aus. Die Konfrontation gilt als die schwerste Ost-West-Krise seit Ende des Kalten Krieges.

Was bedeuten diese Drohungen für Europas Raumfahrt? Werden europäische Weltraumbehörden ihre Zusammenarbeit mit dem russischen Pendant stoppen? Werden jahrelang geplante Projekte begraben und Hunderte Millionen, vielleicht sogar mehrere Milliarden Euro Steuergelder versenkt? Oder kann die Wissenschaft politische Gräben überwinden?

Die europäische Raumfahrtagentur Esa hatte vor knapp zwei Wochen dazu eingeladen, den Start des Satelliten Sentinel-1A vor Ort in Kourou zu verfolgen. Es war eine wichtige Premiere, denn Sentinel-1A ist der erste eigene Satellit des Programms Copernicus, eines Prestigeprojekts der europäischen Raumfahrt: Mehr als dreißig Satelliten sollen Daten erheben, die am Boden mit weiteren Informationen, etwa mit Wetterdaten, zusammengeführt werden. Das ist nicht nur technisch anspruchsvoll, es ist auch konzeptionell neu. Denn die Daten werden frei zugänglich sein, bezahlen muss niemand. 80.000 Arbeitsplätze soll das Programm in Europa schaffen, verbreiten die Pressebetreuer der Raumfahrtbehörde. Dies habe eine Studie ergeben.

Bis zu den ersten Anwendungen, wie sie sich die Esa vor allem durch kleinere und mittlere Unternehmen überall in Europa erhofft, ist es noch weit. Trotzdem ruft der verantwortliche Esa-Direktor Volker Liebig schon mal kühn "eine neue Ära der Erdbeobachtung" aus. Das ist die Fallhöhe beim ersten Raketenstart des Programms.

Die Annexion der Halbinsel Krim und die Furcht vor einer Eskalation zwischen Russland und der Ukraine überschatten den Starttermin. Im Lauf des vergangenen Monats sind erste Sanktionen verhängt, weiter reichende Druckmittel werden diskutiert. Für die Raumfahrer ist das heikel. Denn die "neue Ära" braucht russische Raketenwissenschaftler als Wegbereiter. Ohne sie blieben die Datensammler für den Orbit auf dem Boden Südamerikas. Das liegt an der Trägerrakete Sojus. Deren erstes Modell ist bereits im Jahr 1957 gestartet und erinnert an die Anfänge der Raumfahrt. Doch ihre Bilanz ist ungeschlagen: Mehr als 1.860 Starts haben Raketen dieses Typs bereits hinter sich, sowohl unbemannt als auch mit Raumfahrern vieler Nationen an Bord. Die Sojus ist das Arbeitstier der russischen Raumfahrt, ein Weltraum-Traktor.

Europas eigene Raketen (im Fachidiom der Ingenieure: Launcher) eignen sich einfach nicht für alle Missionen. Die italienische Vega ist nur für kleine Lasten ausgelegt, die europäische Ariane 5 hingegen für schweres Gerät; für mittelgroße Satelliten wie Sentinel-1A wäre ein Ariane-Start viel zu teuer. Also ein Taxi mit kyrillischer Beschriftung.

Beide Seiten profitieren von dieser Zusammenarbeit. Doch auf dem Weltraumbahnhof in Kourou bleibt man doch lieber unter sich. Das russische Sojus-Gebiet liegt mehrere Kilometer von den Abschussbasen von Ariane 5 und Vega entfernt, durch Stacheldraht und Checkpoints getrennt. Ohne Zugangsberechtigung kommt man nicht einmal in die Nähe. "Die Russen machen ihr eigenes Ding", sagt Esa-Mann Volker Liebig über die Startvorbereitungen, "die sind die Experten, wenn es um ihre Rakete geht."

Die räumliche Trennung ist mehr als die Folge von Arbeitsteilung – sie ist auch Ausdruck höflichen Misstrauens. Liebig sagt: "Man wollte damals zwar die Kooperation, aber nicht, dass die Russen Zugang zu den europäischen Launchern bekommen." Beim Transport kommerzieller Satelliten ist man stets auch Konkurrent.